"Nicht in unserer Hand"

Bürgermeister Paul Iacob über das schlechte Abschneiden Füssens als Einkaufsstadt

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Wunderschön zum Anschauen, aber als Einkaufsstadt nicht wahrgenommen: die Füssener Fußgängerzone.

Füssen – Für eine hitzige Diskussion sorgte jüngst der Befund einer Studie von IHK Schwaben, Hochschule Kempten und Uni Augsburg, wonach Füssen weder von Einheimischen noch Gästen als Einkaufsstadt wahrgenommen wird.

Wir haben mit Bürgermeister Paul Iacob (SPD) über die möglichen Ursachen gesprochen und darüber, wie Stadtverwaltung und Politik die Innenstadt attraktiver machen könnten. 

Eine aktuelle Studie von IHK, Hochschule Kempten und Uni Augsburg kommt zu dem Ergebnis, dass Füssen nicht als Einkaufsstadt wahrgenommen wird. Überrascht Sie das? 

Iacob: „Einerseits ja, denn in Füssen gibt es wenig bis keine Leerstände bei den Geschäften. Dies bedeutet, dass eingekauft wird. Dies ist sicherlich in erster Linie im Lebensmittel-Sektor und Alltagsgebrauchsartikelbereich durch die Einheimischen und die Kunden der Region. Andererseits dürften unsere Gäste sicherlich die typische Einzelhandelsatmosphäre bei uns in den anderen Branchen genießen. Viele Einheimische jedoch sehen Orte wie Kempten als Einkaufsziel.“ 

Rund 30 Prozent der Füssener und über 30 Prozent der auswärtigen Besucher nutzen das Angebot des Einzelhandels in der Füssener Fußgängerzone nicht. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach? 

Iacob: „Dies ist mir nicht ganz erschlossen. Möglicherweise mag es eine gewisse Berührungsangst sein, nach dem Motto: Man kennt mich, das schränkt meine freie Entscheidung ein. Oder ist es der Glaube, dass es woanders mehr oder bessere Auswahl geben könnte.“ 

Welche Möglichkeiten hat die Kommunalpolitik bzw. die Stadtverwaltung, den innerstädtischen Handel attraktiver zu machen? 

Iacob: „Die Stadtverwaltung kann dafür Sorge tragen, dass die Infrastruktur positiv ausgestaltet ist. Dass durch angenehme Gestaltung des öffentlichen Raumes eine gute Atmosphäre herrscht. Zum Beispiel durch Sitzbänke oder Blumen. Das Angebot in den Geschäften, der Service und die Präsentation im Schaufenster und Laden, auch über das Internet, sind wichtige Faktoren, die wir nicht in der Hand haben.“ 

Bürgermeister Paul Iacob sieht keinen Spielraum für kostenlose Parkplätze für die Innenstadt.

Bisher haben Verwaltung und Stadtrat die Ansiedlung von Magneten wie dm im Außenbereich abgelehnt, da sie befürchteten, Kaufkraft aus der Innenstadt abzuziehen. Nun zeigt sich, dass gerade ein solcher Magnet fehlt. Ist die Strategie des Stadtrates gescheitert? 

Iacob: „Dies müssen wir von zwei Seiten her betrachten. Wir können auf der ‚grünen Wiese‘ über Bebauungspläne Geschäfte verhindern im Glauben, dass dadurch die Innenstadtgeschäfte gestärkt werden. Wir können jedoch auch Geschäfte zulassen und mit der Kritik leben, die Innenstadt zu schwächen. Es ist aber nicht möglich, Einzelne je nach Branche, wie es uns gerade gefällt, zuzulassen und andere abzulehnen. Entweder, oder. Der Grundsatz war bestimmt von der Innenstadtrelevanz. Was es bereits in der Stadt gibt, kann nicht von einem Mitbewerber gleicher Branche auf die ‚grüne Wiese‘."

Vor allem Jüngere fordern die Ansiedlung von Ketten wie H&M oder C&A. Wie bewerten Sie die Chancen, kurz- bis mittelfristig einen solchen Kundenmagneten nach Füssen zu locken?

Iacob: „Was die größeren Mitbewerber wie H&M usw. angeht benötigen diese größere Flächen, die in der Innenstadt oder deren angrenzender Nähe nicht vorhanden sind. Auch entscheidend ist hier die Bevölkerungszahl, also die mögliche Kundenfrequenz. Wir hatten in der Vergangenheit schon einmal die Möglichkeit eines H&M im ehemaligen Sparkassengebäude, dies scheiterte jedoch an den Auflagen.“ 

Alexander Mayerhofer, Vorsitzender der Werbegemeinschaft fordert die Einrichtung eines eigenständigen Stadtmarketings. Wie stehen Sie dazu? 

