Ein Leben ohne Zwänge

"Füssen und seine Historie": Zum 175. Geburtstag erzählt Peresson, wie König Ludwig II. seine Zeit in Hohenschwangau verbrachte

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Dieses Foto um das Jahr 1900 zeigt die Stelle an der Hornburg, an der König Ludwig II. im November und Dezember des Jahres 1872 mehrmals zu abend aß und dabei die Bauarbeiten am Schloss Neuschwanstein verfolgte.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand.

Jetzt berichtet er zum Geburtstag von König Ludwig II., der heute 175 Jahre alt geworden wäre, wie dieser seine Zeit in Hohenschwangau verbrachte.

Die Tage und Wochen, die Ludwig II. als Kind, Jugendlicher und junger Monarch in Hohenschwangau verbracht hatte, erschienen in seiner Erinnerung zeitlebens wie von goldenem Licht verklärt, wie ein Schweben im Paradies, als ein Abschnitt seines Lebens, der noch einer göttlichen Ordnung entsprach. In seinem letzten Brief an Richard Wagner, im November 1882, schrieb der König: „Mit herzlicher Freude erinnere ich mich der November-Tage d. J. 65, die wir hier gemeinsam verlebten; es war eine herrliche Zeit“.

Guter Schwimmer

Im Alpsee hatte der Hohenschwangauer Landwirt Mang Anton Müller dem Kronprinzen das Schwimmen gelehrt – zu einer Zeit, als die Gesellschaft Schwimmen als eher befremdlich empfand. Seine Ausdauer bewies der 15-jährige Prinz am 8. August 1860 ab, als er von der Kahnhütte des Vaters unweit des Pindarplatzes den See bis zur Sperbersau in 22 Minuten querte. Zu seiner Sicherheit schwamm neben ihm Baron von Wulffen. Der Erzieher Graf de la Rossee ruderte in einem Kahn nebenher. Wie oft und wie intensiv Ludwig das Schwimmen im Alpsee später pflegte, erschließt sich nur beiläufig in Briefen an seine frühere Kinderfrau. Belegen lässt sich jedoch, dass Ludwig II. nach einer seiner nächtlichen Ausfahrten im Juli 1876 um halb drei Uhr morgens, in absoluter Dunkelheit, ein Bad im Alpsee nahm. Nach seinem rätselhaften Tod im Starnberger See sollten die Stimmen der Königstreuen nicht verstummen, die wissen wollten, dass der König beabsichtigt habe, von Schloss Berg aus zur Roseninsel zu schwimmen, um von dort mit Hilfe der Kaiserin Elisabeth und des Freiherren Willibald von Beck-Peccoz und dessen schneller Gespanne auf dem kürzesten Weg nach Tirol zu flüchten.

Wie sehr dem 18-Jährigen die Aura Hohenschwangaus bewusst war, beschrieb er am 10. August 1863 in einem Brief an seine frühere Kinderfrau: „Wundervoll ist der Alpsee am frühen Morgen, wenn der Nebel sich zerteilt und das Schloss in hehrer Pracht sich zeigt.“ Für den jungen König war Hohenschwangau „lieb und traut“ und im „unseligen München“ sehnte er sich nach seinen geliebten Bergen, wo er in „wonniger Einsamkeit, umwallt von reinem Äther fern der Welt, die mich stets verkennt“ Mensch sein, ein Leben ohne Zwänge führen konnte.

Der König zieht widerwillig in den Krieg

Zu den Ritualen der Aufenthalte in Hohenschwangau zählten vor allem Namens- und Geburtstagsfeiern für Königin Marie. Nach einer Messe in der Schlosskapelle und einer Mittagstafel fuhr die Gesellschaft bei diesen Feiern zum Schweizerhaus in der Bleckenau. Mitunter steuerte zu abendlicher Stunde der „Füssener Liederkranz” festliche Gesänge bei. Zwischen den Liedern erstrahlten das Schloss und die Nebengebäude in bengalischer Beleuchtung. Die Häuser unterhalb des Schlosses waren beleuchtet, unablässig krachten Böller und auf den Bergen loderten riesige Feuer. Mitunter zog ein Prozession von Fackelträgern zum Schloss und an dem damals baumlosen Bullachberg entflammte eine mit vielen Lampen gebildete Initiale.

Ludwigs erster Geburtstag als König wurde aufgrund des Todes seines Vaters, der erst ein halbes Jahr zurücklag, vergleichsweise unauffällig begangen. Das hielt die Schwangauer jedoch nicht davon ab, die gewohnten Bergfeuer zu entzünden und die „Stille des Abends mit unzähligen Böllerschüssen“ zu unterbrechen. Die königliche Familie war da schon in der Bleckenau und verstand es, den Abend in „ländlicher Abgeschiedenheit“ würdig zu begehen.

„Sie wissen, dass ich diese Plebsereien nicht mag.“

Ludwig II. lag nichts an ausgelassenen Festen. Als sein Kabinettssekretär ihm einmal einen ganzen 30 Bogen umfassenden Bericht über die in Bayern zu Ehren seines Geburtstages stattfindenden Feiern vorlegen wollte, wies ihn der König ungehalten ab: „Sie wissen, dass ich diese Plebsereien nicht mag“.

