»Das ist menschenunwürdig«

Füssener Christen leiden unter der Corona-Krise

Gläubige feiern einen christlichen Gottesdienst.
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Die Corona-Krise und die mit ihr verbundenen Einschränkungen beeinträchtigen auch den Alltag in den christlichen Gemeinden in Füssen. Vor allem sorgen sich die Gläubigen um das diesjährige Weihnachtsfest.

Füssen – Obwohl die Kirchen zu den ganz wenigen Einrichtungen gehören, die während des aktuellen „Lockdown light“ ihre Türen öffnen dürfen, beeinträchtigt die Corona-Krise das Wirken der Kirchengemeinden und das Leben der Gläubigen in Füssen erheblich. „Wir erleben Corona in sehr unterschiedlicher Weise“, berichtete Pfarrer Frank Deuring, Leiter der Pfarreiengemeinschaft Füssen, am Dienstagabend in der Sitzung des Haupt-, Finanz-, Sozial- und Kulturausschusses. Mittlerweile stelle er sich sogar die Frage, wie mit der Situation umgegangen werden kann, ohne an Menschlichkeit zu verlieren.

Es sind vor allem zwei Begebenheiten aus den vergangenen Wochen, die dem katholischen Pfarrer zu schaffen machen und umtreiben, erläuterte er den Stadträten im Haus Hopfensee. Eindrücklich schilderte er den Fall einer hochbetagten Corona-Patientin, die ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Kurz vor ihrem Tod habe sich die Frau das Gespräch mit einem Seelsorger gewünscht. Doch aufgrund der Ansteckungsgefahr habe niemand mehr zu der Frau gedurft. „Diese Menschen sterben mutterseelenallein“, sagte Deuring. „Das ist menschenunwürdig!“

Ähnlich sei die Situation bei einem alten Mann gewesen, der in ein Pflegeheim kam. Auch er habe dort keinen Besuch von seiner Familie empfangen dürfen. Nur kurz darauf sei der Mann verstorben, ohne dass seine Angehörigen hätten Abschied nehmen können. „Das trifft in die Seele des Menschen!“, sagte der Pfarrer. Auch deshalb sei kürzlich der letzte Wunsch einer 92 Jahre alten Frau kurz vor ihrem Tod ihm gegenüber gewesen: „Es darf nie wieder einen Lockdown geben!“

Sorgen bereiten Deuring auch die zunehmenden Klagen von Eltern, die befürchten, dass ihre Kinder aufgrund der Einsamkeit computer- oder handysüchtig werden könnten. Es stelle sich mittlerweile die Frage: „Wie können wir mit diesem Monster Corona umgehen, damit wir die Menschlichkeit nicht verlieren?“

Das Virus und die damit einhergehenden Beschränkungen sorgen obendrein für fast leere Kirchen, berichtete der Pfarrer. Kämen unter normalen Umständen mehr als 200 Menschen zu den Gottesdiensten in St. Mang, dürften derzeit maximal 90 Gläubige die Predigten besuchen. „Wir bemerken bei den Menschen gerade eine große Zurückhaltung.“ Das liege insbesondere auch daran, dass Kirchgänger meist älter seien und somit zur Risikogruppe gehören.

Sorge um Weihnachten?

Ein weiteres Problem, dass das Virus für Kirchen und Gläubige mit sich bringt, sprach Peter Neubert, seit September Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde, an – das bevorstehende Weihnachtsfest. „Es droht gerade, dass wir Weihnachten nicht gehändelt bekommen“, warnte er. Zwar werde in seiner Gemeinde gerade darüber nachgedacht, den Gottesdienst an Heiligabend auf die Morisse zu verlegen und unter freiem Himmel abzuhalten. „Aber da braucht es ein Wahnsinns-Konzept!“ Vorstellbar sei deshalb auch, dass der Weihnachtsgottesdienst in der Christuskirche stattfinden wird und sich die Gläubigen im Vorfeld online dafür anmelden müssen. Eine Entscheidung darüber soll in der kommenden Woche fallen. „Es geht etwas verloren, wenn wir an Weihnachten nicht mehr zusammenkommen können“, warnte Neubert.

Dabei habe es die Kirchen eigentlich noch gut getroffen, müssen sie doch im Gegensatz zu zahlreichen anderen Einrichtungen nicht schließen. „Ich bin überglücklich, dass wir Gottesdienst feiern können!“, betonte der Pfarrer. „Wir sind die Überprivilegierten“, freute er sich und lobte die Hygienekonzepte in den Gotteshäusern. „Aber Weihnachten wird die große Herausforderung!“

Es geht etwas verloren, wenn wir an Weihnachten nicht mehr zusammen- kommen können.

Peter Neubert, Pfarrer

Diese Einschätzung bestätigte auch sein katholischer Amtskollege Deuring. Allein an Heiligabend sollen in allen Füssener Stadtteilen zusammen zehn katholische Gottesdienste stattfinden, erklärte er.

Wie die Mitglieder der freien evangelischen Gemeinde Füssen in Corona-Zeiten Weihnachten feiern werden, ist derzeit noch offen. „Wir haben uns noch kein Konzept überlegt“, berichtete Larissa Schikowski. Da ihre Gemeinde aber weniger Mitglieder habe als etwa die katholische oder evangelische, sei das Problem nicht ganz so groß. Aber auch sie sprach von Beschränkungen im Gemeindealltag. „Singen ist sehr eingeschränkt, wir versuchen es zu umgehen.“ Wie Pfarrer Deuring sorgt sie sich um die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesellschaft und deren Zusammenhalt. „Bewegt hat uns sehr, dass gerade so ein Riss durch die Gesellschaft geht“, sagte sie. „Das Miteinander muss wieder mehr in den Fokus rücken!“

Gottesdienst online

Die „Schule der Erweckung“ hat dagegen jetzt schon wieder komplett auf Online-Gottesdienste umgestellt, wie ihr Pastor Jean-Christof Nadon berichtete. Das Risiko möglicher Infektionen durch die Zusammenkünfte der Mitglieder „war uns zu hoch“, erläuterte er. Für Weihnachten plane die Gemeinschaft aber einen Open-Air-Gottesdienst am Festspielhaus, kündigte er an.

CSU-Stadtrat Simon Hartung lobte die Überlegungen der Kirchen, an Heiligabend Opena-Air-Gottesdienste anbieten zu wollen. „Wenn es nicht gerade einen Orkan gibt, würde ich da hin gehen und viele, viele andere auch“, sagte er.

Eingeladen worden waren die Vertreter der verschiedenen christlichen Kirchen in Füssen in den Ausschuss, um zum einen über die geplante Gründung einer Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Füssen zu informieren (ein ausführlicher Bericht dazu folgt) und zum anderen, um die aktuelle Situation aus Sicht der Füssener Gläubigen und deren Sorgen und Nöte vor allem in Pandemie-Zeiten zu schildern.

mm

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