Kommunalwahl 2020: Das große Kreisbote-Kandidaten-Porträt

Füssener Bürgermeisterkandidat Erich Nieberle: "Bezahlbarer Wohnraum ist die Basis"

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Erich Nieberle will für die SPD Bürgermeister der Stadt Füssen werden.

Füssen – Erich Nieberle, Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag, Geschäftsführer des Kreisjugendrings Ostallgäu und SPD-Stadtratsmitglied in Marktoberdorf, kandidiert für das Amt des Füssener Bürgermeisters. Der Kreisbote hat sich mit ihm zu einem ganz persönlichem Interview getroffen.

Die Wettergötter sind gnädig und der Nachwuchs auch vier Tage über dem errechneten Termin noch nicht bereit, das Licht dieser Welt zu erblicken. Und so geht es bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein wie geplant raus aus der Füssener Altstadt und am Lech entlang Richtung Bad Faulenbach. Erich Nieberle schlägt diesen Weg vor, da er diesen vom Neujahrsschwimmen der Wasserwacht noch in guter Erinnerung hat.

 Bevor dem Kandidaten jedoch Fragen gestellt werden können, möchte Nieberle zuerst etwas über den Fragensteller erfahren. Das verzögert den Beginn des eigentlichen Interviews ein wenig, für den Bürgermeisterkandidaten gibt es etwas zu lachen und ganz wie von selbst kommt das Gespräch in Gang. 

Nieberle erzählt, dass er einen Besuch des Alatsees favorisiert hat. „Das ist wirklich absolut einer meiner Lieblingsorte in Füssen!“ Doch der werdende Vater muss zu diesem Zeitpunkt Prioritäten setzen, hat sehr viele Termine und unter Umständen gilt es, schnell bei seiner hochschwangeren Frau zu sein. 

Die Berge, die Natur und die Bewegung draußen sind dem Bürgermeisterkandidaten sehr wichtig. Aufgewachsen in Biessenhofen, führte ihn sein Studium nach München. Ein Leben in einer Großstadt, beziehungsweise größeren Stadt, „wäre nicht auszuschließen gewesen. Aber weiter von den Bergen weg als 30 Kilometer war schwierig“. Nicht zuletzt, da Nieberle bereits während seiner Studienjahre heiratete und zum ersten Mal Vater wurde. Somit war die Verbindung zum Ostallgäu hergestellt, „damals war es für ein paar Jahre Kaufbeuren“. Und irgendwie sei es dann klar gewesen, im Allgäu zu bleiben. 

Mit Ehefrau Regina hat er jedoch die Möglichkeit, immer wieder einmal Stadtluft zu schnuppern. Sie studierte in Würzburg und ist nun Dozentin an der Uni. Sie verbringen dort ab und an ein Wochenende. Ganz aus dem Allgäu weg zu gehen, „wäre für Regina und für mich kaum vorstellbar. Und wenn, dann mit pendeln“. 

Kritik am ÖPNV

Pendeln und Fernbeziehung, damit lebten die beiden jahrelang. Bei der Entscheidung, an welcher Uni Regina studieren wird, fiel die Wahl deshalb auf Würzburg. Diese Stadt ist, von Kaufbeuren aus zumindest, noch einigermaßen gut angebunden. Dabei bemerkte er, wie groß die Mängel beim öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) im gesamten Landkreis sind. „Wenn es irgendwie geht, dann nehme ich den Zug oder auch den Bus. Das muss aber auch in Relation stehen. Geld ist das eine. Und dann auch der zeitliche Aufwand.“ 

In der Verbesserung des ÖPNV sieht der Bürgermeisterkandidat eine unverzichtbare Aufgabe. Auch im Sinne des Umweltschutzes. Sport als Ausgleich Gerne ist der Sozialdemokrat mit dem Motorrad schnell unterwegs. Aber Sport habe er stets gemacht. „Das war immer ein Ausgleich für alles. In Zeiten wo es gut geht, dann ist es eine Bereicherung auf die ich nie und nimmer verzichten möchte.“

Und wenn es einmal nicht ganz so gut geht, sei Sport der Ausgleich, der ihn wieder ins Gleichgewicht bringt. Seit seiner Knieverletzung ist das vor allem das Radfahren. „Das machen wir dann schon auch sehr exzessiv.“ Mehrere Alpenüberquerungen zählt das Ehepaar bereits. 

Neben Handball und Fußball interessierte sich Nieberle als Kind bereits für politische Themen. „Politik war von Anfang an was.“ Es ist für ihn etwas, das er „schon immer mehr als spannend fand“. „Über Weltpolitisches zu reden, aber natürlich auch was vor Ort halt geschieht. Politik wird vor Ort gemacht.“ Das Thema Klima- und Naturschutz „war für mich immer ein Thema“. 

Tatsächlich habe er bereits in jungen Jahren gerne diskutiert und wollte andere von dem überzeugen, was er als richtig empfand. „Das war immer was, was mir Spaß gemacht hat.“ So lag es nahe, dass Nieberle Politik als Schwerpunkt für sein Sozialpädagogikstudium wählte. „Und dass man dann eine Parteiaffinität entwickelt, oder auch nicht, ist in einer Parteiendemokratie wie der Bundesrepublik, denke ich, auch klar.“ 

Seine Position findend, hätten es auch die Grünen sein können. Als er sich jedoch dazu entschloss, sich parteipolitisch zu engagieren, wurde ihm bewusst, dass der „große Begriff des Sozialen“ auch die grünen Themen miteinbezieht und es das ist, was er mit der SPD verbindet.