1866 war Bayern aufgrund von Verträgen gezwungen, an der Seite Österreichs in einen Krieg gegen Preußen einzutreten. König Ludwig II. lehnte diesen Krieg aus mehreren Gründen vehement ab: Zum einen war das bayerische Königshaus mit demjenigen von Preußen durch seine Mutter auf das engste verbunden, zum anderen war die geringe Leistungsfähigkeit der bayerischen Armee kein Geheimnis und es ging um Leben und Tod seiner Untertanen. Voll Verzweiflung zog er sich auf die Roseninsel zurück, rang um die rechte Entscheidung und dachte ernsthaft daran, seine Krone niederzulegen. In diesen Tagen sagte er auch, dass die dunklen Fluten des Alpsees ihn nie stärker angezogen hätten, darin seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten. Schließlich bat er Richard Wagner um Rat. Der beschied ihm, dass Könige, auch wenn sie einen Krieg ablehnten, allein aus Gründen der Staatsräson einen solchen befehlen müssten. Die Umstände ließen ihm keine Wahl, zwangen ihn, die Mobilmachung der Truppen zu unterzeichnen, wohl wissend, dass das Unternehmen in einer Katastrophe für sein Land enden würde. So kam es dann auch. Tief erschüttert besuchte er fünf Monate später, bei heftigem Schneegestöber am 11. November, das Schlachtfeld bei Kissingen.

Abkehr vom öffentlichen Leben

Spätestens jetzt wurde für den Pazifisten auf dem bayerischen Thron das geliebte Hohenschwangau zu einem Refugium, das allein es ihm ermöglichte, physisch wie psychisch zu überleben. Vier Jahre später folgte an der Seite der verhassten Preußen ein weiterer Krieg, jetzt gegen das von ihm so verehrte Frankreich. Trotz des glanzvollen errungenen Sieges traf ihn das Geschehen tief ins Mark. Die Gründung des Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Versailles, empfand er als Demütigung der unterlegenen Franzosen und als Verlust seiner Position in der politischen Landschaft Deutschlands.

Alles zusammen beschleunigte seine Abkehr vom öffentlichen Leben. Die Gesellschaft des Münchner Hofes mit ihren teilweise dümmlichen Ritualen, der blind auftrumpfende, von Blut und Eisen schwadronierende Militarismus und die wachsende Anbiederung der Münchner an den Kaiser in Berlin verachtete er aus tiefstem Herzen. Nur im Anblick der von ihm als erhaben empfundenen Bergwelt, in der Stille von Graswangtal und Ammerwald, von Plansee und Fernsteinsee, in der Behaglichkeit des väterlichen Schlosses in Hohenschwangau und in den kargen Berghäusern wollte er leben. Nur hier wuchs er in jene Rolle hinein, die ihm einmal Unsterblichkeit verleihen würde: Ein wahrer König von Gottes Gnaden zu sein, ein Friedensfürst und machtvoller Bauherr, ein großherziger Freund der kleinen Leute und schließlich der Retter Richard Wagners aus tiefster Not.

Seine Sicht auf die Welt

Hohenschwangau war für den König nun jener Ort, von dem die Poeten aller Zeiten und aller Hochkulturen geträumt und fabuliert hatten, der Garten Eden, das Paradies, aber auch der Platz, an dem sich seine Sicht auf die Welt manifestieren sollte, im Bau von Schloss Neuschwanstein. Das heute in aller Welt bekannte und trotzdem vielfach unverstandene Bauwerk wird für alle Zeiten sein zu Stein gewordenes, geistiges Vermächtnis sein.

Das Jahr 1872 schenkte dem Land vor den Bergen einen wahrhaft goldenen Herbst. Weder Regen noch Nebel, nicht eine frostige Nacht und kein Schnee trübten die Monate November und Dezember. Die ungewöhnlich milden Tage nutzte der König mehrmals, seine Mittagstafel an die Hornburg zu verlegen, vermutlich unter die Tannen an der Reith. Hier konnte er die Lust an gutem Essen mit der Freude beim Anblick schöner Dinge vereinen. So beobachtete er schlemmend, wie hoch über dem Tal an seiner neuen Burg ein Heer von Arbeitern im Stangenwald der Gerüste Quader um Quader auf den Torbau setzten.

Idyllische Einsamkeit der Natur erhalten

Sechs Jahre später kam es am Ufer des Fernsteinsees zu einem Treffen zwischen dem König und dem Eisenbahnplaner Anton Memminger, der am Fernpass im Auftrag der Stadt Kempten, die Trasse einer Bahnlinie vom Außerfern in das Inntal und zur Arlbergbahn festzulegen hatte. In der Diskussion um die Notwendigkeit von Eisenbahnen erklärte Ludwig II.: „Ich halte dafür, dass das Glück der Völker nicht in der Menge ihrer Eisenbahnen liegt. Man soll mir die idyllische Einsamkeit und die romantische Natur, deren malerische Schönheit im Winter noch ungleich größer ist als im Sommer, nicht durch Eisenbahnen und Fabriken stören.” Der König fügte hinzu: „Auch für zahllose andere Menschen, als ich einer bin, wird eine Zeit kommen, in der sie sich nach einem Lande sehnen und zu einem Fleck Erde flüchten, wo die moderne Kultur, wo Technik, Habgier und Hetze noch eine friedlich Stätte weit vom Lärm, Gewühl, Rauch und Staub der Städte übriggelassen hat“. Prophetische Worte, die sich kaum mehr als hundert Jahre später erfüllen sollten.

Magnus Peresson

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