»Die Leute können einem nur leidtun«

Ahrtal: Füssener THWler erzählen von ihren Einsatz im Hochwasserkatastrophengebiet

Einsatzfahrzeug fährt in Insul durch die Ahr. Das Hochwasser hat das Dorf zerstört.
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Nachdem das Hochwasser die mittelalterliche Brücke wegrissen hat, die Insuls Ortsteile einst miteinander verbunden hat, legt das THW Füssen für die schweren Arbeitsfahrzeuge der Helfer eine Furt durch den Fluss an.
  • Katharina Knoll
    VonKatharina Knoll
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Füssen – Acht Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW), Ortsverband Füssen, haben jetzt bei den Aufräumarbeiten nach der Flutkatastrophe im Ahrtal geholfen. Ihre Eindrücke schildern Marco Neumann und Martin Zienert dem Kreisbote. 

Eingestürzte Häuser, zerstörte Brücken, Autowracks und entwurzelte Bäume: Ein Bild der Zerstörung bot sich den acht Helfern des THW, Ortsverband Füssen, als sie am Freitag vor drei Wochen in dem kleinen Dorf Insul im Ahrtal eintrafen. Das 500-Seelen-Dorf ist bei Touristen wegen seiner schönen Fachwerkhäuser beliebt. Eine steinerne Brücke aus dem Mittelalter verbindet die beiden Ortsteile links und rechts der Ahr. Doch diese Brücke existiert nicht mehr, weggerissen von den Wassermassen, die sich am 14. Juli die Ahr hinabwälzten, genau wie einige Häuser, die direkt am Ufer standen.

Acht Einsatzkräfte des THW Ortsverbands Füssen helfen bei den Aufräumarbeiten in Insul. Das verheerende Hochwasser Mitte Juli hat großen Schaden in dem Dorf angerichtet.

„Nicht mal die Fundamente waren mehr da“, sagt Neumann. Der heftige Niederschlag in den Tagen zuvor hatte den Nebenfluss des Rheins stark anschwellen und über die Ufer treten lassen. So wurde an manchen Stellen aus einem fünf Meter ein 200 Meter breites Flussbett. Durch den Schutt, den die Ahr mit sich riss, staute sich das Wasser an Engstellen – bis der Druck zu groß wurde und die Barrikaden durchbrach. „Das ist wie eine Lawine, die sich da entlangwälzt“, so Neumann. „Autos wurden über zehn Kilometer mitgeschwemmt.“

Auch Bäume hielten den Wassermassen nicht stand. Von den hundert Stück, die einst die Ahr im Bereich Insul säumten, stehen gerade einmal noch vier bis fünf, schildern die beiden THWler. Wie Geschosse schlug das Treibgut auf die Häuser ein, zerstörte Fenster und Türen, nahm Hausrat mit, das Kilometer weiter flussabwärts im nächsten Dorf wieder angespült wurde.

Mittlerweile sind die Wassermassen verschwunden, die Aufräumarbeiten sind im vollen Gange. Denn zurückgeblieben ist massenweise Schutt und Müll. Und um den hat sich jetzt die „Fachgruppe Räumen“ des Füssener THW zusammen mit anderen Ortsverbänden aus dem Allgäu gekümmert. Mit Kipper, Tief- und Radlader machten sich die Füssener auf die zehnstündige Reise in Richtung Norden, die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf. Doch die Realität war „deutlich heftiger“, so Neumann. Mit ihren Maschinen räumten sie Trümmer, Unrat, entwurzelte Bäume, Ölschlamm und Autowracks, zogen Schutthaufen aus Gefahrenbereiche, planierten Straßen, befestigten Ufer und legten eine provisorische Flussüberquerung an.

