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Die Zeitmaschine von St. Mang

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Uhrwerk von St. Mang
Das einstige Uhrwerk von St. Mang trieb früher auch die Uhr im Klosterhof an. Das kleinere Ziffernblatt zeigt die Viertelstunden, das größere die vollen Stunden an. Gelesen wird sie von oben nach unten. Nachdem das Uhrwerk im Lech verloren ging, stand die Uhr über 200 Jahre lang still bis sie 2017 wieder zu neuem Leben erweckt wurde. © Magnus Peresson

Füssen - Der Füssener Architekt und Historiker Magnus Peresson blickt in unserer Serie „Füssen und seine Historie“ dieses Mal auf das Uhrwerk des Klosters St. Mang.

In einem Märchen der Brüder Grimm stellt ein Kind einem alten Mann die Frage, wie lange die Ewigkeit wohl dauert. Und der Alte erklärt, dass alle tausend Jahre ein kleiner Vogel zu einem hohen Berg geflogen käme, um daran seinen Schnabel zu wetzen. Wenn dadurch der Berg einmal abgetragen sei, wäre eine Sekunde der Ewigkeit vergangen.

Von je her haben die Menschen aller Kulturen versucht, die Zeit zu ergründen und ihren Ablauf in ein Regelwerk zu fassen. Zunächst beobachteten sie den Mond und seine Phasen in Relation zum Lauf der Sonne.

In den dunklen Zeiten nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches zerstörte das junge Christentum im so blindem wie dumpfen Eifer unzählige Zeugnisse der Antike als vermeintliche Werke des Teufels. Zeitgleich aber entwickelte sich in den Klöstern des heiligen Benedikt ein Gegengewicht, das die hier gestrandeten Intellektuellen trugen.

In den wehrhaften Klostermauern bewahrten die Männer im schwarzen Habit mehr als 1500 Jahre lang das Erbe der antiken Kultur, hier überdauerten neben vielen anderen Disziplinen auch die Kenntnisse der Astronomie und das Wissen um die Messung der Zeit. Durch sie allein war der durch die Ordensregel vorgegebene, strenge Rhythmus des Klosterlebens einzuhalten.

Die frühesten nachantiken Observatorien im Alpenraum waren meist sehr schlicht. In der Kirchenruine von St. Georg auf einem Felsen über Kortsch am Vinschgauer Sonnenberg, einst Zentrum einer kleinen, längst verschwundenen Gemeinschaft, hält bis heute der Schatten zweier seltsam geformter Fensterchen den längsten und den kürzesten Tag des Jahres fest. Ähnliche Lichtspiele könnte man auch dem kreisrunden Kirchenraum der romanischen Neustifter Engelsburg bei Brixen unterstellen, wo entgegen jedem planerischen Prinzip unter der Kuppel Oculi eingefügt sind, deren Lichtstrahl am frühen Morgen wie auch kurz vor Sonnenuntergang und nur an Lostagen bestimmte kalendarische Aufgaben erfüllt.

Fester Bestandteil der Architektur

Als Johann Jakob Herkommer mit den Planungen für den Umbau des Klosters St. Mang begann, stand unverrückbar fest, dass die Messung der Zeit fester Bestandteil der Architektur sein würde. So legte der Baummeister schon auf dem Papier die Voraussetzungen dafür fest, die es einmal ermöglichen würden, die Zeit zu erfassen und ihr visuell und akustisch Wirkung zu verleihen.

Nun hatte der erfahrene Baumeister auf seinen Reisen in den großen italienischen Städten mit Gewissheit diverse Großuhren kennen gelernt. Seinem langjährigen Aufenthalt in Venedig verdankte er auch die Kenntnis um die berühmte, heute noch bestehende Riesenuhr des Orologio am Markusplatz. Die Maschinerie des Turmes maß aber nicht allein die Zeit und machte sie mit großen Zeigern an der Fassade lesbar, auf großen, rotierenden Scheiben zeigte sich auch der Lauf der Gestirne.

Die Zahl der Stunden und ihrer Abschnitte wurden akustisch verbreitet. Zwei riesenhafte, durch Gestänge mit dem Werk verbundene Figuren, die „Mohren“, schlagen noch immer mit schweren Hämmern Stunden und Viertelstunden. Es waren die venezianischen „Mori“, die Herkommer dazu inspirierten, in St. Mang etwas Vergleichbares zu schaffen.

Gelingen konnte das Vorhaben nur, indem Architektur und Mechanik ineinandergriffen. Der Konvent stellte dem Baumeister den begnadeten Konstrukteur Thomas Barnsteiner aus Kirchthal bei Seeg zur Seite. Die geplante Zeitmaschine musste dem profanen Zentrum des Klosters unmittelbar zugeordnet sein, dem Speisesaal und der Bibliothek. Ihrer Bedeutung trägt der Grundriss augenscheinlich Rechnung: Es ist ein zum Oval verformter Kreis, eine Form, die Baumeister und ausführende Maurer in hohem Maße forderte.

