Kritik an Wohnprojekt reißt nicht ab

Stadtrat bringt Realisierungswettbewerb für bezahlbare Wohnungen in der Floßergasse auf den Weg

Das Grundstück Floßergasse 22 in Füssen.
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Reichlich verwildert ist derzeit das Grundstück Floßergasse 22 unterhalb des Franziskanerklosters. Im Zuge der Bauarbeiten soll auch der Hang aufgewertet werden.

Füssen – Einen Schritt weitergekommen ist die Stadt beim umstrittenen Bauvorhaben in der Floßergasse 22. Um dort neuen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, hat der Stadtrat jetzt den Realisierungswettbewerb für das städtische Grundstück auf den Weg gebracht. In diesem sensiblen Bereich mitten in der Altstadt möchte die Stadtverwaltung mit Hilfe staatlicher Förderung vor allem Wohnungen für Familien anbieten. Doch nach wie vor kritisch sieht jedoch Magnus Peresson (UBL) das Projekt. Zusammen mit Dr. Christoph Böhm (UBL) sprach er sich als einziger dagegen aus. 

Läuft alles nach Plan, könnte 2024 ein neues Gebäude mit sechs Wohnungen zu jeweils 90 Quadratmetern direkt unterhalb des Franziskanerklosters stehen. Doch der Weg dorthin wird nicht einfach werden. Denn der Grundstückszuschnitt ist anspruchsvoll, die topografische Lage schwierig und zahlreiche Einzelbaudenkmäler umgeben das Areal. Außerdem befindet sich die Fläche innerhalb des denkmalgeschützten Ensembles der Altstadt. Um dafür Lösungen zu finden, veranstaltet die Stadt einen Realisierungswettbewerb. Das Ziel sei, eine ausgereifte Gebäudeplanung zu erhalten, informierte Bürgermeister Maximilian Eichstetter (CSU) die Räte.

Die Vorgaben und Rahmenbedingungen des Wettbewerbs stellte jetzt Jana Semmlin von der Landherr und Wehrhahn Architektenpartnerschaft mbB, die der Stadtrat mit der Wettbewerbsbetreuung beauftragt hat, dem Kommunalparlament vor. Das Wettbewerbsgrundstück umfasst eine Größe von 1930 Quadratmetern. Alle Bauten, die sich jetzt dort befinden, weisen keine erhaltenswerte Bausubstanz auf und sollen abgerissen werden. Die Fläche liegt im östlichen Bereich der historischen Altstadt, in der sogenannten Lechvorstadt, eine um 1500 mit einem eigenen Mauerring versehene spätmittelalterliche Stadterweiterung. Das Areal erstreckt sich über einen Hangbereich bis zum Plateau vor dem Franziskanerkloster. Deshalb müssen die Planer bei dem Projekt viele denkmalpflegerischen Vorgaben beachten.

Sichtbeziehungen erhalten

Eine besondere Herausforderung sei, dass die Neubauten nicht höher als die Gebäude in der Umgebung werden dürfen, um die Sichtbeziehungen, den sogenannten Quaglio-Blick zwischen Franziskanerkloster und Hohem Schloss zu erhalten, informierte Semmlin. Daneben dürfen die Wohnhäuser auch nicht in den Hang hineingebaut werden. „Sonst hätte das Kloster gefährdet werden können.“

Dazu kommt, dass es auf dem Areal mittelalterliche und frühneuzeitliche Bodendenkmäler gibt, die besonders sensibel und schützenswert seien. Deshalb soll die Eingriffstiefe für die neue Wohnanlage auf das nötige Mindestmaß beschränkt werden. Auch ein Untergeschoss und eine Tiefgarage sind tabu. Nach Ansicht der Verwaltung wäre es zwar wünschenswert, wenn ein Teil der nötigen Stellplätze auf dem Grundstück untergebracht werden könnten. Weil der Platz jedoch knapp ist und die Stadtverwaltung aus wirtschaftlichen Gründen die Fläche möglichst gut ausnutzen möchte, sollen die Parkplätze abgelöst werden. Genaue Vorgaben, wie viele Wohnungen hier entstehen sollen, gibt es dagegen nicht. Eine geeignete Dichte für den Standort zu finden, sei viel mehr Teil der Wettbewerbsaufgabe.

Hang schöner gestalten

Auch der derzeit verwilderte Hang soll aufgewertet werden. Mögliche Außenanlagen sollen aber auf den geschichtlichen Hintergrund Rücksicht nehmen. Die Wettbewerbsauslobung sieht weiter vor, dass der obere Bereich neben dem Franziskanerplatz zur öffentlichen Grünanlage wird. Hier sollen punktuell kleine Aufenthaltsbereiche entstehen mit neuen Wegeverbindungen von der Floßergasse bis zum Standpunkt des Quaglio-Blicks, der ebenfalls neu gestaltet wird.

Zum Wettbewerb hat die Stadt elf Architekturbüros aus dem Allgäu, Österreich, München und Augsburg eingeladen, die Erfahrung im geförderten Wohnungsbau haben, informierte Semmlin. Sach- und Fachpreisrichter werden anschließend die eingereichten Arbeiten bewerten. Zu den Sachpreisrichtern gehören neben Bürgermeister Maximilian Eichstetter die Stadträte Wolfgang Bader (Grüne) und Thomas Scheibel (Freie Wähler). Als Sachverständige Berater hat das Büro unter anderem die Untere Denkmalschutzbehörde und das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege angefragt. Mit dabei ist bereits der Kreisbaumeister des Landkreises, Jakob Lax.