Ein ungutes Gefühl

Ganz ungefährlich war die Arbeit der Helfer dabei nicht. Bestand doch die Möglichkeit, dass die Wassermassen Bomben aus dem zweiten Weltkrieg aus dem Boden gespült hatten. Zudem lagen Gasflaschen herum, die aus den überfluteten Campingplätzen entlang der Ahr stammten. „Man muss sehr vorsichtig sein, was an der Schaufel hängen bleibt“, erklärt Neumann. Bevor das schwere Bergeräumgerät anrückte, untersuchten die Helfer deshalb zu Fuß den Gegend, die sie säubern sollten. Dabei entdeckten sie unter anderem ein rostiges Metallstück, an dem Kabel hingen – und verständigten den Kampfmittelräumdienst. „Im Schlamm war der Körper nicht genau zu identifizieren. Es bestand der Verdacht auf einen Sprengsatz. Zum Glück hat sich das als Fehlalarm herausgestellt.“ Auch die Zusammenarbeit mit den anderen Einsatzkräften wie Rotem Kreuz, Feuerwehr, Polizei, Bundeswehr oder auch zivilen Helfern habe reibungslos geklappt.

Bei ihrer Arbeit stießen die Helfer auch auf Kinderspielzeug, Familienfotos oder Kleidung, die halb im Boden vergraben war. „Da ist ein sehr ungutes Gefühl dabei“, erzählt Zienert. „Man weiß nicht: Hängt da noch mehr dran oder ist das nur der Schuh.“ „Einen Leichenfund hatten wir zum Glück aber nicht“, ergänzt Neumann. Hinzu kam der modrige Geruch, der in der staubigen Luft hing. Bei Regen wurde er vom Heizölgestank abgelöst. „Man ist mit allen Sinnen voll dabei“, sagt Neumann.

Das THW Füssen birgt auch Fahrzeuge, die von den Wassermassen kilometerweit mitgerissen wurden.

Bewegend sei für ihn auch der Gang durch ein zerstörtes Neubaugebiet gewesen – nagelneue Häuser, die jetzt saniert werden müssen. „Die gehören vielleicht jungen Familien, die einen Haufen Schulden haben… Die Leute können einem nur leidtun. Das wünscht man keinem.“ Solche Eindrücke bestärkten die Helfer aber auch in ihrem Tun, ihrem Wunsch zu helfen. „Das motiviert, das gibt einen Schub“, so Neumann. Er und seine Kollegen hätten beispielsweise in Schichten Mittagspause gemacht. „Hauptsache wir lassen unsere Maschinen nicht stehen.“

Zwölf Stunden waren sie täglich am Arbeiten. In ihrer Unterkunft am Nürburgring, wo sie und 3000 bis 4000 anderen Einsatzkräfte im Fahrerlager ihre Zelte aufgeschlagen hatten, folgte abends die Einsatznachbesprechung und die Lagebesprechung für den nächsten Tag. „Die Nacht war meistens nicht mehr so lang.“

Große Dankbarkeit

Am Ende der Woche hatten die Helfer so viel Schutt weggeräumt wie hier sonst in zwei Jahren anfällt. „Wir haben sehr viel bewegt. Wir können sehr stolz auf uns sein“, lautet Neumanns Fazit. Der Müll sei entsorgt. Nun geht es an die Instandsetzungsarbeiten. Denn das Dorf müsse im Grunde wie ein Neubaugebiet erschlossen werden. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser, das Trinkwasser müsse aufbereitet und teilweise neue Kanäle verlegt werden.

Für ihre Hilfe schlug den Füssener große Dankbarkeit der Betroffenen entgegen. Sie versorgten die Helfer nicht nur mit Kaffee und Kuchen, sondern luden sie auch zum Mittagessen ein. Daneben war das Redebedürfnis groß. „Die Leute sind den Tränen nahe. Sie wollen aber ihre Erlebnisse erzählen. Das geht einem auch nahe“, sagt Neumann. „Man ist nicht nur Helfer, sondern auch ein bisschen Zuhörer.“ Als die Füssener schließlich die Heimfahrt antraten, hielten die Kinder des Nachbardorfs ein großes Plakat mit der Aufschrift „Ihr seid die Besten! Danke!“ in die Höhe, wofür sich die Einsatzkräfte mit einem Aufleuchten des Blaulichts und einem kurzen Stoß aus dem Martinshorn bedankten. „Da weiß man, dass man was erreicht hat.“

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