Historische Zeitreise durch Füssen

Burg Schwanstein: Der fauchende Schwan

+
Die Lithographie des Münchener Graphikers Max Joseph Wagenbauer aus der Zeit um 1810 zeigt den Schwanstein nach den Verwüstungen der Napoleonischen Zeit.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die Burg Schwanstein.

Schwanstein – welch ein klangvoller Name für einen finsteren Turm! Die alte Bezeichnung, „ein Thurn genannt der Swan“, bezog sich vermutlich auf die außergewöhnliche Bemalung der Nordfassade des Turms, die von weither sichtbar war. Sie zeigte in riesenhaften Abmessungen das Wappen der Herren von Schwangau, einen silbernen Schwan auf purpurnem Grund. Es sprach für die streitbare Familie, dass sie den Schwan nicht still auf den Wellen gleitend auf Schild und Banner führte, sondern den schreitenden Schwan mit gesträubtem Gefieder und fauchendem Schnabel. 

Bei den Einheimischen verkürzte sich der ungewöhnliche Name „ein Thurn genannt der Swan“ bald auf die Kurzform „der Schwan“. Von den Burgen und Türmen der ritterlichen Familie, die aus den Unterlagen in den Archiven bekannt sind, war die früheste Anlage der 1290 genannte Frauenstein, die jüngste, der 1397 erstmals erwähnte „Schwan“. In seiner ersten Phase handelte es sich dabei um einen quadratischen Turm mit einer Seitenlänge von etwa acht Metern. Es war ein bescheidener Bau, dessen Mauerwerk sich vermutlich noch im heutigen Gemäuer befindet. 

Die Geschichte der Schwangauer Burgen begleitet trotz der guten Aktenlage bis auf den heutigen Tag ein Wust aus Irrtümern. Das liegt zum einen daran, dass die mit vielen Söhnen und Töchtern gesegnete Familie im Mannesstamm 1536, vor fast einem halben Jahrtausend, erlosch. Zum anderen liegt es daran, dass Historiker und Laien die Geschichte Schwangaus und seiner Burgen immer in bester Absicht, immer aber ohne Ortskenntnis beschrieben und dies zu einer Zeit, als die Disziplinen Baugeschichte und Burgenforschung noch nicht existierten.

 Diese Männer stützten ihre Arbeit auf Urkunden, Kirchenbücher und auf wenige erhaltene Grabsteine. Dabei verstanden sie die im Laufe von Jahrhunderte sich veränderten Schreibweisen und lokalen Benennungen nicht oder falsch. Sie verwechselten die für die beiden Hohenschwangauer Burgen, die über der Bellatschlucht lagen, so wichtigen Zusätze „vorder“ und „hinter“ und sie irrten sich mitunter auch in der zeitlichen Einordnung der über viele Generationen stets gleichen Vornahmen der Familie. 

Abenteuerliches Bild

Geschichtsschreibung im modernen Sinne setzte erst ein, als der Bayerische Kronprinz Maximilian im Jahr 1832 den Schwanstein erwarb. Der Münchner Archivdirektor Karl August Muffat sichtete die im Hauptstaatsarchiv verwahrten, einschlägigen Urkunden und legte seine nicht immer fehlerfreie Sicht der historischen Entwicklung in einer kleinen Schrift nieder. Ein Günstling des Kronprinzen, der Freiherr Joseph von Hormayr – Hortenburg verfasste die „Goldene Chronik von Hohenschwangau“, ein Werk, in dem er mit Eifer und Unverfrorenheit ein mitunter abenteuerliches Geschichtsbild konstruierte und der auch vor der Fälschung und Erfindung von Urkunden nicht zurückschreckte. 

Die Fertigstellung des Schlosses Hohenschwangau zum Schwanstein 1837 zog eine Vielzahl von gut gemeinten, jedoch selten fehlerfreien Schloss- und Landschaftsbeschreibungen nach sich. Ursprünglich hatte sich die Familie der Herren von Schwangau, die aus dem Tiroler Inntal stammten, am Fuß des Gißhibl in Schwangau nieder gelassen. Die Umfassungsmauern der heutigen Kirche St. Georg sind aller Wahrscheinlichkeit nach die der ersten, noch namenlosen Burg. 

Auf Grund besonderer Verdienste um das Reich stiegen die Herren von Schwangau zu Rittern des Reiches auf und bauten wohl deshalb auf dem höchsten Punkt der nur schwer zugänglichen Felsrippe über der Bellatschlucht einen Turm, der „Hohenschwangau“ genannt wurde. Da die Familie viele Söhne und Töchter bekam, stieg der Raumbedarf. Er erzwang bald den Bau eines weiteren Turms in nur geringer Entfernung und etwas tiefer gelegen, so dass man ab jetzt zwischen „vorder“ und „hinter“ (eigentlich Ost und West) unterscheiden musste.

Die Lage auf dem wasserlosen, viele Wochen verschatteten Felsen und der weiter wachsende Raumbedarf, vielleicht auch verbunden mit dem Wunsch nach einer besseren Erreichbarkeit, verleitete einen der Söhne dazu, auf dem Ausläufer des Schwarzenberges unterhalb der Burg Frauenstein einen weiteren Turm zu errichten, eben den „Schwan“.

Turm wird zur Burg

Die Wahl des Bauplatzes erklärt sich auch dadurch, dass er in der Nähe des alten Weges lag, der durch die Alpseefurche nach Tirol führte. Da die Familie weiter wuchs, scheint es an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert nicht nur zu einer Erweiterung der Vorderen Hohenschwangau gekommen zu sein, sondern auch zu einem großen Anbau an den „Schwan“. In dieser Phase entstand im Anschluss an den Turm ein Gebäude mit einem ungewöhnlichen, der Topographie des Berges angepasstem Grundriss. 

