Aus Liebe zum Wald

Gerald Klamer wandert 6000 Kilometer durch Deutschland - Appell für Nationalpark Ammergebirge

Gerald Klamer an der Pöllatschlucht in Schwangau.
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Von der Ostsee bis zu den Alpen: Gerald Klamer ist derzeit auf seiner 6000 Kilometer langen Wanderung durch alle Bundesländer und bedeutendsten Waldgebiete Deutschlands unterwegs. In Schwangau schaut er sich nicht nur die Pöllatschlucht an, sondern informiert sich auch über den geplanten Nationalpark Ammergebirge.
  • Katharina Knoll
    vonKatharina Knoll
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Schwangau – Gerald Klamer hat eine Mission: Er will auf den Zustand der deutschen Wälder aufmerksam machen. Dafür kündigte er seinen Job, gab seine Wohnung auf, verschenkte seine Habseligkeiten und machte sich Ende Februar zu einer 6000 Kilometer langen Wanderung quer durch Deutschland auf. Am Freitag hat er nun Station in Schwangau gemacht, wo er sich mit Vertretern des Fördervereins Nationalpark Ammergebirge an der Pöllatschlucht traf.

Die vergangenen drei Jahre setzten den Wäldern in Deutschland stark zu: Die Sommer waren viel zu trocken, was die Bäume schwächte und sie anfälliger für Schädlinge wie den Borkenkäfer machte. Dabei kommt ihnen durch ihre Fähigkeit Kohlendioxid zu speichern, eine wichtige Rolle zur Abmilderung des Klimawandels zu. Wie der Mensch schonender mit seinen Wäldern umgehen kann, davon will sich Klamer ein Bild machen. „Ich möchte anhand von positiven Beispielen die Liebe zum Wald wecken“, sagt er.

Auf seiner 6000 Kilometer langen Wanderung durch alle Bundesländer und die bedeutendsten Waldgebiete Deutschlands besucht er Forstbetriebe, die naturnah arbeiten, Wissenschaftler, die zum Thema Wald und Klimawandel forschen, sowie Einzelpersonen und Bürgerinitiativen, die sich zum Schutz der Wälder engagieren.

Ein wichtiger Baustein sind dabei Nationalparks. „Ein noch so naturnaher Wald kann nicht die ganze Vielfalt der Natur abdecken“, so Klamer. Deshalb sollte ein Teil der Wälder gar nicht bewirtschaftet werden. Die Deutsche Bundesregierung habe sich bereits zum Ziel gesetzt, fünf Prozent der staatlichen Waldfläche aus der Nutzung herauszunehmen. Mit derzeit rund drei Prozent gebe es aber noch „eine Menge Luft nach oben“, sagt der ehemalige Forstbeamte. Deshalb komme dem geplanten Nationalpark im Ammergebirge, der sich auf deutschem Boden vom Schwansee bis zur Zugspitze erstrecken soll, eine besondere Bedeutung zu.

Mit einer Fläche von 23.000 Hektar, die die Bayerischen Staatsforsten bewirtschaften, sei der geplante Nationalpark mehr als doppelt so groß als die 10.000 Quadratmeter, die die Bayerische Staatsregierung festschreibt. „Im Ammergebirge ist aufgrund der schwierigen Topographie der natürliche Bergmischwald großflächig erhalten geblieben“, erklärt Klammer. Dieser setzt sich zu 13 Teilen Bergmischwald und zu einem Teil Bergfichtenwald zusammen, sei unbesiedelt und bis auf zwei Straßen unzerschnitten.
Darüber hinaus könnte der geplante Nationalwald auf österreichischem Staatsgebiet erweitert werden.

Wenn sich Deutschland so eine Chance entgehen lässt, dann machen wir  einen riesigen Fehler.

