Der Historiker Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine spannende Zeitreise

Die Weintransporte des Klosters St. Mang in Füssen

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Das ehemalige Weingut des Füssener Klosters St. Mang, Gagers, mitsamt Magnuskirche liegt in Lana in Südtirol.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die Weintransporte des Klosters St. Mang.

Die Esskultur der Menschen in Füssen und in den vom Kloster St. Mang dominierten Pfarreien war bis zur Zäsur der Säkularisation von 1802 eine ganz andere als zwischen 1803 und den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die Ernährung fußte, dank des Klosters und seiner Jahrhunderte langen Tradition, noch ein wenig auf den Essgewohnheiten der Antike und der Bibel: Brot und Fisch und Wein. Fleisch kam auf Grund der Beschaffung und seiner Konservierung nur selten auf den Tisch. 

Es war vielmehr so, dass man neben zahlreichen Mehlspeisen sehr viel Fisch aß, der in den großen Seen der Umgebung und vielen künstlichen Weihern in Fülle vorhanden war. Eingedenk der sechs Wochen dauernden Fastenzeit und der vielen strengen Fasttage während des Kirchenjahres wurde der Fisch die Fasten- und Freitagsspeise schlechthin. Das Hauptgetränk der Füssener war das klare Wasser, doch konnte man auf Grund der klugen Wirtschaft von St. Mang auch Wein aus Südtirol genießen.

Mit Wagen wie diesen machten sich die Fuhrleute damals auf den beschwerlichen Weg nach Südtirol und zurück.

 Vermutlich hatte das Kloster schon zur Zeit seiner Gründung von seinen Stiftern auch Weingüter erhalten. Kleine Lagen gab es im Bereich von Bozen und Meran, in Nals, Eppan und Auer. Der Hauptbesitz aber konzentrierte sich zuerst in der zur Pfarrei Algund gehörenden Fraktion Plars an der Pforte zum Vinschgau. Im Jahre 1694 erwarb St. Mang vom Kloster Weingarten für den Preis von 25.000 Gulden umfangreichen Besitz, der neben mehreren Weingütern um Lana auch Höfe entlang der Straße zum Reschenpass und daneben auch zinspflichtige Häuser umfasste. Diese Höfe erleichterten den Transport großer Mengen von Klosterwein nach Füssen.

Biblischer Ursprung

Die Vorliebe Fisch zu essen, hing mit der Bedeutung des Fisches in der Bibel zusammen und mit der damit verbundenen, reichen Symbolik. Einzig Fische hatten den Fluch der Sintflut überlebt und ein Wal war es, der nach dem Willen des Schöpfers den Propheten Jonas jener Aufgabe zuführte, vor der er geglaubt hatte fliehen zu können. Die Speisung der Fünftausend mit fünf Broten und zwei Fischen kannten die Gläubigen aus dem Matthäus-Evangelium. Der heilige Augustinus schrieb in seinem Buch vom Gottesstaat: „Wie der Fisch im Wasser, in der Tiefe lebt, ohne zu sterben, so lebt der Christ im Element des Taufbades“ und die Anfangsbuchstaben des griechischen Satzes „Jesous Christos Theou Hyios Soter“, einer Kurzform des frühchristlichen Glaubensbekenntnisses, ergeben zusammen das griechische Wort ICHTYS für Fisch. 

Um diese biblische Speise so oft wie möglich auf den Tisch zu bringen, bewirtschaftete das Kloster St. Mang eine ganze Reihe von Fischweihern. Die lagen nicht nur im nahen Faulenbach, wo sich das Haus des Fischmeisters bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Fische wurden vor allem im Weißensee gezüchtet und in den zahlreichen Weihern rund um Rückholz. 

Kurze Wege nach Südtirol

Im Gegensatz zu den anderen großen Klöstern am Alpenrand, die Weingüter in Südtirol besaßen, hatte St. Mang den Vorteil, am kürzesten aller denkbaren Wege nach Süden zu liegen, an der Via Claudia Augusta. Selbst die schweren Fuhrwerke, die in Füssen sogenannten Etschwägen, erreichten das Land an der Etsch und hier Plars in nicht mehr als in sechs oder sieben Tagen und fünfzehn Tage nach der Abfahrt waren alle Weintransporte wieder zurück. In Jahren mit guten Ernten kamen so bis zu 70.000 Liter Wein über die Alpen.

 Dabei war alles was man tat, auch in weltlichen Dingen, von großer Klugheit geprägt und immer von dem benediktinischen Geist geleitet, alles Tagwerk ohne große zeitliche Verluste zu erfüllen. Entlang der rund 210 Kilometer langen Strecke zwischen Füssen und Plars besaß St. Mang jeweils im Abstand einer Tagesetappe einen eigenen Hof. Aus diesem Grund fanden die Fuhrleute jeden Abend Unterkunft im eigenen Hause, hatten Einstand für die Pferde und konnten die Fässer unter schützendem Dach abstellen. 

