Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Mit dem westlichen Teil der Anna Kapelle in St. Mang schuf Johann Jakob Herkommer gleich zu Beginn des Umbaus ein Modell der künftigen Klosterkirche. Wandpfeiler und die sie verbindende Bögen, Tonnengewölbe, Flachkuppeln und Thermenfenster prägen seit etwa 1710 das Aussehen, die neue Architektur.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich Füssen zu einem historischen und architektonischen Kleinod. Der Kreisbote stellt deshalb historische Orte und Ereignisse vor. Architekt Magnus Peresson berichtet in dieser Ausgabe über Johann Jakob Herkommer und dessen Arbeiten am Kloster St. Mang

Geboren wurde er als das jüngste von acht Kindern der Postmeister-Eheleute im Jahre 1652 in Sameister. Die frühere Bedeutung des Ortes vermittelt noch heute der stattliche Bau seines Geburtshauses, das Poststation und Gasthaus mit großer Stallung und mächtiger Tenne war. So beschaulich der heutige Eindruck sein mag, so rege war hier der Betrieb bis zum Ende der Postkutschenzeit. Der älteste Bruder Johann Jakobs, David, erbte den elterlichen Betrieb, die Brüder fanden ihr Auskommen woanders und die Schwestern hatten irgendwo eingeheiratet. Was blieb da für den Jüngsten? 

Die Postmeisterei führte Gäste jeden Ranges hierher, sie kehrten in der Gaststube ein, während die Pferde gefüttert oder das Gespann gewechselt wurde. So ergab sich für den Jüngsten der Kontakt mit der großen weiten Welt wie von selbst. 

Eine außergewöhnliche künstlerische Begabung muss ihm in die Wiege gelegt worden sein. So begann Johann Jakob seine Laufbahn bescheiden als Maurer und Steinmetz. Bald beschäftigte er sich mit dem Ziehen von Leisten aus Gips und dem Formen von Stuck, die aufwändige Herstellung künstlichen Marmors und schließlich die Fertigkeit, in den noch feuchten Verputz „al fresco“ zu malen. Die Mutter all dieser Arbeiten aber war die Architektur. Erst sie würde es dem jungen Talent möglich machen, Gesamtkunstwerke von Rang zu schaffen. 

Wanderjahre in Italien 

Wer es damals zu Geltung und Ansehen bringen wollte, musste alles, was er gelernt hatte, in Land der Künste, in Italien, verfeinern. Erst die italienischen Weihen würden ihm zum gleichwertigen Partner großer Bauherren aufsteigen lassen. Was lag da näher, als mit einem der zahllosen Fuhrwerke den Weg in den Süden zu nehmen? Herkommers Weg war die Via Claudia Augusta, die ihn, wahrscheinlich zuerst nach Verona führte, der römischsten Stadt Norditaliens. Hier sah er zum ersten Mal Reste römischer Architektur, das Amphitheater, antike Stadttore und Grabmäler –meisterhafte Beispielen antiker Bildhauerei. 

Das ersehnte Ziel aber blieb Venedig. Der Weg dorthin führte ihn zunächst nach Vicenza, wo ihn der Anblick zahlreicher Bauten des berühmten Renaissancebaumeisters Andrea Palladio auf Anhieb fesselte. Ab jetzt stand ihm das Vorbild für sein Schaffen klar vor Augen. Auf einem Hügel vor der Stadt erblickte er die Villa Capra, einer der ungewöhnlichsten Bauwerke der Architekturgeschichte überhaupt, eine geniale Kombination aus antikem Rundbau und klassischer Tempelfassade, diese aber viermal um die Rotunde gesetzt. Das war das Ziel: Die Baukunst der Antike in eine zeitgemäße, repräsentative Form zu bringen. Eine Erinnerung an die sogenannte „Rotonda“ erscheint in seinem Sameisterer Bild, in dem Frauen zum Grab eilen. Den Hintergrund bildet die Vision einer Stadt, aus deren Häusermeer der aus weißem Marmor errichtete Idealbau heraussticht. 