Gerald Klamer, Wanderer und ehemaliger Forstbeamter

Die Bedenken der privaten Waldbesitzer, dass sich durch die unbewirtschafteten Flächen der Borkenkäfer stark ausbreiten könnte, hält er für unbegründet. Ein Nationalpark sei keine Infektionsquelle, schließlich setze sich ein Viertel seiner Flächen aus Pufferzonen zu angrenzenden Waldgebieten und Flächen zusammen, auf denen traditionelle Weidewirtschaft möglich ist. „Das Argument, dass wir dann keine Almwirtschaft mehr haben werden, ist völlig an den Haaren herbeigezogen“, so der ehemalige Förster. Ganz im Gegenteil, die Almbauern könnten dann sogar eine zusätzliche Förderung erhalten.

„Der Besuch im Ammergebirge war ein absolutes Muss!“, so der Weitwanderer. „Wenn sich Deutschland so eine Chance entgehen lässt, dann machen wir einen riesigen Fehler“, lautet Klamers Fazit zum geplanten Nationalpark.

„Es spricht so vieles dafür, hier einen Nationalpark einzurichten“, meint auch Hubert Endhardt, erster Vorsitzender des Fördervereins Nationalpark Ammergebirge. Nicht zuletzt hätten sich bei einer Umfrage 81 Prozent der Befragten aus den Nachbarlandkreisen Ostallgäu, Weilheim-Schongau und Garmisch-Partenkirchen dafür ausgesprochen (der Kreisbote berichtete) – im Gegensatz zur Landesregierung, die die Gründung eines dritten Nationalparks in dieser Legislaturperiode ablehnt.

Mischwald statt Monokulturen

Darüber hinaus gibt es aber noch andere Möglichkeiten, den Wald fit für die Zukunft zu machen. Dazu gehört beispielsweise auf Mischwald statt auf Monokulturen zu setzen, so der Weitwanderer. Auch eine angepasste Forstwirtschaft könne zur Stabilisierung der Wälder beitragen. So sollten Rückewege, auf denen Arbeiter Holz aus dem Wald schaffen, einen Abstand von 40 Meter anstatt der bisher üblichen 20 Meter zueinander einhalten. Solche Maßnahmen mache die Holzernte zwar teurer, aber: „Das muss uns der Wald wert sein!“, ist der ehemalige Förster überzeugt. Denn Waldboden, der nur einmal befahren werde, verliere bis zu 80 Prozent seiner Fähigkeit, Wasser zu speichern. „Das ist eine Sache, die einfach nicht geht“, meint Klamer mit Blick auf die Dürre der vergangenen Jahre.

In seinem Job als Förster hat der Marburger selbst solche Wege angelegt. Irgendwann konnte er sich selber nicht mehr im Spiegel anschauen, wie er erklärt. Aus dem Wunsch heraus, mehr für Deutschlands Wälder zu tun, entstand die Idee zu einer Wanderung quer durch Deutschland.

30 bis 40 Kilometer pro Tag

Pro Tag legt er dabei zwischen 30 und 40 Kilometer zurück. Speziell dafür trainiert habe er nicht. „Ich wandere seit Jahrzehnten schon, auch weite Strecken.“ Die Nächte verbringt er meist auf seiner Matte im Wald. Schutz vor Regen bietet ihm nur eine Plane.

Bisher hat er rund ein Drittel seiner Route, knapp 2000 Kilometer, hinter sich gebracht. Überraschungen habe er dabei einige erlebt. Neben einer Wildkatze bekam er beispielsweise auch einen Fuchs zu sehen, der während eines Hagelschauers offenbar unter demselben Dach eines Bauernhofs Schutz suchen wollte wie Klamer. Auch das große Interesse der Medien und der Forstkreise habe er nicht erwartet. So unternahm der Weitwanderer an Ostern einen Spaziergang mit dem saarländischen Umweltminister und dessen Ehefrau, in Rheinland-Pfalz traf er den dortigen Forstchef.

Bis Mitte November will Klamer unterwegs sein. Über seine Erfahrungen berichtet er nicht nur auf seinem Blog „Waldbegeisterung“, auf Facebook und Instagram, sondern er möchte auch ein Buch darüber schreiben. Denn: „Der Wald braucht mehr Öffentlichkeit und Leute, die sich für ihn einsetzen.“

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