Historiker Peresson erzählt von der Bedeutung des Säulings für die Menschen in der Region

»Füssen und seine Historie«: Der Säuling als Himmelsberg

Der Säuling erhebt sich über dem Forggensee
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Geradezu mystisch erhebt sich der Säuling über den Wolken. In grauer Vorzeit wurden auf seinem Vorgipfel Rituale abgehalten, Jahrhunderte später christliche Messen. Lange waren die Menschen der Region auch davon überzeugt, dass hier Hexen wohnen.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über den Säuling und seine Bedeutung für die Menschen in der Region. 

Vom Falkenstein aus betrachtet zeigt er sich wie der steile Kegel eines Vulkans und nicht viel anders erscheint sein Umriss vom Gipfel der Zugspitze aus. Im späten Herbst und vor allem zur Zeit der Wintersonnenwende, wenn am Beginn eines Tages seine Felsen die Sonne noch verdecken und ihren Schatten weit hinaus ins Land schieben, dann erinnert seine Silhouette, die einem Scherenschnitt ähnelt, an die schartigen Mauern einer finsteren Ruine.

Seine ungewöhnliche Form und die Tatsache, dass er wie ein riesiger Findling isoliert in der Ebene steht und nicht wie benachbarte Gipfel durch Jöcher und Grate verbunden ist, machen den Säuling zu einer klassischen Landmarke, die Orientierung schenkt.

An glasigen Föhntagen erkennt man ihn vom Perlachturm in Augsburg ebenso gut wie von einem der Frauentürme in München. Wahrscheinlich wussten schon vor bald dreitausend Jahren die unerschrockenen Männer, die das Gold der Ostsee bis nach Etrurien trugen, dass sich an diesem Berg eine Pforte in der Felsenkette des Gebirges auftat und dem Wanderer den Weg nach Süden öffnete.

Aber nicht nur das: Allen Religionen und allen alten Kulturen war gemeinsam, an eine göttliche Kraft zu glauben, die man personifizierte und dort vermutete, wo das Land am weitesten zum Firmament aufstieg. So besaß jede Region, jede Talschaft weltweit einen heiligen Berg. Keinem Sterblichen war es erlaubt, seinen Fuß auf dessen Scheitel zu setzen.

In der jüdischen Schau der Dinge schlug sich dies im zweiten Buch Mose nieder. Der Führer der Israeliten, die aus Ägypten zogen, Moses, stieg im Sinai auf einen Berg, wo ihm der Herr verkündete: „Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder seinen Fuß anzurühren; denn wer den Berg anrührt, der soll des Todes sterben. Wenn aber das Widderhorn lange tönen wird, dann soll man auf den Berg steigen“.

Rituale auf dem Vorgipfel

Es steht außer Zweifel, das religiöse Rituale, die vom Stand der Sonne oder vom Verlauf der Sterne abhingen, auf Bergen stattgefunden haben. Doch die heiligen Handlungen beschränken sich grundsätzlich auf einen gemessenen Abstand zur jeweils höchsten Spitze.

Als im Jahre 1920 die Schweizerische Topographische Kommission den Bergstock des Olymp in Griechenland kartierte, waren die Ingenieure enttäuscht, dass sie auf dem höchsten der drei Gipfel keine Kultstätte vorfanden. Ihre Überraschung war aber groß, als sie die Reste eines steinernen Altares und antike Keramikreste auf einer Kuppe entdeckten, die hundert Meter tiefer und eine ganze Wegstunde weit vom Hauptgipfel entfernt lag.

Beim Säuling beschränkten sich die Zeremonien, wie überall auch, auf den Vorgipfel. Dieser besitzt, fast wie von Menschenhand geschaffen, ein respektabel großes, fast ebenes Areal, das Raum für mehrere hundert Menschen bietet. Erst das Christentum, das meist rigoroser und brutaler als die römische Verwaltung auftrat, begann, den Menschen seine Vorstellungen von Gottesverehrung aufzuzwingen. So verkamen die alten heiligen Plätze zu Orten teuflischen Hexenwerks.

Der kleine Hexenboden

Der einstige Platz feierlicher Zeremonien erhielt jetzt den Namen „Hexebeedele“, der kleine Hexenboden. Doch die Ironie der Geschichte verlegte sehr viel später die jährlichen Bergmessen der Katholischen Jugend Füssens am Säuling genau dorthin, wo viele Jahrhunderte vorher, etwa in megalithischer Zeit, schon Gottesdienst stattfanden.

Die erste Besteigung des Säulings in geschichtlich greifbarer Zeit, vielleicht in den Jahren um 760, gelang dem Füssener Stadtpatron, dem heiligen Magnus. Der suchte am Berg zwar die Nähe zu Gott, er begegnete jedoch einem Bären. Das scheinbar wilde Tier zeigte dem frommen Mann eine Erz führende Schicht, die er künftig mit Hilfe und zum Wohl der Einheimischen abbauen ließ. Das erzeugte Eisen wurde zu Werkzeugen verarbeitet.