Eindrücke prägen

In Venedig traf er auf eine ansehnliche Gesellschaft von Männern aus dem Füssener Land: Alle denkbaren Handwerker arbeiteten hier, vor allem aber Lautenmacher und Geigenbauer. Herkommers erstes Quartier war vielleicht der „Fondaco dei Tedeschi“, der in der Nähe der Rialtobrücke lag. Der mächtige Bau der deutschen Kaufleute ähnelte einem Kloster. Mit Unterbrechungen lebte Herkommer wohl zehn Jahre hier. Er schaute, zeichnete, arbeitete in einem Bauunternehmen und sog die Eindrücke auf. 

Reisen führten ihn später in die ewige Stadt. Unterwegs wird er die großen Dome und deren Kuppeln, diejenigen von Florenz, Siena und Montfiascone ebenso studiert haben wie die aus dem Felsen geschlagene Gräber der etruskischen Totenstädte von Barbarano Romano, Blera oder das stimmungsvolle Norchia im wilden Hinterland des thyrrenischen Meeres. Alles, was er sah, skizzierte, zeichnete, verinnerlichte er. Alles floss dann in den ersten eigenen Kirchenbau ein, denjenigen von Sameister. 

Zuerst aber prägte ihn das Leben in der Lagunenstadt und hier vor allem die Sakralbauten, die Andrea Palladio schon hundert Jahre vorher vollendet hatte. Die drei wichtigsten spiegeln sich im Canale della Giudecca: San Giorgio Maggiore, Il Redentore, zuletzt Le Zitelle, deren Fassade im Bau von Sameister am eindrucksvollsten nachklingt. Die Entwicklung der beiden erstgenannten Kirchen waren sich ähnlich: Palladio hatte hier jeweils eine romanische Basilika durch einen wohl durchdachten, mit sparsamen Mitteln erzielten Prozess in einen neuen Bautyp verwandelt. Sogenannte Wandpfeiler ersetzten jetzt die überkommene, klassische Säulenstellung.

Trotz seiner umfassenden Ausbildung konnte der junge Herkommer in der Heimat nur schwer Fuß fassen. 1688 ergab sich für ihn die einmalige Gelegenheit mit dem großen Wessobrunner Johann Schmutzer im Chor von St. Sebastian in Füssen zusammenzuarbeiten. In die vom Stuck Schmutzers umgebenen Deckenflächen freskierte Herkommer mit flottem Pinsel die Pestheiligen Rochus und Sebastian in gekonnter Perspektive. 

Doch schon zuvor war in Sameister etwas ganz besonderes entstanden: Im Auftrag und im Verein mit der eigenen Familie hatte Johann Jakob Herkommer dort eine kleine Kirche erbaut, in die seine gesammelten Erfahrungen und das in Italien erweiterte Können einflossen. Die Quintessenz seiner Wanderjahre, die zu Stein gewordene Erinnerung an die Stadt im Meer. 

Etwas Neues entsteht 

Die Wirkung auf die Menschen der Bauzeit ist heute kaum mehr nachvollziehbar: Wenige Jahrzehnte vorher erst war ein grauenhafter Krieg zu Ende gegangen. Landsknechte und Pest hatten die Bevölkerung um die Hälfte dezimiert, viele Häuser befanden sich in einem armseligen Zustand und die Kirchen prägten als verwahrloste Bauten das Land. Und da war in Sameister etwas völlig Neues entstanden. Ein Bau mit kreuzförmigen Grundriss, mit Fassaden, die sich an antike Tempel anlehnten, große Fenster in Form von Halbkreisen, wie sie eineinhalb Jahrtausende vorher zur Belichtung der römischen Thermen notwendig gewesen waren. Und nicht zu vergessen: den spektakulären Innenraum schloss eine Kuppel. 

Die Kuppel war von je her ein Versuch gewesen, mit den Mitteln der Baukunst das Universum abzubilden. Im bedeutendsten Vorbild, dem Pantheon in Rom, wurde die beabsichtigte Wirkung durch eine kreisförmige Öffnung in der Kuppelmitte gesteigert, die Sonne symbolisierend. 

Wer nicht in Rom gewesen war, hatte so etwas noch nie gesehen. Der Bau fiel auf, nicht nur denjenigen, die an dem Wunder von Sameister vorbeikamen. 