75 Meter vom Werk bis zum Zeiger

Herkommer setzte den Ort der geistigen Nahrungsaufnahme, die Bibliothek, genau über den Ort der leiblichen Nahrungsaufnahme, den Speisesaal. Darüber hinaus verband er die beiden Räume durch eine ovale Deckenöffnung. Die stellte nicht allein eine Reminiszenz an venezianische Raumschöpfungen dar, die Anordnung stand augenscheinlich auch für das Zusammenspiel von Körper und Geist. Während der Speisesaal in seiner Höhe noch menschlichem Maß entspricht, reicht die Bibliothek durch zwei Stockwerke und weitet sich mit der Kuppel regelrecht in die Unendlichkeit.

Hinter dem gemauerten Tambour der zweiten Bücherebene und in der Hauptachse des Ovals, wurde das Uhrwerk aus geschmiedetem Eisen, die Zeitmaschine von St. Mang, aufgestellt. Der Schacht für die Gewichte misst 57 mal 85 Zentimeter und reicht bis fast bis auf das Niveau der ehemaligen Klosterküche. Die Nutzhöhe der Gewichte, der Antrieb, beträgt rund 14 Meter. Von hier aus durchzogen eiserne Transmissionen wie Nervenstränge die Dachkonstruktion. Durch Zahn- und Kopfräder wurden sie ums Eck oder nach unten zu den großen Zifferblättern der Klostergänge gelenkt.

Insgesamt 25 Zeiger wurden auf diese Weise bewegt, die größte Entfernung zwischen Werk und Zeiger beträgt rund 75 Meter. Sie betrifft die drei Zeiger über dem Torhaus zum Klosterhof. Die Gestänge der Kraftübertragung liegen in der Regel für das Auge unsichtbar hinter den Pfetten und ruhen auf quadratischen, auf Ecke gestellten Konsolen, eine einfache Möglichkeit, den Reibungsverlust optimal zu minimieren.

Puten schlagen die Zeit

Um das Werk im Fall einer Reparatur so schnell wie möglich erreichen zu können, führt eine nur mannsbreite, steile Treppe vom Vorraum der Bibliothek unmittelbar vor Ort. Die Lage der Maschine ermöglichte durch eine ausgeklügelte Mechanik, dass jeweils ein Paar Putten links und rechts der Türen von Speisesaal und Bibliothek die Viertelstunden und ganze Stunden schlugen.

Dass das Spiel mit den beweglichen Putten schon während der Planungen beabsichtigt war, zeigt vor Ort der Mauerwerksbefund. Bereits im Rohbau hatten die Maurer die notwendigen Schlitze für die Mechanik fugen- und verbandsgerecht im Ziegelmauerwerk verlegt. Die Putten kamen aus der Werkstatt des großen Füssener Bildhauers Anton Sturm. Seiner Kunstfertigkeit war es zu verdanken, dass der Arm, der den Hammer führte, beweglich blieb. Bei der Konstruktion der Mechanik musste Barnsteiner berücksichtigen, dass sich das Dach durch seine Biberschwanzziegel im Sommer bis auf vierzig Grad aufheizen konnte, im Winter konnten die Temperaturen dagegen bis auf minus zwanzig Grad fallen.

Verschollen im Lech

Der Justierung des Uhrwerks diente zum einen das benachbarte, ebenfalls Observatorium, das ebenfalls im Dachraum lag, zum anderen die vom Baumeister konstruierte Sonnenuhr im Winkel zwischen Bibliothek und Südflügel. Da die Klosteranlage nicht genordet ist, musste sich das Zifferblatt nach Osten weiten, das Band mit der Zahl der Stunden scheint regelrecht im Westwind zu flattern. Der aus dunklem Gewölk stechende, seltsam geformte, Schatten werfende Stab erleichterte zusammen mit dem bewegten Band ein exaktes Ablesen der Zeit – was jedoch nur von einem der Fenster in der Bibliothek möglich war.

Im Zuge der Säkularisation im Jahre 1803 sollte die Zeitmaschine von St. Mang in die Residenz des neuen Besitzers, des Fürsten von Oettingen-Wallerstein, in das Ries, transportiert werden. Ausgebaut und auf ein Floß verladen verliert sich ihre Spur im Lech. Wahrscheinlich war es der unberechenbare Fluss, der das Floß mit seiner wunderlichen Fracht zum Kentern brachte, vielleicht schon wenige Kilometer von Füssen entfernt in der gefürchteten Schlucht am Illasberg mit ihren steinernen Schwellen und schartigen Klüften. Jedenfalls versank das Werk der Füssener Patres im Lech und der überschüttete es mit Sedimenten, Sand und Kies, mit Geröll und totem Holz aus den Tiroler Bergen, bereitete ihm so ein Grab von wahrhaft archaischem Ausmaß.

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