"Wirtschaftlich nicht vertretbar"

Gemeinderat spricht sich für neue Sommerrodelbahn an der Alpspitzbahn aus – Kritik wegen fehlendem Verkehrskonzept in Nesselwang

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Die beliebte Sommerrodelbahn an der Alpspitzbahn ist in die Jahre gekommen. Da eine Reparatur unwirtschaftlich sei, soll eine neue, moderne Anlage die bisherige ersetzen.

Nesselwang – Die Sommerrodelbahn an der Alpspitze soll durch ein neues Modell ersetzt werden. Denn die bisherige Anlage ist in die Jahre gekommen, anfällig für Unfälle und eine Reparatur unwirtschaftlich, wie Ralf Speck, Geschäftsführer der Alpspitzbahn Nesselwang in der Gemeinderatssitzung erklärte.

Die Räte sprachen sich zwar mehrheitlich für eine neue Anlage aus. Von den Plänen waren aber nicht alle überzeugt.

„Im August 1996 wurde die Sommerrodelbahn gerade noch rechtzeitig in den Sommerferien eröffnet. Seither haben wir durchschnittlich 112.000 Beförderungen pro Jahr“, erläuterte Speck. Mittlerweile sei die in die Jahre gekommene Muldenbahn aber stark verschlissen. „Eine Reparatur ist unwirtschaftlich“, so Speck. Zudem sei in den vergangenen Jahren die Unfallhäufigkeit stark angestiegen. Es komme vor allem zu Auffahrunfällen bei der bis zu 40 km/h schnellen Bahn. „Während der Fahrt wird angehalten und es werden Selfies gemacht“, erklärte der Geschäftsführer auf Nachfrage. Der nachfolgende Fahrer bemerke dies – vor allem in Kurvenbereichen – meistens zu spät. Bei der neuen Bahn sei das nicht mehr möglich, da in die Schlitten eine elektronische Distanzkontrolle integriert ist, welche die Abstände zum vorausfahrenden Schlitten erkennt und rechtzeitig abbremst. Zudem können die Fahrgäste auch nicht aussteigen, da die Gurte ebenfalls elektronisch verriegelt sind.

„Wir haben mit der neuen Bahn auch einen geringeren Personal- und Wartungsaufwand“, so Speck weiter. „Mit den derzeitigen Schlitten ist das für unsere Angestellten körperliche Schwerstarbeit während der Saison. Ein Einer-Schlitten wiegt 12,5 Kilogramm, ein Zweier-Schlitten 14,5 Kilogramm. Die Angestellten an der Bahn wuchten bei Hochbetrieb täglich mehrere Tonnen, wenn sie die Schlitten an die Sessel hängen“. An der Talstation müssen sie diese an den alten Einer-Sessel-Lift an- und oben am Ausstieg wieder abhängen.

Zudem läuft die Betriebserlaubnis des aus dem Jahr 1962 stammenden Liftes mit Ende der Sommersaison aus. „Eine Reparatur oder Modernisierung ist aufgrund des hohen Alters und der gesetzlichen Voraussetzungen nicht mehr möglich“, erläuterte Speck. „Wir haben schon das absolute Maximum aus dem Lift geholt“. Ein moderner Vierer-Sessel-Lift, wie er Mindeststandard ist, würde mindestens sieben Millionen Euro kosten, „und das ist wirtschaftlich nicht vertretbar“, so der Geschäftsführer.

Von der Mulde auf die Schiene

Anschließend stellte er den geplanten „AlpspitzCoaster“, eine neue Variante des „AlpineCoaster 2.0” dem Marktgemeinderat vor. Ähnlich wie die Bahnen am Alpsee bei Immenstadt und am Söllereck bei Oberstdorf fahren die Schlitten auf Schienen, so dass die Bahn ganzjährig betrieben werden kann. Die Schienen verlaufen etwa 50 Zentimeter über dem Erdboden. Die Stützen der Bahn sind mit langen Erdnägeln im Untergrund befestigt. Die Trasse der neuen Bahn soll zu 80 Prozent auf der derzeit bestehenden verlaufen. Deshalb seien keine umfangreiche Bauarbeiten notwendig, erklärte Speck. Die zwei geplanten Schleifen sollen in Geländemulden integriert werden. Auch der Tunnel, der den Fahrweg zur Kronenhütte und Mittelstation kreuzt, werde in den neuen Streckenverlauf integriert. Die neue Bahn und der Schleppaufzug, bei dem die Fahrgäste unten einsteigen können und mit den Schlitten hochgezogen werden, funktioniert in einem geschlossenen Umlaufsystem.