Engagement für Umbau 

Auch der Konvent von St. Mang in Füssen hörte davon. Da man eine Erneuerungen von Kirche und Kloster in Füssen der schlechten Zeiten wegen schon 50 Jahre vor sich her geschoben hatte, zog man jetzt Herkommer zu Rate. Der verstand es, mit seinen Ideen zu überzeugen. Er verbrachte nun viele Monate damit, den uralten, verwinkelten Klosterbau mit unterschiedlichen Höhen aufzunehmen, um das Projekt planen zu können. 

Eines darf nicht übersehen werden: Benediktinischer Geist hielt am Überkommenen mit Zähigkeit fest. Veränderungen hatten sich immer an der Tradition des Ordens zu orientieren. Aus diesem Grund ist am Konzept Herkommers immer noch das dem St. Gallener Klosterplan zugrunde liegende Urmuster eines Benediktinerklosters ablesbar. 

Um dem Konvent eine Vorstellung vom künftigen Aussehen der Klosterkirche zu bieten, griff er zum Modellbau. Dieser ging allen großen Sakralbauten der Architekturgeschichte voraus. Für den Bau des Petersdomes in Rom hatte man gar ein für den Papst begehbares Holzmodell geschaffen. Herkommer tat in St. Mang ähnliches. Im westlichen Teil der Annakapelle schuf er, eingefügt in die bestehenden, fast tausend Jahre alten Umfassungsmauern, ein System von Wandpfeilern, die Bögen verbinden, von Tonnengewölben, Flachkuppeln und sonderbar geformten Fenstern. Im Raum stehend war es nun einfach, das in einem wesentlich größeren Maßstab vorgesehene Bauwerk und seine Wirkung auf den Betrachter zu ermessen. 

Vermutlich schon 1699 begann im Altarraum der alten Basilika,das große Werk. 

Der Bau von St. Mang 

Die Baumaßnahmen wurde jahrelang vorbereitet. So brannte man Ziegel, brach Steine, brannte und löschte Kalk und beschaffte Bauholz. Die Abwicklung des Baus, das wussten die Beteiligten, würde sich über zwei Jahrzehnte hinziehen. Ausgefeilte Logistik war für die Abwicklung und die Koordination der großen Schar von Arbeitern und der Beschaffung des Materials nötig. Der neue Chorbereich sollte sich an dem Altarkonzept der Kirche S. Giorgio Maggiore orientieren. Die alte, strikte Trennung zwischen Mönchschor und Laienschiff sollte durch eine transparente Lösung ähnlich in Venedig aufgehoben werden. Die Konventualen waren beim Chorgebet zwar den Blicken der Kirchenbesucher entrückt, der Gesang aber erfüllte so den gesamten Kirchenraum. 

Eine der ersten Maßnahmen war deshalb das Niederlegen der östlichen Altarwand, die durch ein aus drei Bögen bestehende Arkade ersetzt wurde, die ein riesiges Thermenfenster erhalten sollte. Außerdem sollte ein neuer Chorbau gebaut werden, der sich weit in den engen Kreuzganghof, den heutigen Brunnenhof, hinausschob. Die ungewöhnlich Form des Daches über dem Hauptschiff von St. Mang hat ihr Vorbild in den Dächern der Basilika in Vicenza und über dem Rathaus von Brescia: Seltsame, runde Dächer, die an einen umgedrehten Schiffsrumpf erinnern und deren Konstruktion ohne die Erfahrungen aus dem Schiffsbau der Venezianer nicht möglich gewesen wäre. 

Mit der Reife des Barock rückte der Tabernakel in die Mitte. Bisher bewahrten die Geistlichen die kostbaren Kirchengeräte in einem angebauten Sakramentshaus auf. Herkommer hatte in Venedig die Fertigstellung der Kirche des heiligen Pantaleon erlebt. Ähnlich wie später in St. Mang aber nicht annähernd so elegant, trägt hier ein breiter, steinerner Altartisch vier Postamente und ebenso viele Heilige. In der Mitte baut sich ein schwerer, blockhafter, turmartiger Tabernakel auf. 

In Füssen wird das schwere Vorbild zur leichten Bühne für die vier Heiligen. Der Tabernakel ist filigran. Er erinnert an Berninis Broncealtar in St. Peter in Rom mit gedrehten Säulchen und mit aufwendigen Einlegearbeiten in heimischem Stein.

Magnus Peresson

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