"Wahlkampfgetöse und Theaterdonner"

Wohnungen und Gewerbe: Füssener Stadtrat diskutiert über das weitere Vorgehen im Füssener Norden

+
Geht es nach der Stadtverwaltung, soll auf dem rund 15 Hektar großen Areal im Norden der Stadt ein hochmodernes neues Stadtquartier entstehen.

Füssen – Zwar sind sich Stadtverwaltung und Stadtrat grundsätzlich darin einig, dass auf den einst für das „Allgäuer Dorf“ vorgesehenen Flächen eine Mischung aus Wohnen und Gewerbe entstehen soll. Keine Einigkeit herrscht aber über das weitere Vorgehen und den Zeitplan dafür.

So bremsten die Ratsmitglieder von CSU und Freien Wählern (FWF) vergangene Woche im Stadtrat den Start für einen Realisierungswettbewerb mit städtebaulichem Konzept zunächst aus. Stattdessen soll das Gremium unter Einbeziehung des Architekturforums Allgäu vor weiteren Entscheidungen in Klausur gehen, lautete der Kompromiss, auf den sich das Gremium schließlich mit 18:1 verständigte. 

Vom Wirtschaftsbeiratsvorsitzenden Klaus Zettlmeier bis zu den allermeisten Stadträten und den Spitzen der Stadtverwaltung sind die Meinungen übereinstimmend: Auf dem insgesamt 15,5 Hektar großen Areal zwischen B17, B310 und der Staatsstraße 2008 – aufgrund seiner Größe, Lage und Verkehrsanbindung ein echtes Filetstück – sollen dringend benötigte Wohnungen gebaut und Gewerbeflächen entwickelt werden (der Kreisbote berichtete bereits mehrfach). „Es gibt eine umfangreiche Bewerberliste aus dem Gewerbe“, sagte Hauptamtsleiter Peter Hartl Dienstagabend vergangener Woche im Stadtrat. 

5,5 Hektar des Areals sind Hartl zufolge bereits im Besitz der Stadt, weitere zwei gehören der Heilig-Geist-Spital-Stiftung. Die Vorstellungen im Rathaus, wie die Fläche entwickelt und künftig genutzt werden könnte, sind bereits recht konkret, wie ein Blick in die Unterlagen der Stadtverwaltung verrät. 

Angedacht ist demnach ein neues modernes Stadtquartier, das den Herausforderungen der Zukunft gerecht werden soll. Die Überlegungen sehen ein „Generationenübergreifendes Wohnen, Arbeiten und Leben“ vor. So sollen rund 60 Prozent der Fläche für Wohnen, 40 Prozent für Gewerbe genutzt werden. Von den Mietwohnungen – Ein- bis Vier-Zimmerwohnungen – sollen 40 Prozent im bezahlbaren Segment angeboten werden. 

Auf den geplanten Gewerbeflächen – die an der B310 entstehen könnten – soll ein Mix aus klassischem verarbeitenden Gewerbe, Medien- und Kreativwirtschaft sowie Dienstleistungsbetrieben entstehen. Angedacht ist, das neue Quartier Abschnitt für Abschnitt umzusetzen, wobei jeder Abschnitt für sich voll funktionsfähig sein müsse. 

CSU und FW bremsen 

Um bald möglichst los legen zu können, schlug die Verwaltung einen Planungswettbewerb, etwa als „städtebaulicher und landschaftsplanerischer Realisierungswettbewerb“, vor. Dieser soll bereits im Januar starten. Bis dahin soll im November noch eine Bürger-Information stattfinden und der Wettbewerb bis Weihnachten vorbereitet werden, sprich die Aufgabenstellung ausgearbeitet und formuliert werden. „Bis wir wirklich bauen können, vergehen zwei Jahre“, so Hauptamtsleiter Hartl. Die Stadträten von CSU und Freien Wählern traten dennoch auf die Bremse. 

So erinnerte Jürgen Doser (FWF) daran, dass eigentlich erst an die Öffentlichkeit gegangen werden sollte, wenn alle Grundstücke im Besitz der Stadt seien. Verwundert zeigte er sich auch darüber, dass sich plötzlich so viele Betriebe in Füssen ansiedeln wollten. „Wo waren die Firmen, als wir Flächen im Gewerbepark anzubieten hatten?“ 

Darüber hinaus arbeiteten Stadtrat und Verwaltung derzeit an zahlreichen Projekten, die alle noch nicht abgeschlossen seien. „Wir müssen mal ein bisschen anfangen, strategisch zu denken!“, mahnte er. Dazu komme der straffe Zeitplan: Er jedenfalls traue sich nicht zu, in einem Monat zu entscheiden, was er dort wie wolle. CSU-Stadtrat Niko Schulte wunderte sich ebenfalls, warum es plötzlich so schnell gehen müsse. Immerhin sei die Idee des „Allgäuer Dorfs“ seit 2013 tot. 

