»Füssen und seine Historie«: Die Straße der Cäsaren

Magnus Peresson erzählt von der Planung der „Via Claudia Augusta“

Die Römerstraße „Via Claudia Augusta“ im Forggensee
+
Wenn im Mai der Schnee in den Bergen schmilzt, füllen sich die Materialgruben beidseits der „Via Claudia Augusta“, die durch den Forggensee verläuft.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson erzählt heute, wie es zum Bau der „Via Claudia Augusta“ kam.

Zu der Zeit, als die beiden großen Strategen des römischen Reiches, Oktavian/Augustus und Marcus Agrippa, daran gingen, ihre Vorstellungen von der Neuordnung der Welt umzusetzen und eine immerwährende Friedenszeit, die „Pax Romana“, auszurufen, mussten sie zuerst die politischen und territorialen Voraussetzungen dafür schaffen.

Damals klaffte zwischen der Provinz Gallien/Frankreich und der am Unterlauf der Donau liegenden Provinzen eine Lücke, die vom Rhein bis Ungarn reichte und auch das Alpenvorland und die Alpen nördlich des Hauptkammes umfasste. Die militärische Besetzung dieser Lücke im Jahre 15 vor Christus rundete die Nordgrenze des Imperiums ab und erschloss gleichzeitig den längsten Verkehrsweg Europas, die Donau.

Diplomatische Leistung

Der erstaunlich kurze Feldzug beruhte nicht allein auf der Schlagkraft der römischen Armee, sondern gleichwertig auf den Leistungen der Diplomatie. Hinzu kam, dass lange bevor ein Legionär fremdem Boden betrat, die Logistiker des Heeres immer genau wussten, zu welcher Zeit man wo sein würde.

Der Feldherr jener Truppen, die von Trient her (das damals schon römisch war) durch Etsch- und Inntal an den Lech kamen, war einer der Stiefsöhne des Augustus, der junge Drusus. Sein Naturell hatte ihn zum Liebling der Römer gemacht, sein strategisches Können zum gefeierten Krieger. Sein Schicksal war das aller klassischen Helden: früh zu sterben. Sein Weg verband nun auf dem kürzesten aller denkbaren Trassen die beiden großen Ströme des Reiches, Po und Donau, beide von West nach Ost fließend, beide bedeutende Wasserstraßen.

50 Jahre Verzögerung

Früh entstand die Idee, den schlichten Marschweg des Drusus durch eine Straße zu ersetzen, die mit Wagen befahrbar war. Der unerwartete Tod von Marcus Agrippa 12 vor Christus und auch der Tod von Drusus drei Jahre später führte jedoch dazu, dass sich der Plan um fast 50 Jahre verzögerte.

Rom lag, seine gesamte Geschichte lang, wie eine Spinne im Zentrum eines Netzes von Straßen, das die bekannte Welt umfasste. Der goldene Meilenstein auf dem Forum Romanum bildete Ausgang und Ziel jeder Straße, ihr Charakteristikum war die rücksichtslose Gerade auch in schwierigem Gelände. Sie ermöglichte es den Truppen, immer schneller vor Ort zu sein als der Feind erwartete.

Den alten Plan, die transalpine Fahrstraße zwischen den beiden großen Flüssen endlich zu bauen, nahm nach langer Zeit der Bruder des längst verstorbenen Drusus auf, Kaiser Tiberius. Die Auswertung der Jahresringe der Stämme, die am Knüppeldamm von Lermoos geborgen wurden, ergab als Datum für den Baubeginn im Abschnitt Fernpass – Füssen das Jahr 34 nach Christus.

Der Bau von Militärstraßen gehörte grundsätzlich zu den Aufgaben des Heeres.

Die Armee verfügte über Zehntausende junge, kräftige Männer, die in den jahreszeitlich bedingten Ruhezeiten dauerhaft beschäftigt werden mussten, allein um die Disziplin aufrechtzuerhalten. Neben diesem unerschöpflichen Fundus an Arbeitskräften, standen im gesamten Imperium Landvermesser, Straßen-, Wasser- und Brückenbauer, Statiker, Mineure, Geologen und Logistiker auf Abruf bereit. Deren Eliten, die für jedes denkbare Problem über längst erprobte Lösungen verfügten, konnten innerhalb wenige Wochen zusammengezogen und an den Brennpunkten der Trasse eingesetzt werden.

Sohn beendet Projekt

Obgleich die Trasse die harmloseste Variante aller römischen Alpenstraßen war, erforderte doch die Schlucht von Finstermünz, allein wegen des brüchigen Gesteins, hohes Können. Auch die Überquerung des Fernpasses von Fernstein- bis zum Weißensee ohne jede Kehre zählt zu den Meisterleistungen römischer Straßenbaukunst. Die verloren gegangene Brücke über den Lech südlich von Füssen kann den großen Brücken des Imperiums in nichts nachgestanden haben.

Tiberius erlebte die Vollendung des von ihm ausgelösten Unternehmens nicht. Die Fertigstellung erfolgte erst unter Kaiser Claudius, der ein Sohn des legendären „Straßenbahners“ Drusus war. Da er unter einer Sprachstörung und einer körperlichen Behinderung litt, war Claudius nie für das höchste Amt im Staat vorgesehen.

