Zu große Mengen – Zu viele Fahrten

Kiesabbau am Forggensee: Stadträte kritisieren Vergabe an zwei Arbeitsgemeinschaften

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In diesem Jahr konnte auch im Sommer der Kies am Forggensee abtransportiert werden. Wie das in den kommenden zehn Jahren ablaufen soll, wird derzeit geklärt.

Füssen – „Es darf nur eine ARGE geben“, forderte Niko Schulte (CSU) am Dienstag in der Sitzung des Stadtrats, als die Räte auf Schultes Antrag hin über das Planfeststellungsverfahren zum Kiesabbau im Forggensee diskutierten.

Derzeit ist das Wasserwirtschaftsamt Kempten und das Landratsamt Ostallgäu dabei hier den Weg für die kommenden zehn Jahre frei zu machen (der Kreisbote berichtete mehrfach). In den vergangenen Monaten kämpften deshalb zwei Arbeitsgemeinschaften (ARGE) um den Zuschlag. Jetzt steht fest, dass beide zum Zug kommen sollen. Doch genau das bereitet den meisten Stadträten Sorgen. Kies ist in der Baubranche heiß begehrt: Er wird bei Bauarbeiten nicht nur als Frostschutz verwendet, sondern auch zu Beton weiterverarbeitet. 

Im südlichen Ostallgäu ist der Forggensee allerdings als einziges Vorranggebiet für Kies und Sand im Regionalplan Allgäu verzeichnet. Alle anderen Gebiete liegen zwischen Buchloe und Marktoberdorf. Hinzu kommt, dass der Abbau im Forggensee besonders leicht ist. Während anderswo nach Kies gebohrt werden muss, können hier die Lkws einfach in den abgelassenen See fahren und das Material aufladen. 

Das Recht dafür will sich neben der Arbeitsgemeinschaft, die dort bisher gearbeitet hat, nun auch eine zweite sichern. Doch während sich in der ersten ARGE mit der Wilhelm Geiger GmbH & Co. KG, der Goldhofer GmbH & Co. KG, der Heinz Herr GmbH und der Josef Scheibel GmbH & Co. KG hauptsächlich Unternehmen aus der näheren Umgebung zusammengeschlossen haben, befinden sich in der zweiten ARGE mit der Hubert Schmid Bauunternehmen GmbH, der Xaver Schmid GmbH & Co. Bauunternehmen KG, der Brutscher GmbH & Co. KG und der Mazzolini GmbH & Co. KG vor allem Firmen aus dem Marktoberdorfer Raum. Beiden soll jetzt ein Gebiet von jeweils 14 Hektar zugesprochen werden, in dem sie jeweils ca. 700.000 Kubikmeter Kies in den kommenden zehn Jahren abbauen dürfen. 

838 Fahrten am Tag

Doch diese Mengen, die weiten Fahrtwege der zweiten ARGE und die vielen Lkw-Fahrten, die durch zwei ARGEN zu erwarten sind, machten den Stadträten Sorgen. „Wir sprechen hier von 50 Lkw täglich im Forggensee“, die pro Tag 838 Mal in und aus dem See fahren werden, sagte Schulte. „Das ist keine Wüste, das ist eine Kiesgrube. Wir sind von einer Wüste weit entfernt. Da wäre es nämlich ruhig“, meinte er mit Blick auf das geplante Hotel am Festspielhaus. Auch andere Anliegerkommunen hätten sich gewundert, dass das Wasserwirtschaftsamt das zulasse. „Wen fasse ich denn, wenn irgendwas schief läuft?“, fragte sich der zweite Bürgermeister. Schließlich gebe es jetzt zwei Ansprechpartner, die die Schuld auf den jeweils anderen schieben könnten.

 Daneben seien in einer ARGE drei Unternehmen, die nicht aus der Umgebung kommen. Und das vierte besitze nicht einmal mehr einen Lkw und stelle nur sein Grundstück für die Lagerung des Kies zur Verfügung, war von anderen Räten zu hören. „Eigentlich sollten wir auf einer ARGE bestehen, um weniger Ärger für die nächsten Jahre zu haben“, lautete Schultes Fazit. 

