Mehr als ein Spiegelbild des Königs

"Füssen und seine Historie": Die Grundsteinlegung Schloss Neuschwansteins

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Der frühere Schlossverwalter Julius Desing hat aufgrund seiner fundierten Kenntnis zum Bau von Neuschwanstein die Lage des Grundsteins im Fundament des sogenannten Südturmes ermittelt: Die Fotographie vom Herbst 1869 zeigt rechts neben dem Gerüst am Thronsaaltrakt den großen Dreibock, mit dem der Grundstein versetzt wurde.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson berichtet zum Jubiläum 150 Jahre Grundsteinlegung über Schloss Neuschwanstein.

Am 5. September 1869 kamen vormittags um 9 Uhr der Hofbaurat Eduard Riedel und der Bauleiter Heinrich Herold zusammen, um die Grundsteinlegung zur neuen Burg in Hohenschwangau zu verfolgen. Die Urkunde, die zusammen mit einem auf Pergament gezeichneten Bauplan, Silbermünzen und einem auf Porzellan gemalten Portrait des Königs eingemauert wurde, verriet auch die Titel des Bauherren: „Ludwig II., von Gottes Gnaden König von Bayern, Pfalzgraf bei Rhein, Herzog von Baiern, Franken und Schwaben”. 

Zu diesem Zeitpunkt war Ludwig II. gerade einmal 24 Jahre alt und seit fünfeinhalb Jahren König seines Landes. In diesem relativ kurzen Zeitraum hatte er erkennen müssen, wie seine von hohen christlichen Idealen getragenen Vorstellungen von der Würde seines Amtes an der Wirklichkeit scheiterten, wie sein Traum von einem Königtum von Gottes Gnaden an der Realität zerschellte. Sein Plan von einem Leben als König, der Bayern in ein Land des Friedens, der Künste und der Wohlhabenheit umwandeln wollte, zerrann spätestens mit dem Krieg gegen Preußen im Jahre 1866. Der Respekt vor der Würde eines jeden Menschen hatte Ludwig II. zum Pazifisten werden lassen, der jedes Blutvergießen ablehnte und der aus dieser Haltung heraus auch die Jagd verabscheute. 

Der König hatte um die mangelhafte Bewaffnung der bayerischen Truppen und die Unerfahrenheit der bayerischen Generäle gewusst. Unerträglich war für ihn auch der Gedankte an den gegnerischen Kriegsherren, den Onkel seiner Mutter, und an den Drahtzieher des Ganzen, den genialen Taktiker Otto von Bismarck. 

Der Krieg endete so, wie Ludwig es befürchtet hatte: Für Bayern schlichtweg schädlich. Als die Bauarbeiten für das neue Schloss in Hohenschwangau schon im vollen Gange waren, 1870, marschierten bayerische Soldaten im Verbund mit preußischen Truppen gegen den „Erbfeind” Frankreich. In seinem Verlauf kam es zur Gründung des Deutschen Reichs, die der König wohl oder übel mittragen musste. Ein Akt, der ihn aber mehr oder weniger zur Marionette preußischer Politik degradierte. 

Wie der König die Zukunft sah, schrieb er am 9. August 1878 im Königshaus auf dem Tegelberg an Richard Wagner. Darin notierte er, dass die „ruchlose, schändlichen satanische preußische Politik” unweigerlich in der Barbarei enden müsse. Damit hatte er in seherischer Weise erfasst, welche Katastrophen Jahrzehnte später über Deutschland hereinbrechen, welche Ströme von Blut auch die Söhne seines Landes einmal vergießen würden. 

König zieht sich in eigene Welt zurück 

Angesichts dieser deprimierenden Situation blieb für ihn nur der Rückzug in seine eigene Welt, deren Kulissen er sich erst noch schaffen musste. Dem Baubeginn des Schlosses, das erst nach dem Tod seines Bauherren „Neuschwanstein” genannt werden sollte, war im Jahr 1867 ein Besuch der Wartburg und des Schlosses Pierrefonds bei Paris vorangegangen. Die Wartburg wurde zum Vorbild für das neue Schloss. Pierrefonds zeigte dagegen, wie aus einer Ruine ein prachtvolles Schloss entstehen konnte. Der König hatte offenbar schon beim Rundgang durch die Wartburg den Entschluss gefasst, eine Kopie des Festsaals in Bayern zu bauen. In der ersten Phase der Planungen sollte der Nachbau in den Mauern der Ruine Vorderhohenschwangau erfolgen. Es stellte sich allerdings heraus, dass deren Dimensionen für das Projekt nicht ausreichten. Den entsprechenden Rahmen konnte nur ein vollständiger Neubau bieten. 

