Wenn jahrzehntelanges Arbeiten nicht mehr reicht

Gewerkschaft NGG: Zahl von "Alters-Harz-IV-Empfängern" im Ostallgäu steigt

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Trotz jahrzehntelanger Arbeit sind laut der Gewerkschaft NGG immer mehr Menschen von Altersarmut bedroht. Sie fordert deshalb die Politik auf, gegen diesen Trend vorzugehen und rasch eine Grundrente einzuführen.

Landkreis – Immer mehr Menschen im Landkreis Ostallgäu sind neben ihren Altersbezügen auf staatliche Stütze angewiesen.  Darauf weist jetzt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hin. Deshalb fordert sie die Große Koalition auf, beim Thema Grundrente jetzt „ernst zu machen“.

Nach Angaben der NGG sei die Zahl der Empfänger von „Alters-Hartz-IV“ innerhalb von zehn Jahren um 41 Prozent gestiegen. Gab es im Kreis Ostallgäu 2008 noch 567 Bezieher von Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung, so seien es laut Gewerkschaft im vergangenen Jahr bereits 800 gewesen. 

Die NGG beruft sich hierbei auf Angaben des Statistischen Landesamtes, wie sie erklärt. Danach erhielten in ganz Bayern zuletzt rund 125.000 Rentnerinnen und Rentner Grundsicherung – 43 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Claudia Weixler, Geschäftsführerin der NGG-Region Allgäu, sieht den Trend mit Sorge – und fordert eine „rentenpolitische Kurskorrektur“. Insbesondere die von der Bundesregierung angekündigte Grundrente müsse rasch angepackt werden, um ein Ausufern der Altersarmut im Landkreis zu verhindern. „Die amtlichen Zahlen zeigen nur die Spitze des Eisbergs. Denn sehr viele Menschen, die wegen Mini-Renten eigentlich einen Anspruch auf die Grundsicherung haben, schrecken aus Scham vor einem Antrag zurück“, sagt Weixler. So seien nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bundesweit aktuell bereits 16,8 Prozent der Rentner von Armut bedroht. 

Ohne die Einführung einer Grundrente könnte das Armutsrisiko laut DIW bis zum Jahr 2039 auf 21,6 Prozent steigen – selbst bei einer weiterhin positiven Konjunkturentwicklung, warnte die NGG. „Eine entscheidende Ursache für dürftige Renten sind niedrige Einkommen. Auch wer Jahrzehnte in einer Bäckerei oder einem Restaurant gearbeitet hat, landet im Alter oft unter der Armutsschwelle. Das liegt auch an der Praxis vieler Unternehmen, aus Tarifverträgen auszusteigen und so die Löhne zu drücken. Hinzu kommt der Trend zu Teilzeit und Minijobs“, sagt Gewerkschafterin Weixler. 

Mehr Gerechtigkeit

Hier setze die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Grundrente an: Danach sollen die Bezüge von Menschen, die mindestens 35 Jahre lang gearbeitet haben und bei der gesetzlichen Rente trotzdem unter die Grenze von 896 Euro kommen, um bis zu mehrere Hundert Euro im Monat aufgebessert werden. „Das Modell wäre ein wichtiger Beitrag für mehr Gerechtigkeit im Rentensystem. Es würdigt die Leistung von denen, die ein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt haben“, betont Weixler. 

Ausschlaggebend sei laut der Gewerkschafterin aber, dass es dabei keine Bedürftigkeitsprüfung gebe. „Wer eine solche Prüfung fordert, trifft die Falschen, weil es in den allermeisten Fällen um Haushalte mit kleinen Einkommen geht. Eine Bedürftigkeitsprüfung steht auch dem Rentenprinzip entgegen, nach dem Beitragszahler einen individuellen Leistungsanspruch erwerben“, so Weixler. Die NGG fordert deshalb die Große Koalition auf, bei dem Thema jetzt „ernst zu machen“. Wer Jahrzehnte gearbeitet habe, habe mehr verdient als die bloße Grundsicherung. 

Am Ende stehe ein Stück des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf dem Spiel, warnt die Gewerkschaft. „Für Tausende Beschäftigte allein im Kreis Ostallgäu stellt sich die Frage, ob ein würdiger Lebensabend in Zukunft noch möglich ist“, sagt Weixler. Diese Sorge dürfe die Politik nicht ignorieren. Sie müsse jetzt die nötigen Mittel aufbringen, um Altersarmut im großen Stil zu stoppen. Das Bundesarbeitsministerium geht bei der Grundrente von jährlichen Kosten von etwa fünf Milliarden Euro aus. Claudia Weixler sagt dazu: „Allein die Bankenrettung im Jahr 2008 hat den Steuerzahler rund 60 Milliarden Euro gekostet.“

kb

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