Präzise und diskriminierungsfrei

Geschlechtergerechte Sprache: Füssen will Hannover nicht folgen

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Seit Ende 2018 gibt es ein drittes Geschlecht im Personenstandsregister. Intersexuelle können sich hier als „divers“ eintragen lassen.

Füssen – Lehrer sollen zu „Lehrende“, Wähler zu „Wählende“ und aus dem Rednerpult soll ein Redepult werden: Um alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen, hat die Stadt Hannover eine Broschüre für „Empfehlungen für eine geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ herausgegeben.

Der Hintergrund: Seit Ende 2018 gibt es ein drittes Geschlecht im Personenstandsregister. Dieser Änderung wollte Hannover nun auch sprachlich Ausdruck verleihen – und brachte sich damit bundesweit in die Schlagzeilen. Von „Vorbild“ bis „Gender-Abgrund“ und „Gender-Gaga“ war die Rede. 

Doch was sagen eigentlich andere Stadtverwaltungen, wie beispielsweise Füssen, dazu? 

Wenn ein Kind zur Welt kommt, das weder eindeutig als Mädchen noch als Junge identifiziert werden kann, können Eltern es seit Ende 2018 als „divers“ im Geburtenregister eintragen lassen. Zuvor war in diesen Fällen nur ein Eintrag ohne Geschlechtsangaben möglich. 

Doch das Bundesverfassungsgericht hatte im Oktober 2017 entschieden, dass das Personenstandsrecht ein Verstoß gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht sowie das Diskriminierungsverbot, das im Grundgesetz geregelt ist, darstellt. Auf diese Entscheidung hatte das Bundeskabinett im August mit einer entsprechenden Gesetzesänderung reagiert, die Ende des Jahres in Kraft trat. 

Und die nahm die Stadt Hannover nun zum Anlass, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Empfehlungen an die Hand zu geben, wie sie künftig E-Mails, Flyer und Broschüren verfassen sollen. Diese tragen „der Vielzahl geschlechtlicher Identitäten Rechnung“ und gehen damit „weiter als der bisherige Ausgleich zwischen männlichen und weiblichen Formulierungen“, informierte das Rathaus der Stadt Hannover. „Überall da, wo es möglich ist“, sei eine „geschlechtsumfassende Formulierung zu verwenden“, lautet dabei die wichtigste Regel der Autoren.

"Herr" und "Frau" fallen weg

 So soll künftig statt „Ansprechpartner“ die Anmerkung „Auskunft gibt“ und statt „Bewerber sollten“ „Wer sich bewirbt, sollte“ stehen. Daneben könnten Institutionen ihrem grammatikalischen Geschlecht entsprechend bezeichnet werden. So wird etwa aus „dem Arbeitgeber Kirche“ „die Arbeitgeberin Kirche“. 

Durch die Verwendung von Vor- und Nachnamen entfällt zudem die Bezeichnungen „Herr“ und „Frau“. Dort wo eine geschlechtsumfassende Ansprache allerdings nicht möglich ist, sollte der Gender-Stern zum Einsatz kommen, wie beispielsweise in „Liebe Mitarbeiter*innen“. Dieser Vorstoß der Stadt Hannover löste bundesweit allerdings eine hitzige Debatte aus. Neben Anerkennung gab es auch viel Hohn und Spott. Vor allem konservative Kreise kritisierten die Empfehlungen. Vom „Tod der deutschen Sprache“ war hier unter anderem die Rede.

 Doch wie steht eigentlich die Füssener Stadtverwaltung zu den Empfehlungen aus Niedersachsen? Zwiegespalten. Einige Ideen hält sie für sinnvoll bzw. setzt sie schon um, andere lehnt sie ab, erklärte Pressesprecher Felix Blersch auf Anfrage des Kreisbote. 

Zu Letzterem gehört beispielsweise der Genderstern, „da dies aus unserer Sicht die schöne deutsche Sprache verhunzt und die Verwendung des generischen Maskulinums bei Gruppen sämtliche Geschlechter ohnehin einbezieht“, erklärt der Pressesprecher. „Aus demselben Grund verwenden wir auch nicht das Binnen-I.“ Wie in Hannover verwenden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber das grammatikalische Geschlecht von Institutionen. 

Gesetze werden eingehalten

Allgemein sei der Stadt daran gelegen, „niemanden durch Formulierungen zu diskriminieren und gleichzeitig eine klare und grammatikalisch richtige Sprache zu verwenden“, fügt Blersch hinzu. So verwendet die Stadt Füssen beispielsweise Movierungen, also Ableitungen neuer Wörter aus bestehenden, durch die das Geschlecht bestimmt wird, wie „Mitarbeiterin“. Außerdem werde in Stellenausschreibungen durch „m/w/d“ gezeigt, dass sämtliche Geschlechter gemeint sind. 

Damit halte sie sich selbstverständlich an die neue Gesetzgebung. So können die Füssener Standesbeamte nun das Geschlecht im Personenstandsregister auslassen oder eben „divers“ ankreuzen. Aber: „Bisher hatten wir noch keinen solchen Fall“, erklärte der Pressesprecher. Denn es gibt nicht viele Intersexuelle in Deutschland. Wie viele genau, ist nicht bekannt. Verschiedene Quellen gehen von 0,1 bis ein Prozent der Bevölkerung aus.

Katharina Knoll

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