Man könnte diesen als überzogenen Viertelkreis mit stumpf aneinander stoßenden Radialabschnitten beschreiben. Durch die Mitte des Hauses führte ein breiter Flur, ein „Fletz“ oder „Soler“, an dem links und rechts Räume und Kammern lagen, die durch Holzwerk getrennt wurden. In einer späten Beschreibung werden ausdrücklich die „dünnen“ Mauern erwähnt, ein Hinweis darauf, dass man zur Bauzeit eine Beschießung mit Katapulten nicht befürchten musste. Mit dieser Maßnahme aber war aus dem „Thurn“ ein „Stein“ geworden, der ab jetzt sogenannte Schwanstein. 

Ritterfamilie stirbt aus

Den wehrhaften Bau erwarb wenige Wochen vor dem Tod der letzten Herren von Schwangau 1536 der Augsburger Kaufmann Hans Baumgartner. Der ehrgeizige Neureiche hoffte, dass ihm mit dem Kauf der ehrwürdigen, reichsunmittelbaren Herrschaft der Aufstieg in den Hochadel gelänge. Aus den gleichen Überlegungen heraus ließ er den Bestand nur wenig verändern. Wenn man ein historisches Gemäuer besaß, war es leicht, eine lange ritterliche Tradition vorzutäuschen. Allein der Anbau dreier Türme an den mittelalterlichen Bestand verwandelte den bisher eher düsteren Bau in ein glanzvolles Schloss. 

Baumgartners eigentliche Leistung lag aber im Bau von Bastionen, von Befestigungen die der neuen Kriegstechnik, der möglichen Beschießung mit Kanonen Rechnung tragen sollten. Für diese Aufgabe berief er Steinmetze, die vom Südrand der Alpen, aus dem „Val d’ Intelvi”, südöstlich von Lugano stammten. Ihr führender Kopf war Lucio di Spazzi aus Lanzo, ein erfahrener Festungsbaumeister, der an den Befestigungen von Augsburg und Innsbruck gearbeitet und der auch Pläne für die legendäre Festung von Finstermünz im oberen Inntal entwickelt hatte. In Spazzis Gefolge erschien eine Reihe namentlich noch bekannter Männer, „Paliere“, die die vielen Arbeiter im Steinbruch und am Bau anleiteten. Das waren Carlo Ferrabosco, Luigi Costa, Andrea Spareso und die Brüder Zorzo. Die Bauarbeiten dauerten von 1538 bis 1547, nur zwei Jahre nach der Vollendung starb der Bauherr. 

Burg geht an Kurfürsten

Sein Sohn Hans Georg baute ab 1550 eine Anlage in Erbach bei Ulm, die ähnlich der Schwanstein konzipiert, doch auf Grund der Topographie absolut regelmäßig war. Hans Georg und sein Bruder David verbrauchten in kurzer Zeit das vom Vater angehäufte Vermögen. David, der Herr auf dem Schwanstein, verkam zum Raubritter und verlor 1567 in Gotha Kopf und Leben. Sein Bruder Hans Georg wurde in den Augsburger Schuldturm geworfen. Als er nach fünf Jahren aus der schweren Haft entlassen worden war, starb er nur wenige Tage später. 

Herrschaft und Burg kamen nun in den Besitz des bayerischen Kurfürsten Albrecht, der mitunter auf ein paar Tage zur Jagd nach Schwangau kam. Danach zerfielen nicht nur drei der vier Schwangauer Burgen, der Bauunterhalt des Schwansteins blieb stets hinter dem Notwendigen zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verwüsteten Tiroler Freiheitskämpfer und napoleonische Soldaten die Räume. Ihr Vandalismus machte auch vor der Burgkapelle nicht Halt. Es folgten Besitzerwechsel und Spekulation. Einmal fasste man den Abbruch und die Vermarktung des Baumaterials ins Auge. Es war eine schlimme Zeit: Der Ausbruch des Vulkans Tambora in der Südsee zog einen Sommer ohne Sonne nach sich. 

Das ganze Land, ja die ganze Welt hungerte und junge Leute suchten ihr Glück in der Neuen Welt. In diesen dunklen Jahren erschien wie in einem alten Märchen ein echter Prinz, der bayerische Kronprinz Maximilian. Der 18-Jährige erkannte die Magie der Landschaft mit ihrem Wechsel von Hochgebirge und flachem Land, von fallendem Wasser und stürzendem Gestein, von Seen und dunklen Mooren, von weiten Wiesen und kleinen Äckern, von Viehweiden und Wäldern. Vielleicht erahnte er auch das Gewicht der Vergangenheit, das auf den Mauern lastete und in den Räumen nistete. So verfiel der Prinz dem Schwanstein. Damit begann aber ein neues, ein glanzvolles Kapitel, das erst mit dem Bau von Schloss Neuschwanstein seinen Abschluss finden sollte.

Magnus Peresson

Auch interessant

Meistgelesen

Feuerwehr findet vermisste Frau in Füssen
Feuerwehr findet vermisste Frau in Füssen
Schwangau feiert das traditionelle Colomansfest
Schwangau feiert das traditionelle Colomansfest
Schwangauer Faschingsverein bereitet sich mit der 46. Generalversammlung auf die Fünfte Jahreszeit vor
Schwangauer Faschingsverein bereitet sich mit der 46. Generalversammlung auf die Fünfte Jahreszeit vor
Parkgebühren in Füssen steigen
Parkgebühren in Füssen steigen

Kommentare