Das Preisgericht wird im Februar 2021 die Arbeiten bewerten und die auswählen, die den Anforderungen der Auslobung am besten gerecht werden. Der Sieger erhält ein Preisgeld von 9000 Euro. Für den zweiten Platz gibt es 5500 Euro und für den dritten 3500 Euro. Die Stadt wird danach mit allen Preisträgern in die Auftragsgespräche gehen. Voraussichtlich Mitte April 2021 wird die Bewertungskommission dem Stadtrat einen Vergabevorschlag mit dem Gewinner vorlegen. Wenn die Planung abgeschlossen ist, werden die anschließenden Abbruch- und Bauarbeiten wohl zwei Jahre dauern.

Wenn man hier baut, macht man einen Teil der  Stadtgeschichte  kaputt

Magnus Peresson, UBL-Stadtrat

Immer noch gegen das Projekt ist jedoch Magnus Peresson (UBL). „Wenn man hier baut, macht man einen Teil der Stadtgeschichte kaputt“, monierte der Stadtrat und Vorsitzende des Historischen Vereins Alt Füssen. Denn es sei eine Besonderheit der Stadt, dass in den beiden ersten Jahrhunderten der Stadtgeschichte die ehemalige Pfarrkirche Füssens, die Kirche St. Stephan, weit außerhalb der Stadt lag. „Nur wenige Städte hatten das“, informierte Peresson. Diese Unverwechselbarkeit gehe durch das neue Projekt verloren.

Schwieriger Baugrund

Hinzu kommt, dass vor tausenden Jahren der Lech dort sein Kehrwasser hatte. „Jahrtausende sind hier Lehm und Ton abgelagert worden. Das ist nicht unbedingt der Baugrund, den man sich wünscht.“ Daneben kritisierte er auch die Auswahl der Architekturbüros, die zum Wettbewerb eingeladen worden sind. Darunter sei eines, mit dem die Stadt bereits Probleme in der Altstadt hatte. „Ich kann nicht verstehen, dass es in der Liste drin ist.“

Einige Schwächen bei der Auslobung sah zudem Dr. Christoph Böhm (CSU). Er meinte, dass das Baufenster kleiner gefasst werden müsse, da der Hang im Gegensatz zu einem Bestandsgebäude nicht bebaut werden dürfe und auch unterirdisch der vorgeschriebene 30-Grad-Winkel einzuhalten sei. Daneben müsse zu den benachbarten Häusern ein Drei-Meter-Abstand eingehalten werden. Weiter monierte er, dass bereits die Auslobung erlaube, von den Sprossenfenster-Vorgabe der Altstadtsatzung abzuweichen, wenn das zum Charakter des Gebäudes passe. In so einem sensiblen Bereich sei das nicht richtig. Böhm fügte hinzu: „Ganz problematisch finde ich, wenn man bei den Stellplätzen schon in der Ausschreibung hineinschreibt, dass sie abgelöst werden können.“ Sein Fazit: „Ein Privater hätte das (Grundstück – Anmerk. d. Red.) nie gekauft, weil Aufwand und Ertrag unwirtschaftlich sind.“

Kritik an Böhm

Die Ablöse der Stellplätze sei eine Abwägungssache der Stadt, wandte die Wettbewerbsbetreuerin ein. Zudem habe ihr Büro die Altstadtsatzung in der Auslobung einfach nur verkürzt zitiert. Sie werde jedoch den Teilnehmern mitgegeben, so dass diese sich mit ihr auseinandersetzen können. „Zu streng würde ich jedoch gar nicht vorgehen“, wandte Semmlin ein. Auf diese Weise könnten gute, interessante Ideen entstehen, an die zuvor keiner gedacht habe. Böhms Anmerkung mit dem 30-Grad-Winkel werde sie aufnehmen. Auf die vorgeschriebenen Abstandsflächen weise die Auslobung jedoch hin. Zum Bauuntergrund meinte Semmlin: „Das Risiko ist zu gering, als dass es sich lohnen würde, ein detailliertes Bodengutachten zu machen.“ Zudem sei das nähere Umfeld ja schon bebaut.

Betroffen über Böhms Meinungsäußerung zeigte sich dagegen Ilona Deckwerth (SPD). Sie kritisierte, dass Böhm der Wettbewerbsbetreuerin mangelnde Sachkompetenz unterstelle, wofür sie Beifall aus dem Gremium erhielt. Über Böhms Anmerkung zu Sprossenfenstern ärgerte sich zudem Niko Schulte (Füssen-Land). „Wirtschaftsgebäude haben keine aufwendigen Fenster“, meinte er und bezog sich dabei auf Aussagen des Landesamts für Denkmalpflege (LfD). Er sei mit dem LfD immer in Verbindung, widersprach Böhm Schultes Vorwurf, entschuldigte sich jedoch bei Semmlin, falls sie seine Äußerung als Beleidigung aufgefasst haben sollte.

Alle Einwendungen seien notiert, meinte Hauptamtsleiter Peter Hartl. Durch den Wettbewerb stünden der Stadt zahlreiche Fachleute zur Seite, mit denen sie besprechen könne, wie diese zu behandeln seien. „Heute geht es nur darum, den Weg für den Wettbewerb freizumachen.“ Und das tat die Mehrheit des Stadtrates dann auch.

kk

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