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Füssen und seine Historie: Magnus Peresson erklärt die Bedeutung mysteriöser Kirchenräume

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Die Füssener Kirche „Unsere Liebe Frau am Berg“
Die Füssener Kirche „Unsere Liebe Frau am Berg“ © Peresson

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Mit „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte & Ereignisse vor.

Füssen – In der neuen Reihe geht es um historische Orte, Personen und Ereignisse. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie an die Hand und erklärt die rätselhaften Räume heimischer Kirchen.

Es gibt wohl keinen Landstrich im deutschen Sprachraum der mit einer ähnlich üppigen Vielzahl von Kirchen, Kapellen und ehemaligen Klöstern gesegnet ist wie der Pfaffenwinkel. Die Grenzen dieser über viele Jahrhunderte von der Kirche geprägten Landschaft waren von je her fließend, doch lässt sich sein Kernland unschwer zwischen Lech und Loisach, zwischen dem Alpenrand und den Endmoränen der letzten Vereisung verorten.

Obwohl der größte Teil dieses geistlichen Landes dem ehemaligen Herzogtum Bayern angehörte und heute im Regierungsbezirk Oberbayern liegt, gehört es seit seinem Bestehen zur Diözese Augsburg. Dieses Phänomen beruht vermutlich auf einer bereits in römischer Zeit erfolgten Grenzziehung.

Das geistige Erbe des römischen Reiches ging mit seinem Untergang nicht verloren, es bildete vielmehr das stabile Fundament einer neuen, jetzt christlich geprägten Kultur. Das junge Christentum übernahm die bewährten Strukturen der römischen Verwaltung fast unverändert und war damit Garant für einen weitgehend harmonischen Übergang von einer Staatsform in die andere.

An der Via Claudia Augusta gelegen

Durch die überragende Bedeutung des ehemaligen Klosters St. Mang in der Kunst-, Bau- und Wirtschaftsgeschichte für die Region am Alpenrand zwischen Lech und Wertach zählt das alte Klosterland trotz seiner Randlage zum Pfaffenwinkel. Die ältesten Spuren der Christianisierung in den Alpen und in dem Gebiet vor den Alpen finden sich entlang der Via Claudia Augusta.

Obwohl als Militärstraße geschaffen, wurde die antike Trasse bald zur Lebensader der Provinz Rätien, auf ihr kam mit den Legionären auch das Christentum in unsere Region. Später wanderten unzählige Pilger auf der antiken Straße über die Alpen und weiter nach Rom, Padua, Loreto oder Assisi.

Entlang der Via Claudia Augusta finden sich die frühesten Strukturen aller denkbarer kirchlicher Einrichtungen. Die ältesten Patrozinien tragen die seltsam klingenden Namen heute vergessener Heiliger wie Hippolyt, Proclus, Sisinius und Medardus. Spuren frühchristlicher Kirchen finden sich unter anderem in Fließ, Imst und Epfach.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass im Anschluss an das Kastell für eine Kohorte der 3. Italischen Legion auf dem Schlossberg in Füssen schon ein christlicher Kultraum existierte. Ähnliches mag auch für Waltenhofen gelten, wo im Jahre 1989 die Grundmauern einer winzigen Kapelle mit Apside freigelegt werden konnte, die vielleicht der Spätantike angehört hat, als das Christentum die Religion der Soldaten und Sklaven, der sogenannten kleinen Leute war. Alle diese frühen Sakralbauten liegen ohne Ausnahme links und rechts der antiken Straße, meist in respektabler Höhenlage und immer sicher vor Hochwasser, Murbrüchen oder Lawinen und weitgehend frei von Verschattung.

Aus diesen Gründen waren sie immer aus großer Entfernung zu erkennen und bildeten so eindrucksvolle Wegmarken. Für die Pilger aller Zeiten bildeten diese Kapellen sinnvolle Tagwerke auf ihrem Weg zu ihrem fernen Ziel.

Pilger mit Privilegien

Mittellose Pilger genossen das Privileg, in dem geschützten Umfeld von Kirchen und Friedhöfen übernachten zu können. In Füssen ist davon auszugehen, dass es sehr früh schon eine Herberge bei der Kirche zu Unserer Lieben Frau am Berg gab, wahrscheinlich sogar in einem gesonderten Raum des früheren Leprosenhauses, der alten Kirche schräg gegenüber. Die dem Lusalten zugewandte Fassade trug lange Zeit ein Fresko mit der Darstellung des großen Pilgerheiligen, des heiligen Christophorus.

Nach der Katastrophe des 30-jährigen Krieges an dessen Ende das Land arm an Menschen, reich an Ruinen und übersäht von verwahrlosten Kirchen war, erhob sich aus den Trümmern dieser wüsten Zeit ein neuer Geist. Der manifestierte sich anfangs in schlichten Bauten, die sich außen wie innen in einem reinen Weiß gefielen.

