Ein Himmel voller Heiliger

Wohnen wie ein Kaiser in Füssen

+
Als „schwäbischer Heiligenhimmel” wurde die Decke im Rittersaal im Hohen Schloss einmal bezeichnet. Bedeutende Heilige, darunter die Heilige Afra (links) blicken von dort herab.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die Wohnkultur zur Zeit Kaiser Maximilians.

Am 28. März 1492 ist Maximilian I. auf einem Ritt von Tirol nach Augsburg zum ersten Mal nach Füssen gekommen. Obwohl sein Aufenthalt nur eine Nacht und nicht mehr als einen halben Tag gedauert haben konnte, hatte er die günstige Lage der Stadt auf dem Weg zwischen Innsbruck und Augsburg erfasst und die Möglichkeit erkannt, hier eine beschwerliche Reise für einige Tage zu unterbrechen. 

Er konnte auch davon ausgehen, dass er, der immer an Geldmangel litt, im Hohen Schloss die Gastfreundschaft des Hausherrn, des Bischofs von Augsburg, genießen würde. Am 26. März 1494 nahm Maximilian I. mit der Mailänder Herzogstocher Maria Bianca Sforza, die er wenige Tage zuvor geheiratet hatte, und seinem großen Gefolge für drei lange Wochen Quartier im Schloss. Der burgenartige Bau mit seinen drei Flügeln und fünf Türmen war zu diesem Zeitpunkt eine große Baustelle, die von Gerüsten umstellt war und auf der es von Handwerkern wimmelte. 

Nur der Storchenturm mit seinen bereits fertig gestellten, wohnlichen Stuben konnte in diesen Tagen eine dem Kaiser angemessene Wohnung sein. Repräsentative Residenz Wahrscheinlich fiel schon während des Aufenthalts des Kaisers im Jahre 1494 der Entschluss, den Nordflügel mit seinen bis dahin eher bescheidenen Ausmaßen durch An- und Aufbauten zu einer repräsentativen Residenz umzuwandeln. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die von Nostalgie geprägten Vorstellungen des Kaisers und seine grenzenlose Schwärmerei für eine vergangene Epoche, die Zeit des klassischen Rittertums, den Stil des Bauwerks bestimmten. 

Was um das Jahr 1505 schließlich zum Abschluss kam, war die in Stein gegossene, verklärende Rückbesinnung auf die hohe Zeit der Gotik. Im Erdgeschoss des Nordflügels befand sich ein großer Stall für Pferde, eine Brunnenstube, ein beheizbares Badegewölbe und eine Küche, deren steile Kreuzgewölbe einen riesigen Rauchfang umschlossen. Unter ihm befand sich der gemauerte Herd, auf dem es möglich war, über offenem Feuer große Mengen an Speisen zuzubereiten.

Vielleicht war der Kaiser sogar Augenzeuge, als man einer der beiden Säulen des Rauchfangs das Kapitell mit der eingehauenen Jahreszahl 1494 aufsetzte. Der Rauchfang führte mit seinem gesamten Querschnitt durch das nächst höhere Stockwerk ehe er als Kamin übers Dach geführt wurde. Das Gewölbe des Rauchfanges trug im zweiten Obergeschoss die bischöfliche Schlafkammer und der aufsteigende Rauch wärmte die Ziegel des Gewölbes und damit die Bettstatt des Bischofs. Zur gleichen Zeit ging im Südflügel der Umbau der Schlosskirche St. Veit und des Pflegamtes zu Ende. Schreiner und Bildhauer versahen die Schreibstuben und auch die Wohnung des Pflegers mit Vertäfelungen und vielen kunstvoll geschnitzten Deckenbalken. 

Um die neuen Räume im Fürstenflügel auszustatten, bot der Bischof allem Anschein nach die Elite der schwäbischen Handwerkerschaft auf. Zu ihnen gehörte der in Füssen geborene Bildhauer Jörg Lederer, der hier vier Jahre lang seiner Profession nachging. Von dem, was die Schreiner und Schmiede damals an Tischen, Stühlen, Bänken und Truhen und anderem Hausrat herstellten, hat nicht ein Stück das erste halbe Jahrhundert nach seiner Entstehung überdauert. Allein die Verkleidung der Decken mit profiliertem Leistenwerk und einigen Flachschnitzereien nach Tiroler Vorbildern belegen noch heute das hohe Niveau der ursprünglichen Ausstattung. 

Blattkreuze und Heilige

Für den in frühen Baurechnungen sogenannten „sal“, den heutigen Rittersaal, mit seinen zweihundert Quadratmetern Nutzfläche entstand unter Mitwirkung von Schreinern, Bildhauern und Fassmalern eine Decke, für die es im Schwäbischen keine Parallele gibt und die deshalb einmal als „schwäbischer Heiligenhimmel“ geadelt wurde. Achteckige und quadratische Felder stehen im Wechsel und gliedern den Himmel, wo aus Blattkreuzen goldene Zapfen und große, goldene Blattwerksrosetten wachsen. In deren Mitte blicken die annähernd lebensgroßen Büsten bedeutender Heiliger auf den Betrachter herab: Zu ihnen gehören die Madonna mit dem nackten Jesusknaben auf dem Arm, begleitet von den Bistumspatronen, dem heiligen Bischof Ulrich und der heiligen Afra. Die Drei werden von sechs Bischofsgestalten flankiert. 