Am Weg „hinein an die Etsch“ lagen die Quartiere in Bichelbach, Biberwier, Imst, Schönwies und Zams, in Prutz, Pfunds und Graun, weiter in Mals, Latsch und Staben. Am Weg „heraus“ hielt man in Tschars, Schluderns und Graun, Pfunds, Zams, Imst und Biberwier, zuletzt in Aschau. Die Stationen hinein und hinaus unterschieden sich ein wenig, weil die frequentierten Höfe neben dem Nachtquartier auch den Vorspann für die steilen Bergstrecken bereit halten mussten. 

Der Weg „hinein“ aber verlangte an anderen Talorten zusätzliche Zugtiere als am Weg „heraus“. So erforderte der steile Anstieg von Pfunds auf der antiken Trasse nach Nauders vier Pferde. Vermutlich zwangen die mitunter unterschiedlichen Schneelagen nördlich und südlich des Reschenpasses die Fuhrleute dazu, im Bereich von Schluderns die Fässer von der Kufe auf die Achse umzuladen. 

Gute Geschäfte dank Füssener Fisch

Anders als bei den Klöstern am bayerischen Alpenland, deren Fuhrwerke nach Süden ohne nennenswerte Gegenfracht antraten, was den Wein verteuerte, füllten die Benediktiner die Etschfässer mit Bergwasser und mit Fischen aus ihren Seen und Weihern. Meist waren es Karpfen und Hechte, mitunter auch ein Saibling, die man lebend transportierte. 

Während der Fahrt auf den holprigen Straßen wurde das Wasser in den Fässern dermaßen aufgearbeitet, dass es Sauerstoff in ausreichender Menge aufnehmen konnte. Die Transporte waren eine logistische Meisterleistung, die durch Jahrhunderte lange Erfahrung immer mehr verfeinert und gestrafft werden konnten. Sie trugen wesentlich zum Wohlstand von St. Mang bei. 

Abnehmer der Füssener Fische waren das Kloster Marienberg im obersten Vinschgau, die Karthause Allerengelberg im Schnalstal und das Nonnenkloster in Meran. Fische wurden auch an wichtige Amtsträger entlang des Weges gereicht, an Mauteinnehmer und Zöllner und unter der Rubrik „Verehrungen“ aufgelistet. In Wahrheit handelte es sich hierbei aber schlicht um Schmiergelder. In Plars und später auf dem Gut Gagers oberhalb von Lana wurden die Fässer mit dem Fischwasser vom Fuhrwerk abgehoben und durch die bereits mit Wein gefüllten Fässer ersetzt. 

Die Transporte begannen unmittelbar nach der Weinlese im Oktober und dauerten den ganzen Winter an. In diesen Zeiten waren die Fuhrleute, meist Bauern, nicht durch die Feldarbeit gebunden und der Transport auf der Kufe erforderte weniger Einsatz als der auf Rädern. Auf welche Art die „Etschwägen“ gebaut waren, lässt sich nur vermuten. Die Traglast entsprach jedenfalls einem Gewicht von etwa 30 bis 40 Zentner. Die Fässer besaßen einen ovalen Querschnitt und ihre so eigenwillige wie sinnvolle Form lebte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in den hölzernen Bschüttfässern der Bauern fort. Für das Umsetzen der gefüllten Fässer vom Wagen auf den Schlitten bedurfte es auf den Höfen an geeigneten Hebegeräten.

3200 Liter Wein pro Fahrt 

Beispielhaft für eine Fahrt an die Etsch sei diejenige erwähnt, die am 22. November 1657 Füssen verließ. Man fuhr mit zwei „Männinen von 9 Roßen“, d.h. mit zwei von jeweils vier Pferden gezogenen Fuhrwerken. Das zusätzliche Pferd diente dem mitreisenden Baumeister als Reittier. Man hatte für den Weg 144 Metzen Hafer als Futter für die Pferde geladen und 303 Karpfen von 550 Pfund Gewicht. Weitere neun Karpfen mit 25 Pfund Gewicht waren als „Verehrung“ eingeplant. Am 9. Dezember trafen die beiden Fuhrwerke nach 18 Tagen mit 3200 Litern Wein wieder in Füssen ein, wobei die Verzögerung auf einen Wintereinbruch auf den Pässen schließen lässt.

 Mit der Aufhebung des Klosters St. Mang im Jahre 1803 endeten die Fisch- und Weintransporte und mit ihnen auch die Trinksitten der Füssener. Eine mit hoher Lebensqualität verbundene Esskultur, deren Wurzeln bis in die Zeit der römischen Herrschaft zurück reichte, war damit sang- und klanglos zu Ende gegangen.

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