„Der Kies im Forggensee ist eine begrenzte Ressource“, meinte zudem Dr. Anni Derday, Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler. Deshalb sollte nicht allen Interessenten der Abtransport ermöglicht werden. Da der Kies hauptsächlich zu Beton weiterverarbeitet werde, sollten die drei Betonwerke in der Umgebung, nämlich die in Füssen, Halblech und Pinswang, damit beliefert werden. 

Aus ökologischer Sicht sei es dagegen nicht vertretbar das Material in Werke nach Marktoberdorf zu transportieren, dort zu verarbeiten und dann für Bauarbeiten wieder in den Füssener Raum zu fahren.

Zufahrt als Stellschraube

Ähnlich sah das ihre Fraktionskollegin Christine Fröhlich, die zudem daran appellierte, an die künftigen Generationen zu denken. „Wir schaffen die Voraussetzung, dass die Ressource doppelt so schnell abgebaut wird.“ Das könne dazu führen, dass die Firmen in der Umgebung irgendwann den Kies aus dem nördlichen Landkreis kaufen müssten. „Wir schaffen ein marktbeherrschendes Unternehmen“, so Fröhlich. 

Da die Zufahrt zum Abbaugebiet der Stadt Füssen gehört, schlug sie vor das Überfahrtsrecht nur der ARGE eins zu erteilen. „Die Verkehrsbewegungen sind enorm“, so Fröhlich. Und als touristische Stadt sollte Füssen das Recht haben dieses Argument bei dem Verfahren vorbringen zu dürfen. 

Ökologie im Fokus

Die Bedenken konnte Bürgermeister Paul Iacob (SPD) zwar nachvollziehen. Nur gehe es bei dem Planfeststellungsverfahren nicht um die Anzahl oder die Art der ARGEN, sondern nur um die Erlaubnis für den Kiesabbau und die Voraussetzungen dafür, erklärte er. 

Erst danach könne das Wasserwirtschaftsamt die Erlaubnis an die ARGEN vergeben. Dafür müsse die Stadt aber die Zufahrt zum Gelände genehmigen – und hier könne sie dann auch Bedingungen stellen. Nur aus rechtlichen Gründen müssten die Räte das unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutieren. „Wir wollen die heimischen Wirtschaftsbetriebe fördern“, fügte Iacob hinzu. Deshalb sollten sie in den zwei bis drei Monaten, in denen der See kein Wasser führt, so viel Kies herausholen dürfen, dass er ihnen das ganze Jahr über reicht. 

„Über die Ziele sind wir uns alle hier einig. Nur die Instrumente sind etwas schwierig“, brachte es Dr. Martin Metzger (BfF) auf den Punkt. Denn während die einen sich für eine Begrenzung des Abbauvolumens aussprachen, zweifelten die anderen daran, welche Mengenangaben hier überhaupt realistisch seien. 

Als Lösung schlug Ilona Deckwerth (SPD) vor, das zulässige Volumen an die Anzahl der Bauprojekte zu binden, was wiederum Iacob für nicht überprüfbar hielt. Wie man die Entfernung der Firmen zum Forggensee definieren sollte, sorgte ebenfalls für Diskussion. Am Ende einigte sich das Gremium bei einer Gegenstimme darauf der Stellungnahme der Stadt hinzuzufügen, dass der Kies nur trocken transportiert werden und das Abbauvolumen in zehn Jahren nur 700.000 Kubikmeter betragen darf.

Außerdem soll die Entnahme nur heimischen Unternehmen für ortsnahe Baustellen im Umkreis von maximal 20 Straßenkilometern erlaubt werden. Hier sollen auch die Zwischenlager für den Kies liegen. In ihrer Stellungnahme legt die Stadt Wert darauf, dass durch die Entnahme keine Staub- und Lärmbelastung für das Stadtgebiet entsteht und die Straßen und Wege gereinigt werden. Zudem dürfen keine Schäden an den Wasser- und Abwasserleitungen im Seeboden entstehen. Auch die Gewässerströme, die Wasserqualität, die Pflanzen, Tiere und die Via Claudia dürfen nicht beeinträchtigt bzw. beschädigt werden.

kk

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