»Wir müssen Perspektiven schaffen«

Füssener Stadtrat will raus aus dem Corona-Lockdown

Kind wird mit Spritze geimpft
+
Sobald mindestens 95 Prozent der über 70-jährigen im Freistaat lebenden Senioren beide Impfungen gegen Covid-19 erhalten haben, soll Bayern raus aus dem Lockdown. Das fordert der Füssener Stadtrat von der Landesregierung.
  • vonSelma Höfer
    schließen

Füssen – Der Füssener Stadtrat will raus aus dem Dauer-Lockdown und setzt ein Zeichen: Mehrheitlich beschlossen die Stadträte am Dienstagabend, die Staatsregierung aufzufordern, den Lockdown aufzuheben. Nicht sofort, jedoch sobald mindestens 95 Prozent der über 70-jährigen im Freistaat lebenden Senioren beide Impfungen gegen Covid-19 erhalten haben. Sie folgten damit dem Antrag von Dr. Martin Metzger (BfF/Grüne), denn was ihm Sorge bereitet, sind die „Nebenwirkungen des Lockdowns“, wie er es nannte.

„Wir müssen Alternativen und Perspektiven schaffen“, appellierte Metzger an seine Stadtratskollegen. Mit dem Antrag an die Staatsregierung soll der Stadtrat ein Zeichen setzen. Der Arzt warnte vor zahlreichen Insolvenzen im Zuge des Lockdowns. „In Buchloe ist ein Vorfall in einer Firma und in Füssen gehen die Lichter aus“, brachte er sein Unverständnis über die Corona-Regeln zum Ausdruck. Neben zahllosen Insolvenzen sei eine Neuverschuldung der Bundesrepublik in Höhe von mindesten 240 Milliarden Euro zu befürchten. Füssen sei besonders gefährdet, da die Stadt überdurchschnittlich stark vom Tourismus und den dazugehörigen Dienstleistungen lebe.

Selbst Notarzt und Facharzt für Anästhesiologie, habe er viel mit medizinischen Kollegen diskutiert, so Metzger. Über ein Thema, „dass mir wichtig ist“, sagte er. Die ursprüngliche Idee der Politik vor einem Jahr sei gewesen, Deutschland davor zu bewahren, „hier italienische Verhältnisse zu haben“. Im Nachbarland starben bekanntlich seinerzeit tausende Menschen während der ersten Welle der Corona-Pandemie und die Belegung der Intensivstationen des Landes war weit über dem Limit. Dieser Plan habe im Grunde funktioniert, erläuterte Metzger. „Nur der Schutz unserer Senioren ist mäßig gut gelungen“, kritisierte er.

Betrachte man jedoch die derzeitige Belegung der Intensivbetten in Deutschland, liege den Daten des Robert-Koch-Instituts zufolge eine Maximalbelegung von 20 Prozent vor. Auch wenn es regional und in Einzelfällen hier und dort eng werde, seien entsprechenden Aussagen und Appelle der Ärzte oftmals politisch motiviert. „Krankenhäuser verdienen nun mal Geld mit den Intensivbetten und wollen diese für andere Dinge haben“, sagte Dr. Metzger. Damit gemeint seien teure Operationen.

Rückläufige Zahlen

Betrachte man die Statistik der bisherigen Todesfälle, fuhr Metzger fort, sei deutlich, dass mit 78 Prozent hauptsächlich Menschen der Altersgruppe 70+ betroffen seien. Das sei die gleiche Altersgruppe, die sterbe, wenn im Sommer eine dreiwöchige Hitzewelle herrsche. Gleichzeitig zeigen die aktuellen Grafiken –, „und das ist für mich entscheidend“ –, dass die Todeszahlen insbesondere bei der Altersgruppe rückläufig seien, die vorrangig immunisiert wurde. „Da sieht man den Effekt der Impfungen“, betonte er.

Die Ratsmitglieder der anderen Fraktionen Stadtrat reagierten höchst unterschiedlich auf die Ausführungen des Mediziners. So verwies CSU-Stadtrat Thomas Meiler auf seine Erfahrungen in der Kontaktnachverfolgung. Auch in Füssen gebe es Fälle, wo alte Leute trotz Impfung erneut positiv auf das Corona-Virus getestet worden seien. Man sollte daher zunächst weitere Untersuchungen dazu abwarten. Von einer Durchseuchung der Bevölkerung halte er nichts.

