Historiker Magnus Peresson erinnert daran, wie die Menschen in früheren Zeiten heizten.

»Füssen und seine Historie«: Das Heizen in früheren Zeiten

Ein Ofen aus der Vergangenheit
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Dieser historische Ofen steht heute im Füssener Rathaus im Büro von Hauptamtsleiter Peter Hartl.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute erinnert er daran, wie die Menschen in früheren Zeiten heizten.

Von der Härte der Winter in früheren Zeiten, von den gewaltigen Massen an Schnee über der Landschaft und den eisigen Temperaturen, hat der Mensch unserer Tage kaum mehr als eine vage Vorstellung. Alles, was für die dunklen, die härtesten Monate des Jahres gebraucht wurde, musste zeitig vor dem ersten Schnee im Hause sein. Für die vielen Stadtbauern war das der Vorrat an Heu für die Kühe im Stall, für alle Haushalte galt dies für das Brennmaterial. Das beschränkte sich bis nahe an unsere Tage heran auf Holz und auch auf Torf. Torf nannte man in Füssen und seinem Umland „Wääse“. Durch den in der Regel nur beschränkt zur Verfügung stehenden Raum in der Stadt, dienten auch die Dachböden zur Lagerung von Heu und Holz.

Das Leben der Menschen beschränkte sich während vieler Monat auf das Haus. Dort gab es in der Regel nur einen warmen Raum, die Stube, die man von der benachbart liegenden Küche mit ihrem gemauerten Herd und offenem Kochfeuer aus beheizen konnte. In den Bauernhäusern des Umlandes befand sich der Herd meist in dem quer durch das Haus verlaufenden, breiten und eiskalten Flur.

Ursprünglich kannte man hier, und das bis weit in das 17. Jahrhundert hinein, keine Kamine. Der Rauch stieg vom Herdfeuer auf, durchströmte das Haus und suchte sich seinen Weg durch die Bedachung. Die oft durch Funkenflug ausgelösten Brände versuchte man bald abzustellen, in dem man über dem Herd einen Rauchfang, eine sogenannte Kutte, einbaute. An sie schloss sich ein hölzerner, bis über die Dachdeckung geführter Schacht aus dem schwer entflammbaren Lärchenholz an. Noch vor wenigen Jahrzehnten beschrieb ein Lechtaler Bauer seine Behausung treffend: „‘s ganz Haus isch vo Holz, bloß der Kamin isch vo Larchn.“

Einzig der Raum über der warmen Stube konnte durch eine Klappe in der Decke mit Warmluft überbeschlagen werden. Hier schliefen die Eltern, hier wurden die Kindern geboren und hier taten die Alten ihren letzten Atemzug. In den restlichen Schlafräumen schlug sich nicht selten der Atem der Schläfer wie Raureif auf den Bettdecken nieder.

Großer Aufwand

Die Beschaffung von Holz und Torf erforderte einen hohen zeitlichen Aufwand. Da jedem Füssener Haus ein Anteil am Wasenmoos zustand, ein extrem schmaler, sehr langer „Strangen“, gingen sehr viele Füssener selbst zum Wääsen-Stechen. Die Arbeiten begannen in der Regel im Mai, das zur Trocknung des nassen Wasens notwendige Auslegen, Wenden, und schließlich das um eine Stange notwendige „Aufbocken“ der Wääsen erforderte Arbeit, die den ganzen Sommer lang andauerte.

Das offene Feuer auf dem Herd im Haus erforderte ständige Aufsicht. Am Abend wurde die noch vorhandene Glut zusammen gescharrt und mit einer Gluthaube so abgedeckt, dass sie bis zum Morgen am Glimmen blieb.

Komplexer Vorgang

Das Feuermachen erforderte einiges Geschick. Man benötigte dazu einen Feuerschwamm, den „Zundel“, dann Späne, Sprissel, Spreigala und Spreigel, Scheitla und Scheiter. Den Feuerschwamm besorgte der „Zundler“, ein Mann, der Schwämme vom Buchen oder Ahorntotholz sammelte, sie in dünne Scheiben schnitt, klopfte, mitunter auch beizte und anschließend trocknete.

War keine Glut auf dem Herd, so musste man mit Stahl und Feuerstein über dem Zundel Funken schlagen und das Ganze durch viel Atemluft zum Brennen bringen. Die kleine Flamme griff bald auf die Beazla, über, auf Reisigzweige, die man mit einem Spagat zu einem kleinen Bündel zusammen gebunden hatte. Darauf lagen Sprissl, die mit einer kräftigen Messerklinge oder mit einem Äxtle von einem möglichst astfreien Fichtenscheit abgespalten wurden. Darauf wiederum kamen Spreigala und Spreigl, Scheitla und Scheiter und Klotze.

Die heimischen Waldbesitzer lagerten bei ihren Holzbeigen stets ein ausgesuchtes, besonders großes, eng gewachsenes und harzreiches Stück Wurzel- oder Stockholz für die Christnacht, den „Mettenklotz“. Den legte man vor dem oft viele Stunden dauernden Weg zur Christmette in das Feuer, wissend, dass er bis zum Zeitpunkt der Rückkehr immer noch glimmen würde.