Dass das Soziale, „wo Wohnen dazu gehört, wo das Miteinander dazu gehört, für mich so groß ist, dass es die Voraussetzung ist, um Politik zu machen, die eben auch nachhaltig ist, also ökologisch nachhaltig ist.“ Er möchte als Bürgermeister auch einen Umweltbeirat in Füssen. So soll genauer berücksichtigt werden, wo es Natur zu schützen gilt, „aber zum Beispiel auch, wo renaturiert werden kann“. „Denn Themen, die so den Weg in den Stadtrat finden, können behandelt werden und politisch umgesetzt werden.“ 

Viel Unterstützung

Es gebe viele Themen, die einen Bürgermeister und die Kommunalpolitik Füssens beschäftigen. Keines davon jedoch könne isoliert betrachtet werden. „Es ist ein Gefüge von all den Themen. Aber bezahlbarer Wohnraum bildet die Basis.“ Die Anfrage aus Füssen, ob er sich als Kandidat für das Bürgermeisteramt aufstellen würde, kam im vergangenen Sommer. Seine Frau war da bereits schwanger. „Es war uns klar, dass es genau in die Zeit hineinfällt. 

Da haben wir auch gesagt: ‚Uiuiui‘.“ Die Entscheidung sei schließlich eine gemeinsame gewesen. „Das geht gar nicht anders. Da kommt so viel auf einen zu dann und das verändert dermaßen dann auch alles. Es ist ja nicht nur die Absicht den Wahlkampf zu machen, sondern es soll möglichst auch zum Erfolg führen.“ Den Schwiegereltern von einer möglichen Kandidatur berichtend, war der weitere Weg eigentlich schon klar. „Die haben sehr offensiv dann gesagt: Ja, mit der Kinderbetreuung, dass bekommen wir hin.‘“

Deshalb ist es sogar ein Gemeinschaftsprojekt. Da seine Kinder aus erster Ehe bereits 30 (Tochter) und 26 Jahre (Sohn) alt sind, liegt der Fokus nun ganz auf dem Kleinen. Zu Beginn seiner Beziehung mit der deutlich jüngeren Füssenerin sei es nicht ganz einfach gewesen. Doch das haben sie „gemeinsam gut hingekriegt. Über jeden Altersunterschied hinweg“. 

Wichtige Jugendarbeit 

Nieberles beruflicher Werdegang fand seinen Anfang in der Behindertenarbeit. In der Herzogsägmühle arbeitete er im Sozialdienst und einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Doch schon bald ging der ausgebildete Jugendpfleger in die Jugendarbeit. „Das war auf jeden Fall etwas, das ich auch unbedingt machen wollte.“ Er bewarb sich beim Landratsamt als kommunaler Jugendpflege“, um dann „den Geschäftsführerposten zu machen“. „Politik ist natürlich auch in der Jugendarbeit ein Thema.“ 

Der Auftrag zur politischen Bildung gehöre zur kommunalen Jugendpflege. Es sei auch ein Stück weit Lobbyismus, denn sie setze sich für die Interessen von Kindern, Jugendlichen und Familien ein. Partizipation ist für Nieberle ohnehin eine grundlegende Voraussetzung für gute Kommunalpolitik. „Wir haben immer riesen Erwartungen an die Jugend, wir müssen ihnen aber auch etwas geben, ihnen Angebote machen.

Überall wo das passiert, egal von welcher Parteicouleur der Bürgermeister ist, überall da, nehmen die jungen Leute das an und das ist immer zum Vorteil für die Kommune.“ Denn so kommen kritische Gesichtspunkte zu Themen hinzu. Ein Perspektivenwechsel wird möglich. „Am Ende denkt man sich: ‚Hätten wir Alten doch wieder gar nicht daran gedacht‘.“ Die Ideen ließen sich jedoch ebenso auf Erwachsene anwenden. „Vorarlberg ist uns um Längen voraus“, was die Partizipation anbelangt. 

Wohnen ist das Thema

Weil „es eine Selbstverständlichkeit sein sollte, so wie dort, die Menschen rechtzeitig und auch umfassend zu beteiligen“. Die Politik werde dadurch transparent. Zwar ist Nieberle Anhänger der repräsentativen Demokratie. „Es gibt aber einfach Themenfragen, wo man sagen kann: ‚Nein, hier müssen einfach die Leute breit mitwirken können!‘“ Das über allem stehende Thema Wohnen beschäftigt den Kandidaten sehr. „Wir wollen ja auch, damit muss sich die Stadt noch mehr befassen, die Jungen am Ort halten. Und das geht zum Beispiel über Wohnen.“ 

Um sich hier wohl fühlen zu können, sind Arbeit und Wohnraum dringend nötig. Mit dem Faktor Wohnen und bezahlbarer Wohnraum kommen dann alle anderen Themen zum Tragen. „Was wir hier wirklich brauchen, auch aus ökologischen Aspekten, ist ÖPNV. Das hat mit Klimaschutz und dem Überbegriff Soziales zu tun.“ Wohnen und Mobilität schließt auch die älteren Menschen ein, die in und um Füssen leben. „Es gilt die Senioren zu aktivieren und mobilisieren.“ 

Sie sollen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. „Es ist auch wichtig, noch mehr ambulante Hilfen für Senioren im Rahmen der Fortschreibung des Seniorenkonzepts für Füssen zu schaffen.“ Doch alle Themen und Punkte, so emotional und dringlich er sie selbst empfindet, bringt Nieberle mit ruhiger und gelassener Stimme vor. 

Den zeitlichen Rahmen für diesen Termin hält der Kandidat dann auch genau ein. Nicht zuletzt, da Regina, selbst mit einer Freundin unterwegs, ihrem Mann auf Höhe der Morisse über den Weg läuft und sich mit ihm verabredet.

Selma Höfer

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