Füssener Bergführer: "Der Everest ist ein Mythos!"

Füssener Luis Stitzinger bezwingt den Mount Everest

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Luis Stitzinger 24. Mai am Gipfel des Everest in 8848 Meter Höhe. Im Hintergrund ist der Makalu (Mitte, 8485 Meter) und Lhotse (rechts, 8516 Meter) zu sehen.

Füssen – Der Füssener Berg- und Skiführer Luis Stitzinger hat am vorvergangenen Freitag (24. Mai) den Mount Everest bezwungen.

Der mit 8848 Metern höchste Berg der Erde befindet sich im Mahalangur Himalaya, exakt auf der Grenzlinie zwischen Nepal im Süden und China im Norden. Mit allen sieben Teilnehmern des Expeditionsveranstalters „Furtenbach Adventures“ aus Innsbruck erreichte der 50 Jahre alte Füssener über die Nordroute den Gipfel. 

Nach bereits elf Todesfällen in diesem Jahr (Stand 28. Mai) steht der Everest dieses Jahr abermals im Blickpunkt der Öffentlichkeit und vermehrt in der Kritik. Anders als 2014 und 2015 – die beiden Jahre der jüngsten Vergangenheit mit den meisten Opfern am Berg –, als Lawinen 16 Climbing-Sherpas im Khumbu-Eisfall, beziehungsweise 17 Bergsteiger im Basislager auf der nepalesischen Seite unter sich begruben, tragen dieses Jahr keine Naturgewalten die Verantwortung dafür. „Schuld ist schlicht und einfach ein sehr enges Wetterfenster von nur zwei Tagen – vom 23. zum 24. Mai – das in dieser kurzen Zeit für einen enormen Andrang am Berg sorgte“, berichtet Stitzinger. 

Anders als in den Alpen ist für eine erfolgreiche Besteigung des Mount Everests nicht nur gutes Wetter erforderlich, sondern auch die Abwesenheit des „Jet-Stream“, einer atmosphärischen Ausgleichsströmung in acht- bis zwölftausend Metern Höhe, die mit einem Starkwindband für Windgeschwindigkeiten bis über 150 km/h sorgt. Dieses Starkwindband verharrte heuer im Frühjahr ungewöhnlich lange über dem Berg, so dass eine Besteigung erst Ende Mai möglich war – kurz vor dem Ende der Saison und dem Beginn des Monsun (Anfang Juni). 

389 Bergsteiger von Süden, 142 von Norden, plus nochmals dieselbe Anzahl an Climbing-Sherpas und Bergführern zur Unterstützung, machten sich deshalb am 23. und 24. Mai auf den Weg zum Gipfel, mit Konzentration auf den 23. Mai. An den Schlüsselstellen der Route, den „3 Steps“ der Nordroute, oder dem „Hillary-Step“ und Gipfelgrat der Südroute, kam es damit unweigerlich zu Staus, die für stundenlanges Anstehen sorgten. „Die Gipfeletappe“, erklärt Stitzinger, „benötigt unter normalen Umständen etwa acht bis zehn Stunden Gehzeit im Aufstieg. Unter diesen Umständen kann sie sich zur Monsteretappe mit 14 Stunden oder mehr auswachsen. Das ist Wahnsinn!“

 Auch unter Verwendung von künstlichem Sauerstoff kann eine derartig lange Verweilzeit auf einer Höhe von konstant über 8000 Metern tödliche Folgen für die Bergsteiger haben. Unterkühlung, Erschöpfung und Unkonzentriertheit können schnell zum Schlimmsten führen. 

Keine Staus am Gipfel

„Wir haben uns bewusst für den 24. als Gipfeltag entschieden, um dem größten Andrang aus dem Weg zu gehen, auch wenn das Wetter für diesen Tag schlechter vorhergesagt war“, berichtet Stitzinger nach seiner Rückkehr. „Das hat sich ausgezahlt. Wir waren alle zusammen vielleicht 30 Personen am Gipfel, als wir dort 5.30 Uhr bei Sonnenaufgang ankamen. Am selben Tag waren insgesamt 60 Bergsteiger am Gipfel. Staus haben wir keine erlebt“.

Anders war es auf der Südroute, auf der der Ansturm der Bergsteiger an beiden Tagen für spektakuläre Bilder in den Medien sorgte. Zu der Frage, warum Menschen viel Geld dafür bezahlen – eine „Classic“-Expedition mit 56 Tagen kostet bei Furtenbach Adventures 56.000 Euro, eine verkürzte „Flash“-Expedition mit 28 Tagen gar 96.000 Euro – und freiwillig ihr Leben riskieren, nur um eine halbe Stunde lang auf dem höchsten Gipfel der Erde zu stehen, sagt der Füssener Bergführer. „Der Everest ist ein Mythos!“ „Für viele ist er ein Lebenstraum.“ 

Ihn selbst habe der ganze Rummel am Everest eigentlich bisher immer abgeschreckt. „Nun, als ich dort war, konnte ich mich der Faszination des Berges selbst nicht entziehen. Bei Sonnenaufgang ganz oben zu stehen und die Welt so weit unter den eigenen Füßen liegen zu sehen, hat schon etwas Magisches.“ 

Ein Risiko ist immer da

Aber auch wenn mit viel Sauerstoff, Climbing-Sherpas und Sicherheitstechnik das Risiko so gering wie möglich gehalten werde, sei eine solche Expedition selbstverständlich noch immer nicht ungefährlich. „Ist es das wert? Diese Frage muss sich jeder selbst beantworten – und die Antworten werden sehr unterschiedlich ausfallen.“ 

Mit der Tour zum Gipfel des Mount Everest ist es Luis Stitzinger gelungen, bereits geglückt, seinen neunten Achttausender zu besteigen. Nur bei seinem jüngsten Abenteuer benutzte er Flaschensauerstoff. Den Cho Oyu (2000), Gasherbrum II (2006), Nanga Parbat (2008), Dhaulagiri (2009), Broad Peak (2011), Shishapangma (2013), Manaslu (2017) sowie Gasherbrum I (2018) bestieg er ohne dieses Hilfsmittel.

kb

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