Nach Tiberius´ Tod und der kurzen Herrschaft des so grausamen wie unfähigen Caligula erwies er sich aber als kluger, tatkräftiger und verlässlicher Souverän. Als solcher konnte er im Jahre 46 das große Werk vollenden. Zur Krönung ließ er an der Grenze zwischen dem Mutterland und der neuen Provinz Rätien, in der Töll bei Meran, einen Gedenkstein setzen. Mit der Inschrift ehrte er seinen Vater Drusus, den er vermutlich nie kennengelernt hatte. Die Straße aber erhielt den Namen „Via Claudia Augusta“.

Antike Straße durchquert den Schluxen

Vom Kniepass kommend durchquerte die antike Straße den später sogenannten „Schluck“ (heute Schluxen genannt) und lief von dort geradlinig auf den Kratzer zu. Es ist ein nicht genug zu bestaunendes Phänomen, wenn die antike Straße, obwohl visuell längst verschwunden, im Grundbuch der Gemeinde Pinswang immer noch mit eigener Flurnummer existiert. Nach der Überwindung des steilen Kratzers und der Überquerung des Lechs durchschnitt die Straße die später dem Lech zum Opfer gefallene Flur Lusalten und erreichte am Baumgarten Füssen.

Am Stadtbrunnen nimmt die Via Claudia das eherne Prinzip der Geraden wieder auf. Ihr Ziel ist zuerst die Illasbergschlucht bei Dietringen. Mit wenigen, in der Landschaft kaum wahrnehmbaren Knicken umgeht sie die Landzungen von Osterreinen und Dürracker und erreicht in einem schwachen, der Topographie geschuldeten Bogen den angestrebten Ort und eine benachbarte Straßenstation. Ab hier diente auch der Lech als sehr schneller Reise- und Transportweg.

Bis heute sichtbar

Im Bereich des Forggensees liegen bis heute beeindruckende Reste der antiken Straße. Alljährlich tritt durch die Absenkung des Wasserspiegels der von Materialgruben begleitete Straßendamm zu Tage. Mehrere im Jahre 1953 vorgenommene Querschnitte zeigten in aufschlussreicher Weise den Aufbau einer römischen Straße. Der glaziale Untergrund erforderte wegen seiner Festigkeit und seiner Wasserdurchlässigkeit kein aufwändiges Fundament. Das erforderliche Material entnahm man kleinen Kiesgruben links und rechts der ausgesteckten Trasse. Große Kiesel, die nur mit beiden Händen gefasst werden konnten, bildeten wie ein grobes Pflaster die Basis. Darauf kamen bis zu drei Schüttungen von unterschiedlich gekörntem Kies, zuletzt wassergebundener Sand.

Utopie erfüllt sich nicht

Es sind beeindruckende Bilder, wenn alljährlich im Mai die Schneeschmelze den Wasserspiegel steigen lässt und sich die Materialgruben beidseits der Straße mit Wasser füllen, vergleichbar den Perlen einer überdimensionalen, prunkvollen Kette. Wenige Tage später ist es dann nur noch der Damm der Via Claudia Augusta, der aus dem Wasser ragt. Sein Niveau und sein Längsgefälle verraten, mit welcher Präzision und handwerklicher Güte man hier vor langer Zeit zu Werke gegangen war, so, dass auch zweitausend Jahre später, keine Spur verloren ging.

Der hehre Anspruch eines immerwährenden Friedens unter dem römischen Adler, die Utopie der „Pax Romana“, erfüllte sich nur für die Dauer weniger Jahrzehnte. Das architektonische und künstlerische Erbe dieser Idee und ihrer Zeit ist die „Ara Pacis Augustae“ in Rom, der Altar des Friedens. Sein Figurenschmuck aus carrarischem Marmor zeigt bis auf den heutigen Tag die lebensechten Gesichtszüge jener vier Männer, deren Geist und deren Tatkraft die Via Claudia Augusta ihre Entstehung verdankt: Augustus und Marcus Agrippa, Drusus und Tiberius.

Claudius aber, der in der „Ara“ nicht einmal als Kind im Mantel der Mutter erscheint, tritt heute in der „Sala Rotonda“ der Vatikanischen Museen überlebensgroß und mit imperialer Geste entgegen: „Ich zähmte die Wölfin“.

Magnus Peresson

Meistgelesene Artikel

Das Tagebuch des Leibarztes
Füssen
Das Tagebuch des Leibarztes
Das Tagebuch des Leibarztes
Fast 4000 Euro überwiesen: Ostallgäuerin fällt auf WhatsApp-Betrüger herein
Füssen
Fast 4000 Euro überwiesen: Ostallgäuerin fällt auf WhatsApp-Betrüger herein
Fast 4000 Euro überwiesen: Ostallgäuerin fällt auf WhatsApp-Betrüger herein
Hausmeister und Bewohner schlagen sich wegen Absperrpfostens
Füssen
Hausmeister und Bewohner schlagen sich wegen Absperrpfostens
Hausmeister und Bewohner schlagen sich wegen Absperrpfostens
Mit dem Gleitschirm vom 8000er: Lukas Wörle und Matthias Friedle aus Reutte wollen Gasherbrum II besteigen
Füssen
Mit dem Gleitschirm vom 8000er: Lukas Wörle und Matthias Friedle aus Reutte wollen Gasherbrum II besteigen
Mit dem Gleitschirm vom 8000er: Lukas Wörle und Matthias Friedle aus Reutte wollen Gasherbrum II besteigen

Kommentare