Die Bärengeschichte gehört zu den letzten Wundern, die der Heilige im Füssener Land vollbrachte. Sie wurde deshalb schon in die erste Lebensbeschreibung aufgenommen. Der ortsfremde, Latein schreibende Mönch ließ sich auch den Ort des Bärenwunders nennen, doch aus dem ihm unverständlichen „Sailing“ versuchte er in bester Absicht ein Wort zu formen, das Sinn ergab. So schrieb er fälschlich „siulinch“.

Die Füssener kümmerte dies wenig. Bis auf den heutigen Tag gebrauchen sie den Namen in seiner alten, archaischen Form. Erst die Topographen des späten 19. Jahrhunderts schrieben in ihre Kartenwerke anstelle von „Sailing“ das entstellende „Säuling“. Die Etymologen ereiferten sich auch bald zu erklären, dass der Berg einer Säule gleiche. In Wahrheit besitzt die Säule, das klassische Element frühester Architektur, eine klar definierte Form und ihr Genus ist unbestritten feminin im Gegensatz zum maskulinen Bergnamen. Tatsächlich fußt „Sailing“ auf dem lateinischen „caelum” für Himmel. Aus „caelum” entwickelte sich im Italienischen „cielo“ und im Französischen „ciel”.

Eine Mischsprache entsteht

Als Wilhelm, der Herzog der Normandie, im Jahre 1066 nach der Schlacht bei Hastings den englischen Thron bestieg, wurde Französisch offizielle Hofsprache. Der normannische Adel bediente sich des Französischen und gleichzeitig ergoss sich ein Flut französischer Namen über England. Auch „ciel” wurde auf der Insel heimisch und mit diversen Zusätzen änderten sich die Bedeutungen, „aerociel” etwa beschreibt die untere Begrenzung der Wolkendecke und „ceiling” sowohl die (Zimmer-) Decke als auch einen Gipfel.

So bleibt nur, für den Namen unseres „Sailing/Säuling” noch einmal auf seine Herkunft aus der Sprache der Römer hinzuweisen. Während der 500-jährigen Zugehörigkeit des Füssener Landes zum Imperium änderte sich die Sprache, so dass eine Mischsprache, das Rätoromanische, entstand. Die Bewohner bedienten sich vermutlich bis in die Zeit des heiligen Magnus des Romanischen. So verstanden sie sehr wohl, dass der „Sailing” der Himmelsberg ihrer Heimat war.

Ein Zeichen der Trauer

Im Juni 1886, wenige Tage nach dem Tod König Ludwig II. war der Säuling Schauplatz für ein furioses Ereignis. Dabei spielte der Reuttener Gastwirt Andreas Angerer, eine entscheidende Rolle. In seinem Haus war der König immer wieder eingekehrt. Außerdem hatte er kurz vor dem Tod des Königs als Postmeister einen Hilferuf des Bayernkönigs an Otto von Bismarck nach Berlin telegraphiert. Die prompte Antwort des Reichskanzlers hatte er unverzüglich nach Schloss Neuschwanstein bringen lassen.

Nun war er Kopf und Organisator eines aberwitzigen Unternehmens: Unter dem Einsatz einer beachtlichen Schar berggewohnter und schwindelfreier Männer wurden Balken, ein schlanker Baumstamm und eisernes Klammerwerk auf den Gipfel des Säulings geschafft. Dort zimmerten die Männer ein massives Gerüst, in das sie einen Baumstamm als Fahnenmast einsetzten und an ihm ein schwarzes, drei Meter breites und sechzehn Meter langes Fahnentuch aufzogen.

Die Fahne, die im Wind fast waagrecht flatterte und bis weit ins Bayerische hinein zu sehen war, war ein Zeichen der Trauer Tirols um den gemeuchelten König des Nachbarlandes. Wohl oder übel musste der Füssener Bezirksamtmann Bernhard Sonntag zwei Gendarmen auf den Berg schicken, um die Fahne einzuholen. Als die beiden ihr Ziel endlich erreicht hatten, sahen sie, dass der Gegenstand des Ärgernisses auf dem österreichischen Teil des Gipfels stand. Deshalb war es ihnen verboten, die Fahne einzuholen.

Der Thron der Götter

Ein ganzes Jahr lang registrierten nun Touristen und ein Reiseschriftsteller das „Gerüst der Trauerflagge“ auf dem Säuling. Am 13. Juni 1887, am ersten Todestag des Monarchen, wehte die schwarze Fahne wieder im Wind. Als des Postmeisters Männer eine Woche später die Fahne vom Mast nahmen, fanden sie zu ihrem Entsetzen mehrere schier unlösbare Knoten in dem Tuch.

Im Außerfern und in ganz Tirol verbreitete sich die Nachricht, dass die Knoten nichts anderes als das teuflische Werk der auf dem Säuling hausenden Hexen sein konnten. Während auch durch die Täler Tirols schon Funken sprühende Eisenrösser dampften und fauchten, hoben sich am Säuling die Schleier vor einem Wissen, das viele tausend Jahre bestand: Mochten die Täler den Menschen gehören, die Gipfel der Berge waren wie vor ewigen Zeiten Throne der alten, unvergänglichen Götter.

Magnus Peresson

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