Knechte müssen heizen

In großen Gebäuden setzte man im Winter Knechte ein, sogenannte Kalfaktore, die tagaus, tagein nichts anderes taten, als mit einem Korb voll Brennholz von einem Ofen des Hauses zum nächsten zu gehen und nachzulegen. In der Regel lagen die Schürlöcher nicht in den zu beheizenden Räumen, sondern auf dem Hausgang, sodass die Bewohner von Rauch und Asche verschont blieben.

Im Kloster St. Mang sind bis auf den heutigen Tag in den weiten Gängen die in ein Steingewände eingesetzten hölzernen, stilvoll gefassten Türchen vor den Schürlöchern der Zellen vorhanden. Von den zahlreichen Öfen der Mönchszellen haben sich trotz der mehrmaligen Besitzerwechsel aufwendig gestaltete, keramische Exemplare und auch solche aus Gusseisen erhalten. Der Festsaal konnte nicht beheizt werden und im Refektorium, dem Speisesaal, verhinderte allein seine Größe jeden Anflug von wohliger Wärme. Ohne jeden Zweifel verschlang die Beheizung allein der wichtigsten Klosterräume jeden Winter mehrere Dutzend Ster Brennholz.

Eine ausgefeilte Art, zwei Räume zu beheizen, erfolgte schließlich unter dem Augsburger Bischof Christoph von Freyberg um 1680 im Hohen Schloss. Man opferte dafür einen Teil des Vorzimmers der bischöflichen Residenz für den Einbau zweier mannsbreiter Gänge, um von dort aus die Öfen der benachbarten Räume zu beheizen. In einem der Räume, dem Freyberg-Zimmer, beeindruckt ein wertvoller Ofen mit leuchtend grünen Kacheln aus dem Jahre 1514. Seine Schürkammer konnte mit übergroßen Scheitern beschickt werden, ein aufgesetzter Turm mit konkaven Kacheln diente als überdimensionaler Heizkörper.

Moderne Methoden

Möglicherweise nach diesem Vorbild ließ Domenico Quaglio beim Umbau von Schloss Hohenschwangau unter Kronprinz Maximilian in mehreren Räumen ähnlich schmale Gänge einbauen, sodass man auch von hier aus etwa die Schlafzimmer beheizen konnte, ohne die Schläfer dabei zu stören.

Eine ausgefeilte, sehr viel Energie verbrauchende Heiztechnik hatten vor mehr als zweitausend Jahren die Römer entwickelt und bei uns heimisch gemacht. Ihr Hypokaustum genannte Beheizung des Fußbodens und die Ableitung der Heizgase in Hohlziegeln entlang der Außenmauern zeigt sich noch heute in der Therme am Tegelberg. Die vereinfachte Spielart, eine Kanalheizung, besaß das Badegebäude einer Villa Rustica bei Forggen.

Das römische Erbe traten die Benediktiner an, die in ihren Klöstern nicht nur die Kenntnisse über Architektur und Technik der Antike in ihren Bibliotheken bewahrten und weiter gaben. Sie waren auch im Stande, altes Wissen konkret umzusetzen. So berichtete der Chronist von St. Mang 1583 von einem Weltpriester, der zur Verbüßung einer Strafe bei Wasser und Brot im „hypocausto“ auf dem Mägdehaus in Haft lag. Nach allem was wir über die Baugeschichte von St. Mang wissen, lag das Mägdehaus mit seinen Kammern, Nähstuben und dem Krankensaal an der Nordseite des heutigen Klosterhofes.

Novum Neuschwanstein

Unter „hypocausto“ hat man sich einen rundum gemauerten und überwölbten Raum vorzustellen, in dem große Massen von Warmluft erzeugt werden konnten. Diese Warmluft leitete man über Schächte und waagrecht verlaufende Kanälchen, sogenannte Füchse, kontrolliert in die Räume der oberen Geschosse ein. Ähnlich konzipierte Anlagen von beachtlichen Dimensionen und ganzen Bündeln von Wärmluftschächten ließ König Ludwig II. von Bayern in Schloss Neuschwanstein installieren, um Thronsaal, Sängersaal und die Flure zu heizen – ein seinerzeit viel bestauntes, vermeintliches Novum der Bauzeit.

In den Mundarten des nördlichen Alpenrandes hat sich, nur noch von einer Minderheit gebraucht, das Wort „e i k en d e“ erhalten, das aus dem lateinischen „accendere“ für Anzünden oder Einfeuern stammt. Das dem gleichen Wortstamm angehörende Wort K e n d l für den Kienspan (dem Anzünder) hört man allenfalls noch im Berchtesgadener Land und in Tirol.

Noch immer habe ich die Stimme des alten Georg Lautenbacher aus Schwangau im Ohr, der mir vor mehr als einem halben Jahrhundert an einem späten Oktobertag sagte: „Kalt werd’s. Zeit zum Eikende“.

Magnus Peresson

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