Füssener Lehrer: "Am Limit"

Füssener Grund- und Mittelschullehrer demonstrieren gegen Minister Piazolo

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Rund 80 Lehrer, Eltern , Elternbeiräte und Interessierte kamen zur Diskussionsrunde in die Anton-Sturm-Schule. Anschließend fand eine friedliche Kundgebung und Demo gegen die aktueller Bayerische Schul- und Bildungspolitik statt.

Füssen – Die Lehrer in der Region sind empört. Aus diesem Grund fand am vergangenen Freitagnachmittag eine Diskussions- und Anhörungsrunde in der Anton-Sturm-Schule statt. Dazu luden die Vorsitzenden des Bayerischen Lehrerverbandes (BLLV), Nicoletta Schelldorf und Anja Petermann, Lehrer, Eltern und Elternbeiräte sowie Schüler ein.

Sie sind der Meinung das Versagen der Bayerischen Schul- und Bildungspolitik ausbaden zu müssen. Mit der Veranstaltung in Füssen möchten die Betroffenen auf die von Staatsminister Michael Piazolo verkündeten Maßnahmen protestieren. 

Piazolos Strategie für den im vergangenen Sommer noch geleugneten Lehrermangel ist, dass Grundschullehrer eine Stunde mehr pro Woche arbeiten sollen, Teilzeitkräfte teils deutlich aufstocken müssen und der vorgezogene Ruhestand vorerst nicht mehr möglich ist. Maßnahmen, die nur die Lehrergruppe betreffen, die ohnehin unter den härtesten Arbeitsbedingungen ihren Unterricht gestaltet, die geringste Besoldung hat, grundsätzlich mehr Arbeitsstunden ableistet und durch viele zusätzlichen Aufgaben belastet werden, heißt es dazu vonseiten des BLLV.

 Das Thema zusammenfassend, machte Schelldorf am Freitag gleich klar: „Es geht nicht um die eine Stunde mehr! Es ist nicht, weil wir nicht wollen, sondern weil wir nicht mehr können!“ Sie habe sich, wie andere Lehrer, mit dem Vorwurf der Faulheit auseinandergesetzt. Was dabei jedoch vergessen werde, sei die Tatsache, das Grund- und Mittelschullehrer seit Jahren viele Stunden pro Woche unbezahlt ableisten um den schon lange bestehenden Lehrermangel und die vielen neuen Aufgaben zu kompensieren. 

Eine Schulleiterin aus der Region bestätigte dies: „Die Mehrarbeit wurde schon lange stillschweigend geleistet!“ 

Immer mehr Aufgaben

An Grund- und Mittelschulen arbeiten die Lehrkräfte mit weniger Ressourcen, jedoch mit schwierigen Kindern. Der Erziehungsauftrag werde immer größer: Migrantenkinder, Inklusion und immer mehr Kinder mit chronischen und psychischen Erkrankungen. Diese Lehrer unterrichten an den Schulen, die alle Schüler aufnehmen. Auch die, die an anderen Schulen nicht mehr tragbar sind. 

Durch Reformen werden mittlerweile vier statt nur einer Prüfungswoche abgeleistet, dieZeit der Korrekturen nicht ein berechnet. Für die Lehrer verpflichtende Seminare müssten größtenteils spät abends und nachts absolviert und die tatsächlich umfangreichsten Zeugnisse aller Schularten müssen schon Monate vor der Vergabe begonnen werden, um sie fristgerecht liefern zu können.

Damit nannte Schelldorf nur einige der Punkte, die die Lehrergruppe zu leisten haben. Es fehle die Wertschätzung für ihren Beruf, so die BLLV-Vorsitzende. Von der Schulpolitik fordere sie deshalb, dass die Löhne für alle Schularten angeglichen werden solle und der Beruf des Grund- und Mittelschullehrers durch mehr Hilfe von Außen wieder attraktiver gestaltet werden soll. 

Ein Grundschullehrer aus Füssen sprach ebenfalls von den „schwieriger werdenden Rahmenbedingungen“. Er habe nicht geahnt, was mit dem Studium noch alles auf ihn zukommen würde. „Es ist die Quadratur des Kreises, die von mir gefordert wird“, sagte er über seinen Berufsalltag. 

Schorer lenkt ein

Eine Schulpsychologin berichtete, dass sie die Lehrer „am Limit“ erlebe. Interventionsmaßnahmen seien zum einen zu spät oder gar nicht möglich. „Es muss präventiv in die strukturellen Maßnahmen eingegriffen werden“, war ihr Rat. Denn die Belastung sei zu Lasten der Gesundheit der Lehrkräfte. 

Hinzu kämen die viele Quereinsteiger, die ihre Ausbildung innerhalb weniger Tage in einem kurzen Heimstudium absolvieren. „Lehrer kann jeder“, nannte einer der Anwesenden diesen Missstand auf Kosten der Unterrichtsqualität. 

Eine Gleichberechtigung der Schulen müsse herrschen, sonst werde diesen Beruf niemand mehr studieren, sagte eine junge Lehrerin zur Aussage der ebenfalls anwesenden heimischen Landtagsabgeordneten Angelika Schorer (CSU), es würden mehr Studienplätze geschaffen, um auf den Lehrermangel zu reagieren. 

Schorer sagte, sie sei nicht im Bildungsausschuss gewesen und habe daher „nicht so den Einblick“ in die Thematik gehabt. Die zusätzlichen Aufgaben, die in den vergangenen Jahren für Lehrer dieser Schularten hinzu kamen, seien ihr nicht klar gewesen. Dennoch blieb sie bei ihrer Meinung, dass Studienplätze geschaffen werden müssten. Geld für 3000 zusätzliche Stellen seien vorgesehen. die heimische Abgeordnete sagte zu, die Fragen der Lehrer mit in die Fraktion nehmen zu wollen.

sh

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