Iacob: „Wir hatten vor vielen Jahren einen Stadtratsbeschluss, eine Institution Füssen Tourismus und Marketing zu installieren. Dies ist auch geschehen. Hierzu war die Erwartung, touristische und wirtschaftliche Bereiche zu bearbeiten. Daraus entwickelte sich über die vielen Jahre hinweg die aktive Institution FTM , wie wir sie heute kennen, die auf dem touristischen Feld operiert. Diese wird auch aus touristischen Einnahmen bezahlt. Eine weitere Einrichtung muss ebenfalls bezahlt werden und ist nicht im Rahmen der vordringlichen Aufgaben unserer Stadt. Ich sehe gerne über unsere Stadtgrenzen hinweg nach Reutte. Hier ist eine starke und hochmotivierte Kaufmannschaft. Hier haben sich Händler und Gewerbetreibende organisiert und stellen ungeheuer viel auf die Beine. Dies erfordert natürlich eine solidarische Gemeinschaft mit einer klaren formulierten Zielsetzung und guten Jahresplanung. In so einem vergleichbaren Fall könnte ich mir eine Unterstützung vorstellen. Wobei ich betone, die Stadt und der Stadtrat sind in vielen Fällen bereit, auch in der Vergangenheit, die Aktivitäten zur Belebung und Attraktivierung der Stadt auch finanziell zu unterstützen.“

Im Zuge der Untersuchung wurde deutlich, dass gerade der südliche und östliche Teil der Innenstadt nicht so stark von Besuchern frequentiert werden. Wie könnten diese Bereiche Ihrer Ansicht nach attraktiver gemacht und gestärkt werden? 

Iacob: „Als Bürgermeister Otto Wanner den Fußgängerbereich umsetzen wollte, schlug ihm eine Welle des Widerstands entgegen. Es ist gut, dass der Stadtrat und der Bürgermeister hart geblieben sind und nicht nachgegeben haben. Heute sind wir froh über diese Situation, die den Handel in schöner Atmosphäre möglich macht. Die Drehergasse im Osten hat keine Vielzahl von besetzbaren Räumen für Geschäfte. Dies ist eine Wohnstraße und wird dies sicher auch künftig bleiben. Die Hintere Gasse ist durch starke Eingriffe baulicher Art aus den 60eer und 70er Jahren stark verändert. Einzelne Geschäfte tun sich schwer hier Fuß zu fassen. Besser ist hier die Jesuitergasse mit den Inhabergeführten Fachgeschäften. Die Luitpoldstraße und innere Kemptener Straße sind baulich gesehen Sanierungsobjekte und nur durch die Geschäfte interessant. Hier muss ausbaumäßig etwas getan werden, was in unserem Programm ISEK auch zunächst einmal vorgeschlagen ist.“ 

Zahlreiche Leser fordern im Zuge der Diskussion mehr und vor allem auch günstigere bzw. kostenlose Parkplätze für Einheimische. Was sagen Sie diesen Menschen? 

Iacob: „Ein Mehr an Parkplätzen ist nicht schlecht, jedoch nicht einfach zu realisieren. Parkplätze kosten nicht nur bei der Herstellung. Reinigung, Instandhaltung usw. sind weitere Kosten. Diese können wir über die Parkgebühren ausgleichen. Wenn ich in andere Orte fahre, finde ich in solch einer Zentrumsnähe seltenst kostenfreie Parkplätze. Ich denke aus finanziellen Gründen geht‘s nicht anders. Sonst bezahlt der Füssener Steuerzahler den kostenlosen Parkplatz für den in Füssen gerne gesehenen Gast und Urlauber. Eine Bevorteilung des Einheimischen dürfen wir vom Gesetz aus nicht umsetzen. Das gleiche Problem sehen wir alle bei der Dobrindtschen Pkw-Maut.“ 

Einheimischen aus dem Umland ist die Anfahrt nach Füssen wegen der Staus zu lang. Sie fahren deshalb lieber nach Kempten oder Kaufbeuren. Ist dieses Problem bekannt und was kann die Stadt dagegen unternehmen? 

Iacob: „Aufgrund der Tatsache, dass Füssen und die Umgebung stark vom Schlösserbesuchsverkehr tangiert sind, sehen wir uns dieser Situation gegenübergestellt und haben bis auf die Regelung eines einigermaßen flüssigen innerstädtischen Verkehrs wenig Handhabe etwas zu verbessern. Durch die Ampelanlagen und auch Veränderung des Zebrastreifenübergangs in eine Bedarfsampel in der Luitpoldstraße wurde bereits einiges umgesetzt. Mit der geplanten Beipasslösung in der Luitpoldstraße zum Kaiser-Max-Platz wird erneut eine Verbesserung erreicht werden. Aber der Verkehr als solches wird nicht reduziert werden können, außer es würde eine Umleitungsmöglichkeit erkannt, die ich nicht sehe.“

Herr Iacob, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Matthias Matz

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