»Absoluter Wahnsinn«

Polizei weist Rettungswagen mit Herzpatienten an der Grenze Füssen-Ziegelwies ab

Die Grenze nach Bayern.
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Weil er ein Dokument nicht dabei hatte, wurde ein Rettungswagen des Österreichischen Roten Kreuzes, der einen Herzpatienten in die Klinik nach Füssen bringen sollte, an der Grenze Füssen-Ziegelwies abgewiesen.

Füssen/Reutte - Ein Vorfall an der Grenze nach Füssen hat für viel Aufregung im Außerfern gesorgt. Wie erst jetzt bekannt wurde, stoppte die deutsche Polizei Anfang März am Grenzübergang Füssen-Ziegelwies einen Rettungswagen des Österreichischen Roten Kreuzes, der einen Herzpatienten in die Klinik nach Füssen bringen wollte, und schickte ihn wieder zurück. Grund war ein fehlendes Dokument. 

Der Haussegen zwischen Bayern und Tirol hängt im Zuge der Corona-Krise schon seit einiger Zeit schief. Nicht zur Verbesserung der Beziehungen hat sicher dieser Vorfall an der Grenze zu Füssen beigetragen. Nachdem Tirol als Risikogebiet mit besonders hohem Infektionsrisiko, dem sogenannten Virusvarianten-Gebiet, eingestuft worden ist, wird an der Grenze kontrolliert. Anfang März stoppte die deutsche Polizei am Grenzübergang Füssen-Ziegelwies einen Rettungswagen des Österreichischen Roten Kreuzes, der einen Herzpatienten in die Klinik nach Füssen bringen wollte.

Das verursachte jedoch eine Verzögerung von 30 Minuten beim Risikotransport in die Herzklinik Füssen, was für den Patienten durchaus böse hätte ausgehen können. Nachdem der Rettungswagen an der Grenze abgewiesen worden war, drehte er laut Tiroler Tageszeitung um und fuhr nach Pinswang zurück, wo ein anderes Rettungsauto das fehlende Papier von der Rot-Kreuz-Bezirkszentrale aus Reutte anlieferte.

Kein Verständnis für Vorgehensweise der Polizei

Erst als „der Wisch“ – so bezeichnete Andreas Inwinkl, Geschäftsführer und Leiter des Rettungsdienstes beim Roten Kreuz Reutte, das fehlende Papier gegenüber dem Kreisbote – „nachgereicht“ werden konnte, ging für den Patienten und die Rettungscrew der Grenzbalken hoch. In der Klinik musste der Patient dann umgehend operiert werden.

Der Fall sorgte im Außerfern für viel Aufregung, die meisten haben kein Verständnis für die Vorgangsweise der deutschen Polizei. Umso weniger, da in den vergangenen Jahren die offizielle Zusammenarbeit mit dem Herzklinikum Füssen und der Österreichischen Kassen klaglos funktionierte.

Im Ersatz-Rettungsfahrzeug unterwegs

Warum das notwendige Papier fehlte, erklärte Inwinkl gegenüber unserer Zeitung so: „Wir mussten ein Rettungsauto überraschend in die Werkstatt bringen, deshalb kam ein anderes aus Ehrwald zum Einsatz, in dem sich der besagte Zettel nicht befand.“ Inwinkl bezeichnete die Situation als „absoluten Wahnsinn“, zumal - wie vorgeschrieben - Patient wie Sanitäter negativ getestet waren.

Bei dem Schriftstück soll es sich um die Kopie einer E-Mail handeln, in der das Bayerische Staatsministerium den eigenen Leuten an der Grenze mitteilt, dass eine Einreise für Behörden und Organisationen für Sicherheitsaufgaben, also Rettung, Polizei, Feuerwehr und andere, die sich im Einsatz befinden, erlaubt ist. Dieses Schriftstück hätte laut Inwinkl den Beamten an der Grenze ohnehin bekannt sein müssen.

Rettungsdienste im Einsatz dürfen einreisen, bestätigte die Bundespolizeiinspektion Kempten auf Nachfrage des Kreisbote. Da es aufgrund der Corona-Pandemie derzeit zu verstärkten Grenzkontrollen kommt, unterstützt die Landes- bzw. die Grenzpolizei die Bundespolizei bei diesen Aufgaben. Das ist auch beim Grenzübergang Füssen-Ziegelwies der Fall. „An diesem Grenzübergang wird derzeit im Rahmen der pandemiebedingten Grenzkontrollen ausschließlich durch die Bayerische Grenzpolizei kontrolliert. Daher ist diese Maßnahme nicht der Bundespolizei zuzurechnen“, heißt es von Seiten der Bundespolizeiinspektion, die für weitere Fragen an die Grenzpolizeidirektion Passau verweist.

Bei den Beamten entstand nicht der Eindruck, dass es sich um einen dringenden medizinischen Notfall handelt.

Dominic Geißler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West

Diese bewertet den Vorfall etwas anders, wie Dominic Geißler, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West gegenüber dem Kreisbote erklärt. Der Rettungswagen sei ohne eingeschaltetes Blaulicht oder Martinshorn zur Grenze gefahren. „Bei den Beamten entstand nicht der Eindruck, dass es sich um einen dringenden medizinischen Notfall handelt“, so Geißler. „Zu keinem Zeitpunkt hat sich eine Eilbedürftigkeit ergeben.“ Für die Polizisten an der Grenze sei es ein ganz gewöhnlicher Krankentransport gewesen.

„Sonst hätten die Beamten sicher anders reagiert.“ Sprich, sie hätten den Rettungswagen entweder direkt durchfahren lassen oder nach einem kurzen Gespräch durchgewunken. So hätten die Polizisten den Rettungswagen aber wie jedes andere Fahrzeug auch angehalten. Der Patient hatte einen negativen Coronatestnachweis dabei - im Gegensatz zum Fahrer des Krankentransports, sagt Geißler. „Das ist aber zwingend notwendig.“ Die Beamten müssten sich an die Verordnungen halten und könnten auch für Fahrer von Krankentransporte keine Ausnahmen machen - wenn es sich nicht um einen Notfall handelt. „Der Sanitäter hat das gelassen hingenommen“, meint Geißler.

niko/kk

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