Der tiefe Glaube der Menschen gepaart mit dem Wunsche Schönes für den Schöpfer zu schaffen schlug sich bald in neuen Formen der Ausstattung nieder. Begünstigt wurde diese Entwicklung vor allem in unserem Raum durch die reichen Vorkommen an Gips, der sich wie kein anderer Baustoff für üppige Dekorationen verwenden ließ.

Im äußersten Südwesten des Pfaffenwinkels entstanden zwischen 1670 und 1682 drei außergewöhnliche Kirchen, die alle von dem Wessobrunner Baumeister Johann Schmutzer geplant, gebaut und mit dem für ihn charakteristischen Stuck ausgestattet wurden: „Unsere Liebe Frau am Berg” in Füssen, St. Coloman bei Schwangau und Maria Heimsuchung bei Ilgen/Steingaden.

Das räumliche Konzept verfügt über einen schmalen Kirchenraum mit hohen, schmalen Fenstern und einen eingezogenen, d.h. gegenüber dem Schiff weiter verschmälerten, sehr tiefen Altarraum. Das Innere jeder der drei Kirchen überrascht durch den von Johann Schmutzer geschaffenen, ungewöhnlich plastischen Stuck.

Der zeichnet sich durch die Freude an floralen Formen wie Gräser, Ähren, Früchten und Laubgebinden aus. Schwere Engelsgestalten halten mit ausgebreiteten Armen üppige, mitunter frei hängende Girlanden, gewunden aus Zweigen heimischer Obstbäume.

Nicht wahrgenommen

Alles, was der heimische Bauer in dem rauen Land vor den Bergen ernten konnte, sah er zu Stein geworden an Wänden, Decken und Gewölben seiner Kirche, vereinzelt aber auch Früchte, die er allenfalls aus Erzählungen kannte, etwa den exotischen Granatapfel und Weintrauben.

Der Stuck erscheint im allgemeinen im gleichen Weiß wie der Farbton der Wände, seine Wirkung entfaltet er deshalb erst im rechten Licht. Im Falle der Füssener Kirche erkannte der Füssener Restaurator Josef Lorch, dass Johann Schmutzer der Gipsmasse vor ihrer Verarbeitung ein Pigment zugesetzt hatte, das den Stuck in einem zarten Grau aushärten ließ.

Eine bisher weder von der Baugeschichte noch von der Kunstgeschichte wahr genommene Eigenheit jeder der drei Kirchen ist die Existenz eines Raumes, der bei der Füssener Kirche genau über dem Altarraum liegt, im Falle von St. Coloman und des Baues von Ilgen jedoch über der Sakristei. Die Belichtung der beschriebenen Räume erfolgt durch kreisrunde Fenster, in Ilgen öffnen sich zusätzlich zu den Außenfenstern zwei Fenster in den Kirchenraum.

Rätsel wird gelöst

Die ursprüngliche Nutzung dieser bisher rätselhaften Räume erschloss sich erst vor 40 Jahren durch einen Fund in „Unserer Lieben Frau” in Füssen. Dort lagen in dem bislang rätselhaften Raum die Teile zerschlagener Schränke.

Die erhaltenen, zugehörigen Schranktüren besaßen Füllungen aus gekreuzten Holzlatten ähnlich den Heizkörperverkleidungen moderner Gaststuben. Die Schränke mit ihren luftdurchlässigen Türen dienten offensichtlich dazu, feuchte Kleidung aufzuhängen. Damit aber erschließt sich die Nutzung des Raumes als Dormitorium, als Schlafraum für Pilger.

Gleiches trifft auch für die beiden anderen Kirchen zu. Der Zugang zu den Dormitorien erfolgte im Falle „Unserer Lieben Frau” durch die Sakristei und durch ein enges Treppenhaus mit einer steilen Stiege. Bei St. Coloman erfolgte der Zugang über ein im Winkel zwischen Sakristei und Turm gelegenes, längst abgetragenes Treppenhaus. In Ilgen führt noch immer eine schlichte, die Wirkung der Sakristei beeinträchtigende, hölzerne Treppe nach oben.

Quartier für Pilger

Festzuhalten bleibt, dass gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in einem extrem kurzen Zeitabschnitt versucht wurde, gemeinsam mit dem Neubau einer Kirche auch ein sicheres Quartier für Pilger zu schaffen. Der Vater dieser Überlegungen mag der aus Hopferau stammende Augsburger Fürstbischof Johann Christoph von Freyberg gewesen sein.

Mit seinem Tod wurde mit seiner sterblichen Hülle auch der Traum, Kirche und Herberge unter einem Dach zu vereinen zu Grabe getragen. Als Erbe blieben dem Pfaffenwinkel immerhin drei außergewöhnliche Kirchen. Das einsam in der weiten Landschaft vor der Kulisse der Tannheimer Berge gelegene St. Coloman aber gilt mittlerweile als Musterbeispiel einer bayerischen Wallfahrtkirche.

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