Sicherheitsstandards und Betriebssicherheit

Die neue Bahn habe neben dem höheren Sicherheitsstandard auch eine wesentlich höhere Betriebssicherheit. Sie kann aufgrund ihrer elektromagnetischen Fliehkraftbremsen auch bei Regen fahren. Die Schlitten haben zudem integrierte Regenhauben. „Derzeit müssen wir den Betrieb bei Regen unterbrechen und die Bahn aufwändig von Hand mit Gummischiebern und Handtüchern trockenreiben“. Viele Gästen reagieren auf diese Unterbrechung mit Unverständnis und teilweise auch Unmut. Auch ist der Nutzungszeitraum von Mai bis maximal Anfang November beschränkt.

Erste Gespräche zwischen der Alpspitzbahn und dem Landratsamt Ostallgäu hätten keine bau- und naturschutzrechtliche Gründe ergeben, die gegen eine Modernisierung der beliebten Rodelbahn sprechen. Partner sei hierbei das Planungsbüro Siebert aus Lindau, das schon bei vielen Vorhaben in der Ostallgäuer Gemeinde involviert war. Den Planungszeitraum veranschlagte der Geschäftsführer der Alpspitzbahn auf sechs Monate.

Im Marktgemeinderat stießen diese Pläne auf breite Zustimmung, aber auch einige Bedenken. „Es muss unser Anspruch sein, die neue Bahn sehr, sehr homogen in die Landschaft zu integrieren. Mir ist es ein absolut wichtiger Punkt, dass so wenig wie möglich in die Natur eingegriffen wird“, sagte Martin Erd (Mitanand für Nesselwang). Da die Bahn einen halben Meter über dem Boden verläuft, werde sie weithin sichtbar sein. Er forderte von der Alpspitzbahn auch ein einheitliches Konzept für die Gebäude. Durch eine entsprechende Bepflanzung soll die Bahn in die Umgebung integriert werden, informierte Speck. Aufgrund der Bauweise der neuen Bahn könnten zudem die aufwändige Aufbauten wie Fangnetze und Zäune entfernt werden.

FW-Räte fordern Verkehrskonzept

Wolfgang Köberle (CSU), einer der beiden vom Marktgemeinderat gewählten Vertreter im Beirat der Bahn, war bei den im Vorfeld stattgefundenen Beiratssitzungen anwesend. „Im Beirat ist es gewünscht, dass die neue Bahn mit nur den notwendigsten Eingriffen in die Landschaft gebaut wird. Dem Markt Nesselwang als größter Anteilseigner der Bahn war das in den Beratungen durchaus bewusst und ein wichtiges Anliegen. Wir sind sicher, dass die neue Bahn ökologisch und ökonomisch zu betreiben ist“. Köberle zitierte einen Nesselwanger Einzelhändler, mit dem er ein Gespräch geführt hatte. „Irgendwie hängen wir alle am ABC (Alpspitz-Bade-Center) und an der Alpspitzbahn“. Der Sommerbetrieb sei existentiell für die Bahn und die 60 Angestellten, ebenso wie für die Einzelhändler und Gastronomen im Ort.

Verkehrskonzept nötig

Petra Wörz (Freie Wähler) mahnte jedoch die schon seit Jahren überfällige Planung eines Verkehrskonzepts für den Berg an. „Wir haben nicht nur eine Fürsorgepflicht für die Angestellten der Bahn. Wir haben das auch für die Anwohner von ,An der Riese‘, für die Rettungskräfte und allen Bewohnern von Nesselwang, die zum Wertstoffhof wollen“. Bernd Schmölz (FW) fügte hinzu: „Die Bahn ist kein Selbstläufer. Die Sommerrodelbahn ist ein wichtiger Faktor dazu“. Auch er unterstrich, wie dringend nötig ein Verkehrskonzept sei. „Die neue Sommerrodelbahn wird wieder neue Gäste und neuen Verkehr bringen“. Das sah auch Andrea Allgaier (FW) so. Deshalb sagte sie: „Schweren Herzens kann ich dem Bauleitverfahren nicht zustimmen, solang wir kein schlüssiges Verkehrskonzept für den Bereich haben.“

Um eine faire Behandlungsweise bat schließlich Bürgermeister Pirmin Joas (CSU): „Die Verkehrsprobleme unseres Ortes können wir nicht auf dem Rücken der Alpspitzbahn und den Angestellten austragen“. Deshalb werde auch ein Bauleitverfahren mit einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan eingeleitet, „und nicht nur ein einfacher Bauantrag“. Im dem umfangreicheren und längerfristigen Verfahren könnten alle Aspekte – auch die des Verkehrs – zusammen mit der Öffentlichkeit und den beteiligten Behörden umfassend bearbeitet werden. Am Ende genehmigte der Gemeinderat mit vier Gegenstimmen den Antrag der Alpspitzbahn.

hoe

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