Außerdem: „Für die meisten hier ist in sechs Monaten die Amtsperiode abgelaufen. Wir sollten nichts festzurren, was unsere Nachfolge so vielleicht gar nicht wollen.“ Darüber hinaus, so sein Einwand, habe man womöglich mit der Bekanntgabe des Projekts die Grundstückskosten in die Höhe getrieben. Probleme mit dem Zeitplan hatte auch die Bürgermeister-Kandidatin der Freien Wähler, Christine Fröhlich. Vor allem, dass schon im November mit den Bürgern darüber diskutiert werden sollen, halte sie für problematisch. „Es ist sehr schwer, die Bürger aus dem Stegreif zu fragen: Was wollt ihr da?“ 

Für sinnvoller halte sie, den Stadtrat zunächst einmal mit Hilfe des Vereins „Architekturforum Allgäu“ darüber zu informieren, was heute im Hinblick auf Stadtentwicklung und Architektur überhaupt möglich sei. „Sollten wir diesen Schritt nicht gehen?“ 

Für Klausurtagung

Unterstützung erhielt sie bei ihrem Vorschlag von ihrer Fraktionsvorsitzenden Dr. Anni Derday. „In einer normalen Sitzung können wir die Eckpunkte doch gar nicht festlegen“, sagte sie. Außerdem sei es sinnvoller, dass jetzige Tempo bei der Sanierung der städtischen Liegenschaften an den Tag zu legen. Jürgen Doser warb angesichts der großen Bedeutung des Areals für die weitere Stadtentwicklung für mehr Zeit und Beratung. „Wir brauchen da mal einen Berater von außen“, sagte er. 

Es sei schließlich Sache des Stadtrats, ein Konzept zu entwickeln. Dafür sei er von den Bürgern gewählt worden. „Wir können doch nicht rein gehen und sagen: So, liebe Leute, was wollte ihr?“ In der SPD-Fraktion und bei Bürgermeister Paul Iacob (SPD) stießen die Einwände auf wenig Verständnis. „Es geht jetzt einfach mal um den Startschuss!“, betonte Ilona Deckwerth und Georg Waldmann sagte: „Ich erkenne kein Argument, warum wir noch länger warten sollten.“ Bürgermeister Iacob wies die Kritik Niko Schultes zurück. 

Von einer Preissteigerung durch die öffentliche Diskussion könne demnach keine Rede sein. „Wir haben deutlich gemacht, was wir zahlen werden“, betonte er. „Es geht um ehrliche, saubere Verhandlungen mit Füssener Bürgern.“ Dass die Amtsperiode demnächst ende, sei ebenfalls kein Argument, jetzt in die Vorbereitungen für den Planungswettbewerb einzusteigen, erklärte der Rathauschef. „Wir sind noch sechs Monate im Dienst und haben die Verantwortung, Entscheidungen zu treffen!“ Schließlich werde man erst in zwei bis drei Jahren den ersten Grundstein dort legen. 

Falsche Politik

Kritik kam auch von CSU-Stadtrat Dr. Christoph Böhm. Seiner Ansicht nach bestehe eben keine Einigkeit, dass auf den Flächen Wohnungen gebaut werden sollen. „Für mich geht das hauptsächlich von der SPD aus“, sagte er. „Ich halte das von der SPD für Wahlkampfgetöse und Theaterdonner!“ Er rechnete vor, dass zwischen 2017 und heuer mehrere hundert Wohnungen in Füssen genehmigt und gebaut worden seien. Diese seien aber zum Großteil nicht im Bereich bezahlbarer Wohnraum entstanden, sondern für Besserverdiener, erklärte er und warf Iacob eine „verfehlte Wohnbaupolitik“ vor. 

„Wir haben glückliche Millionäre geschaffen , mehr Ferienwohnungen, wohlhabende Ruheständler und einen riesige Flächenverbrauch.“ Die einheimische Familie auf der Suche nach einer bezahlbaren Wohnung sei dabei auf der Strecke geblieben. Diesen Aussagen widersprach Iacob allerdings vehement und verwies auf das Bauprojekt in der Borhochstraße, wo das Siedlungswerk und die BSG Allgäu aus Kempten bekanntlich mehrere Wohnungen gebaut haben. Iacob erinnerte außerdem an das Wachstum der Stadt. „Die Stadt ist um 2000 Mitbürger gewachsen. Er jedenfalls sei stolz darauf, was in den vergangenen 12 Jahren in Sachen Wohnungsbau in Füssen passiert sei.

mm

Auch interessant

Meistgelesen

Schleierfahnder stellen neun Kilo Kokain auf der A7 bei Nesselwang sicher
Schleierfahnder stellen neun Kilo Kokain auf der A7 bei Nesselwang sicher
Kommunalwahl: CSU Füssen mit 42% Frauenanteil
Kommunalwahl: CSU Füssen mit 42% Frauenanteil
Füssener Bürgermeister-Kandidat Eichstetter: "Ich bin der Mann im Vordergrund"
Füssener Bürgermeister-Kandidat Eichstetter: "Ich bin der Mann im Vordergrund"
Berufsorientierungsmesse am Montag, 18. November 2019 in Füssen
Berufsorientierungsmesse am Montag, 18. November 2019 in Füssen

Kommentare