Und so entstand die „Neue Burg in Hohenschwangau”. Der Grundsteinlegung waren umfangreiche Arbeiten vorausgegangen, die schon im Juni des Vorjahres, 1868, begonnen hatten. Die Arbeiter mussten nicht nur eine Straße und eine Wasserleitung zur künftigen Baustelle legen, sondern auch die beiden Ruinen dort beseitigen. Begleitet vom Donner der Sprengungen verwandelten sich die Mauern und bis zu neun Meter hohe Felsen in Ströme von Schutt, die in die Bellatschlucht stürzten. Allein die Lage des mehr als zwei Tagreisen von München entfernten, neuen Schlosses erregte Aufsehen weit über Bayern hinaus. In seiner menschenfernen Lage entsprach es dem in den Bergen versteckt liegenden, zierlichen Linderhof und dem entrückten Inselschloss Herrenchiemsee. 

Doch im Gegensatz zu Linderhof und Herrenchiemsee, in deren Bauweise Stile des Erbfeindes Frankreich zu erkennen sind – ein Fremdkörper in der Landschaft –, kam es im Fall des neuen Schlosses zu einer unverwechselbaren Entwicklung. Da beim Bau der weiße Stein aus dem Bruch Alterschrofen und bei der Dachdeckung große, bald schon von Grünspann überzogene Kupfertafeln verwendet wurden, fügte sich das Bauwerk in idealer Weise in die Landschaft ein. Durch die Gestaltung der Fassaden im Stil der Romantik mit Zinnen, extrem steilen Dächern und schlanken Türmen schien es wie ein natürlicher Teil einer Landschaft in ihrer ganzen Zerrissenheit. Im Winter kann es auch heute noch geschehen, dass frisch gefallener Schnee das Bauwerk in seiner Umgebung regelrecht verschwinden lässt. 

Schlossbau ernährt hunderte Menschen 

Schon zeitig war dem König bewusst geworden, dass sein sensibles Gemüt seinen körperlichen Beschwerden entsprach. Die Erkenntnis, dass seine hohe Lichtempfindlichkeit Kopfschmerzen und quälende Migräneanfälle auslöste, verleitete ihn dazu, das Tageslicht zu meiden und nachts zu leben. Diese ungewöhnliche Lebensweise beeinflusste wesentlich die Ausstattung der Räume. So mussten die Farben auf die Beleuchtung mit Kerzenlicht abgestimmt werden.

 Noch nie war der Bauablauf des neuen Schlosses Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung. Es war der frühere Schlossverwalter Julius Desing, ein exzellenter Kenner der Materie, der zuerst auf die bis zu 216 Arbeiter an der Baustelle und Steinmetze im Bruch Alterschrofen hinwies. 216 Arbeiter standen für 216 Familien oder tausend bis 1500 Menschen, die der Schlossbau ernährte. Noch nie wurde die anonyme Schar der Holzknechte in den Wäldern gezählt und die Zimmerleute, die Kalksteinklauber und die Männer vor den Kalköfen, die Frauen in der Pfeifferischen Ziegelei in Brunnen, die Sandschaufler im Lechbett und die vielen Bauern, die mit ihren Ochsengespannen die Baumaterialien zur Baustelle schafften. Es gibt wohl keine alte Familie in Schwangau und Füssen, die nicht in irgendeiner Weise in Verbindung mit dem Schlossbau stand. 

Zur Bauzeit war es noch überall in Europa üblich, dass Landesherren, gleichgültig ob adeligen oder geistlichen Standes, Schlösser und Residenzen bauten. Und noch zur Zeit König Ludwigs II. verstanden sich die Menschen als Teil eines Räderwerks, das nur mit ihrer Leistung funktionieren konnte und nur so imstande war, Großes oder Unvergängliches zu schaffen. 

„Die Weisheit des deutschen Volks” 

Was mit der Grundsteinlegung im September 1969 in Hohenschwangau begonnen und mit der Beseitigung des Königs 1886 ein unrühmliches Ende gefunden hatte, war der Beginn einer Entwicklung, die niemand vorhersehen konnte. Erst heutzutage wird allmählich zum Allgemeingut, dass Ludwig II. eine Jahrhundertpersönlichkeit war. Deshalb gelang es ihm, ein Jahrhundertwerk zu schaffen, ein Bauwerk, das nicht allein Spiegelbild seiner Geisteswelt war, sondern auch ein Werk, in dem die Kultur seines Landes, vor allem die Literatur und die Sagenwelt des Mittelalters, dauerhaften Niederschlag gefunden hatten. 

Die Wertigkeit dieser Schöpfung zieht seit Jahrzehnten wie ein Magnet unzählige Menschen an, die instinktiv den Zauber des weißen Schlosses erspürten. Als ein Angehöriger einer fremden Kultur, der damalige chinesische Justizminster Zou Yu am 29. Oktober 1986 nach einem Gang durch Neuschwanstein gebeten worden war, sich in das Goldene Buch der Gemeinde Schwangau einzutragen, da setzte er vor seinem Namen die so lapidaren wie weisen Worte: „Dieses Bauwerk stellt die Weisheit des deutschen Volkes dar.”

Magnus Peresson

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