Tim Stieding rettet verblutendem elfjährigen Bub nach Fahrradunfall das Leben

Füssener Hauptfeldwebel als Lebensretter

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Hauptfeldwebel Tim Stieding rettet dem elf Jahre alten Leonhard Frösch das Leben.

Füssen – Weil er einem elfjährigen Jungen das Leben rettet, ist Tim Stieding aus Schwangau seit vergangener Woche ein Medienstar. Dem Kreisbote hat der Hauptfeldwebel in der 4. Kompanie des Füssener Gebirgsaufklärungsbataillons 230 erzählt, wie es dazu kam.

Es ist Freitagmittag, 5. Oktober, gegen 12.20 Uhr, als Tim Stieding zum Lebensretter wird. Der Hauptfeldwebel aus der „Allgäu Kaserne“ hat Dienstschluss und ist mit dem Auto auf dem Heimweg nach Buching, wo er mit Frau und seinem dreieinhalbjährigen Sohn lebt. Plötzlich fällt ihm eine Gruppe aus fünf Personen auf dem Radweg auf. „Da musste etwas passiert sein. Ich habe sofort mein Auto sicher abgestellt und bin auf die Frau zugegangen, die mir ihr Handy in die Hand drückte“, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung. 

Bei der Gruppe handelt es sich um Melanie Frösch aus Frankfurt und ihre Familie. Ihr elf Jahre alter Sohn Leonhard war mit dem Fahrrad so unglücklich gestürzt, dass sich die Handbremse fünf bis sechs Zentimeter tief in den Oberschenkel gerammt und dabei die Hauptschlagader verletzt hatte. Als Stieding eintraf, hatte der Junge bereits jede Menge Blut verloren. „Ich habe einen Notruf mit genauer Ortsangabe abgesetzt“, erzählt der Radarfeldwebel. „Dem mit dem Fahrrad unglücklich gestürzten und am Oberschenkel stark blutenden Buben habe ich einen Druckverband angelegt und ihn mit Geschichten bei Bewusstsein gehalten.“ 

Als der Notarzt nach zehn Minuten eingetroffen war, macht Tim Stieding eine professionelle Übergabe – und verschwindet vom Unglücksort. „Man ist dann da am Unfallort überflüssig. Man stört ja nur. Die Kinder waren versorgt, und die Eltern hatten Wichtigeres zu tun. Also bin ich nach Hause.“ Dort macht er sich etwas zu essen und denkt nicht mehr weiter über den Vorfall nach. Den erlebten Radl-Unfall erwähnt er Kameraden gegenüber kurz, als sie mit ihm im Kleinbus zu einer dienstlichen Schießübung fahren. 

Suche nach Retter

Überraschend für ihn schlägt seine routiniert ausgeführte Erst-Hilfe-Tat aber plötzlich hohe Wellen im Internet. Auf Facebook meldete sich Mutter Melanie Frösch und bittet um Mithilfe bei der Suche nach dem Lebensretter in Tarnfleck-Uniform. Sie und ihre Familie wollen sich persönlich bei dem unbekannten Soldaten bedanken. „Am Freitag, den 5. Oktober um ca 12:20 Uhr ist unser Sohn mit dem Fahrrad gestürzt und hat sich dabei die Bremse seines Fahrrads 5-6 cm tief in den Oberschenkel gerammt. Die Hauptschlagader wurde hierbei verletzt und als das Blut nur so aus ihm spritzte und ich hysterisch versuchte der 112 unsere Position zu übermitteln, standen Sie da!“, schreibt die junge Frau. „Sie standen einfach da, nahmen mir das Telefon aus der Hand, teilten der 112 unseren exakten Standort mit und leisteten sofort erste Hilfe. Irgendwann kam der Rettungswagen... Sie übergaben meinen Sohn an die Sanitäter, trösteten noch mit herzlichsten Worten seinen kleinen Bruder.... und dann waren Sie weg! Oder ich war weg.... ich weiß es nicht mehr genau.“, heißt es weiter in ihrem Aufruf in dem sozialen Netzwerk.

Stieding selbst erfuhr erst Tage später von Kameraden, die aufgrund seiner Erwähnung des Unfalls vermutet hatten, dass ihr Kamerad der gesuchte Lebensretter sein könnte. 

Persönliches Treffen

Dass sich die Familie des nach einer OP wieder genesenen elfjährigen Leohnard und der Ersthelfer demnächst persönlich treffen können, wird vor allem möglich, weil Stieding dem geschockten kleinen Bruder des Unfallopfers – „er hat interessiert auf mein Wappen auf der Schulter geschaut“ – ein Geschenk da ließ. „Ich habe unser auf dem Uniformhemd klebende Patch einfach abgezogen“, schildert er diesen Handgriff, der Tage später das Happyend auslösen sollte. Denn erst dadurch erhielten die Fröschs den entscheidenden Hinweis, wo der Ersthelfer zu suchen ist – in der „Allgäu Kaserne“ in Füssen. So war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Hauptfeldwebel ausfindig gemacht werden konnte. 

Dass der Berufssoldat in der dramatischen Situation so cool blieb, verdankt er vor allem seiner Ausbildung und Erfahrung. „Ich hatte mein Israeli-Bandage in der rechten Beintasche. Damit habe ich den Druckverband angelegt“, erinnert er sich. Er sei ein sogenannter Ersthelfer Bravo. Das heißt, dass er eine „erweiterte Ersthelfer-Ausbildung“ absolviert hat, die auch schon bei Einsätzen dienlich war. Die Gebirgsaufklärer sind als kleiner Trupp weit entfernt von den anderen Soldaten unterwegs. „Daher müssen wir uns in Notfällen selbst versorgen können“, betont Stieding. 

Dass der Feldwebel Zivilcourage gezeigt hat, imponiert nicht zuletzt auch Patrick Hierold von der Pressestelle der „Allgäu Kaserne“. 

Es war übrigens auch nicht das erste Mal, dass der Stieding mit seinem Wissen Hilfe im zivilen Leben leisten konnte. Er habe, wie er abschließend noch bescheiden erwähnt, „schon Schlimmes“ erlebt. „Wo man helfen kann, da hilft man auch“, lautet der Grundsatz des gebürtigen Thüringers, der seit 2010 in der Allgäu Kaserne ist. Umso mehr muss Stieding deshalb den Kopf schütteln, wenn er an den Mittag des 5. Oktober zurück denkt: „Die Straße zwischen Schwangau und Trauchgau ist am Freitagmittag viel befahren. Jeder, der vorbei kam, konnte sehen, dass ein Unfall passiert war. Keiner hielt an!“ 

Dem kleinen Leonhard geht es nichts desto trotz schon wieder viel besser. Ende vergangener Woche sollten bereits die Fäden wieder gezogen werden, teilt seine Mutter mit. „Und dann sollte Leonhard bald auch sein Bein wieder belasten können.“

Chris Friedrich

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