SPD ist dagegen

Zuspruch erhielt Metzger hingegen von den Stadträten Andreas Eggensberger (CSU), Simon Hartung (CSU) und Jürgen Doser (FWF). Während Eggensberger auf funktionierende Hygiene- und Testkonzepte in seinem Sanatorium und der Hotellerie verwies, kritisierten Hartung und Doser die Plan- und Konzeptlosigkeit der Politik im Kampf gegen das Virus. Von daher sei es durchaus an der Zeit, ein Zeichen zu setzen.

Nie und nimmer wird die SPD-Fraktion diesen Antrag unterstützen, sagte dagegen Stadtrat Erich Nieberle (SPD). Durch die Englische Mutation des Virus seien auch Jüngere gefährdet und es müsse das oberste Ziel der Politik sein, die gesamte Bevölkerung zu schützen. „Man kann die Sinnhaftigkeit der Maßnahmen hinterfragen, aber dennoch ist Schutz das oberste Gebot“, widersprach Nieberle. Auch für dessen Fraktionskollegin Ilona Deckwerth ist „der Kern des Antrags ein völlig falsches Signal“.

Selma Höfer

Kommentar

Der Politik fehlt der Mut

Auch wenn das Forderungspapier des Stadtrats in der Münchner Staatskanzlei voraussichtlich nur schulterzuckend zur Kenntnis genommen werden wird, ist es doch ein wichtiges und richtiges Signal. Ein Signal, das sogar schon früher hätte gesetzt werden müssen, bedenkt man die Abhängigkeit der Stadt vom Tourismus. Denn klar ist: Deutschland ist längst nicht mehr primär wegen eines Virus im Lockdown, sondern wegen des Scheiterns einer plan- und konzeptlosen Politik.

Dieser fällt seit nunmehr fast einem halben Jahr auf Basis fragwürdiger Zahlen nichts weiter ein, als das Land still zu legen und sich von Lockdown-Verlängerung zu Lockdown-Verlängerung zu hangeln. Der Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: Versagen bei der Bereitstellung digitaler Lösungen (Warn-App), bei der Ausstattung der Gesundheitsämter, beim Schutz der Alten, bei der Beschaffung von Impfstoffen und beim Ausbau der Testkapazitäten. Zuletzt zeigte sich das ganze Scheitern von Staat und Politik in der Nacht von Montag auf Dienstag. Mit den unausgegorenen und praktisch nicht umsetzbaren Beschlüssen einer „Osterruhe“ verspielten Merkel, Söder und Co auch noch den letzten Rest Vertrauen in ihr „Krisenmanagement“. Mit dem rechtlich fragwürdigen Versuch, jetzt Auslandsreisen verbieten zu wollen, droht gleich die nächste Blamage.

Dabei gebe es durchaus intelligente Lösungsansätze, die den Menschen ein zumindest halbwegs normales Leben mit mehr Freiheiten ermöglichen würden. Die kleine Stadt Tübingen etwa macht es vor. Im Allgäu wollen Kaufbeuren, Marktoberdorf und Kempten nun nachziehen.

Davon einmal ganz abgesehen, haben Hotellerie und Gastronomie im vergangenen Jahr durchaus bewiesen, dass ihre ausgeklügelten und mit viel Aufwand und Kosten umgesetzten Hygienekonzepte funktionieren. Auch das RKI kam bereits im Oktober zu dieser Einschätzung. Allein, es fehlt der Politik am Mut.

Matthias Matz

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenz im Ostallgäu sinkt leicht - Intensivbetten in Kaufbeuren sind voll
Corona im Ostallgäu und Kaufbeuren: Inzidenz im Ostallgäu sinkt leicht - Intensivbetten in Kaufbeuren sind voll
Füssener Bürgermeister weist Kritik wegen beantragter Ferienwohnungen zurück
Füssener Bürgermeister weist Kritik wegen beantragter Ferienwohnungen zurück
Der Füssener CSU-Bürgermeisterkandidat Maximilian Eichstetter im Kreisbote-Porträt
Der Füssener CSU-Bürgermeisterkandidat Maximilian Eichstetter im Kreisbote-Porträt
Altes Landratsamt: Ermittlungen im Füssener Rathaus
Altes Landratsamt: Ermittlungen im Füssener Rathaus

Kommentare