Doch allein der heilige Simpert, Bischof von Augsburg zur Zeit Kaiser Karl des Großen, erklärt sich durch einen Wolf, der ein kleines Kind im Rachen trägt. Die Schar der heiligen Gestalten bereicherte ursprünglich die heilige Lucia, deren Kehle eine Schwertklinge durchdrang und der heilige Georg. Beide Bildwerke wurden offenbar im Zuge der Restaurierung der Decke 1833 unbemerkt abgenommen und durch Blattwerke ersetzt. Sie verschwanden ohne eine Spur zu hinterlassen im Kunsthandel. 

Dürer kommt nach Füssen

Auf solide Indizien stützt sich die These, dass das freundschaftliche Zusammenwirken von Bischof Friedrich von Zollern und Kaiser Maximilian einen der größten Künstler seiner Zeit nach Füssen führte – Albrecht Dürer und seinen Mitarbeiter Hans Schäufelein sowie den Augsburger Maler Leonhard Beck. Der Kaiser hatte Albrecht Dürer und Leonhard Beck schon seit geraumer Zeit in sein ehrgeiziges literarisches Schaffen eingebunden. Sie waren Illustratoren für die Bücher „Theuerdank“ und „Weißkunig“, aber auch für sein Gebetbuch und für den „Triumphzug“. Dieser bestand aus dutzenden von Kupferstichen und konnte zu einem viele Meter langen Fries zusammen gesetzt werden, gedacht als Dekoration für die Rathäuser des Reiches. Vielleicht war schon vorher in Füssen ein Mann tätig gewesen – der aus einer Bleistiftzeichnung Dürers bekannte „Hieronymus von Augsburg“. Er war ein Baumeister, dem man auch in dem berühmten „Rosenkranzfest“ begegnet, das Dürer in Venedig gemalt hat. 

Von Leonhard Beck stammt ein um 1515 entstandener Flügelaltar in der Knappenkapelle von Pflach, mit den vom Hohen Schloss her bekannten Heiligen Ulrich, Afra, Georg und Lucia. Hans Schäufelein dagegen darf als Maler des Fastentuchs in der Pfarrkirche von Waltenhofen gelten. Albrecht Dürer und Hans Schäufelein begegnet man im Hohen Schloss auch noch an anderer Stelle. 

Eliten holen sich Anregung

 An der Ausstattung der Räume im Hohen Schloss waren auch Füssener Handwerker aller denkbaren Berufe eingebunden. So wie der Stil der Fassaden im Schloss sich auf die Gestaltung der Fassaden im Stadtbild auswirkten, so hatte die Raumgestaltung im Hohen Schloss auch Einfluss auf die Repräsentationsräume in den Häusern betuchter Bürger. 

Ein herausragendes Beispiel für die Wohnqualität der bürgerlichen Elite war die gotische Stube im Obergeschoss des Gasthofs „Zum Schwanen”, ein einmalig schöner, stimmungsvoller Raum. Seine Holzteile wurden in einer Nacht- und Nebelaktion ausgebaut und nach Amerika verfrachtet. Wahrscheinlich besaß jedes zweite Haus an Füssens Reicher Gasse und auch viele Häuser in den Nebengassen eine getäfelte Stube mit gotischem Balkenwerk. Eine gotische Decke hat bis zum heutigen Tag in einem Haus in der Spitalgasse die Zeiten überdauert. Balken aus einem Haus an der Drehergasse fanden noch in jüngster Zeit und auf mysteriöse Weise ihren Weg in ein schlichtes Haus der Nachkriegszeit im Füssener Westen. 

Historische Decke gerettet

Bei Umbauarbeiten in zwei Füssener Häusern kam es nach dem Krieg zum Ausbau von Decken aus der Zeit Kaiser Maximilians. Dem damaligen Bürgermeister und Heimatpfleger, dem kunstsinnigen Dr. Sigismund Schmid, gelang es, die Balken zu retten und in dem Gang hinter der Stadtkasse deponieren zu lassen. Den Gerüchten nach soll ein Kommunalpolitiker, der den wahren Wert der Balken nicht erkannte, den Stapel an einen Bauern zum Wert von Brennholz verkauft habe. 

Die Kulturamtsleiterin Cilly Kahle soll jedoch in letzter Sekunde den Handel rückgängig gemacht und die Balken vor dem Feuer gerettet haben. Als 1974 der Saal des im Kern gotischen Gesellenhauses am Schrannenplatz nach einer Neugestaltung verlangte, da verhalf der Stadtchronist Rudibert Ettelt im Einvernehmen mit Bürgermeister Dr. Ernst Enzinger, den Balken zu einer neuen, würdigen Heimat: im heutigen „Gotischen Saal“.

Magnus Peresson

Auch interessant

Meistgelesen

Landsmann schleust türkische Familie nach Deutschland
Landsmann schleust türkische Familie nach Deutschland
Trauchgau: Erneuter Vorfall durch nicht angeleinten Hund
Trauchgau: Erneuter Vorfall durch nicht angeleinten Hund
Der Flughafen Memmingen: Das Tor zum Süden
Der Flughafen Memmingen: Das Tor zum Süden
Nahezu unsichtbare Hörgeräte!
Nahezu unsichtbare Hörgeräte!

Kommentare