„Hotel NEIN Danke“

Gründer der Bürgerinitiative gehen auf negative Auswirkungen des möglichen Neubaus ein

Wahlzettel Bürgerentscheid Hotelbau Lechbruck
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Auf der Homepage der Bürgerinitiative wird erklärt, wie Gegner des Bauprojekts ihren Wahlzettel ausfüllen müssen. Am Sonntag, 21. März 2021 findet der Bürgerentscheid in Lechbruck statt.
  • vonSelma Höfer
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Lechbruck – Mit dem Ziel, den Bau eines Vier-Sterne-Hotels in ihrer Heimatgemeinde zu verhindern, gründeten Manuela und Wolfgang Wagner sowie Valerie und Alexander Pfanzelt die „Bürgerinitiative Lechbruck am See – Hotel NEIN Danke“ (BI). Am morgigen Sonntag, 21. März, wird sich zeigen, wie viele Bürger des Flößerdorfes ihren Wunsch teilen. Bei einem Bürgerentscheid haben sie die Möglichkeit über den Hotelbau abzustimmen. Der Kreisbote sprach mit den vier Gründern der BI über die Gründe für ihre ablehnende Haltung.

Nun wird es ernst, am Sonntag stimmen die Lechbrucker über das geplante Vier-Sterne-Hotel am Oberen Lechsee ab. Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass sich die Bürger gegen besagtes Hotel entscheiden?

BI: „Eine schwierige Frage. In erster Linie wünschen wir uns eine klare Entscheidung und eine hohe Abstimmungsbeteiligung. Wir sprechen uns große Chancen aus, dass die Bevölkerung auf Basis der Faktenlage gegen dieses riesige Hotel stimmt.“

Haben Sie damit gerechnet, dass der Gemeinderat ihrem Bürgerentscheid ein Ratsbegehren entgegenstellt?

BI: „Anfänglich nicht. Mit genauerer Betrachtung sahen wir darin aber auch eine Chance, dass uns nun von Seiten der Gemeinde Zahlen und Fakten hätten vorgelegt werden dürfen. Rückblickend bedauern wir, dass sich die Gemeinde nicht aktiver öffentlich in die Diskussion eingebracht hat, was ein Ziel, zumindest in der offiziellen Begründung für das Ratsbegehren war. „

Bereits 2015 gab es Pläne für den Bau eines Hotels an dieser Stelle. Waren Sie damals auch dagegen?

BI: Ja.

Der Bau in seiner jetzigen zur Abstimmung gebrachten Form und riesigen Größe passt nicht zu unserem Flößerdorf.

Eheleute Wagner und Pfanzelt,  Gründer der Bürgerinitiative

„Große Bedenken äußerten sie wegen des geplanten Umfangs der Anlage. Wie groß dürfte ein neues Hotel in Lechbruck Ihrer Meinung nach sein?“

BI: „Würde sich das Hotelprojekt auf die bisher bereits versiegelte Fläche beschränken würden sich unsere Bedenken deutlich reduzieren.“

Seit Monaten gehen Sie aktiv dagegen vor, sie sammelten Unterschriften und sprachen öffentlich über Ihre Bedenken. Was spricht Ihrer Meinung nach gegen den Bau dieses Hotels?

BI: „Es gibt viele Bedenken gegen dieses Hotelprojekt. Sollte es überlebensfähig sein, wird die öffentliche Infrastruktur der Gemeinde stark belastet, was dauerhaft auf alle Bewohner Lechbrucks zurückfallen kann. Zudem wird wieder zusätzliche Fläche versiegelt und der Bau in seiner jetzigen zur Abstimmung gebrachten Form und riesigen Größe passt nicht zu unserem Flößerdorf Lechbruck.“

Wie sollte die Gemeinde Ihrer Meinung nach mit dem Gelände und den beiden Ruinen, dem Hallenbad und der Tennishalle, verfahren?

BI: „Das Hallenbad steht seit vielen Jahren nutzlos da, ist allerdings bereits gut eingewachsen, so dass es im Sommer nicht mehr als sehr störend wahrgenommen wird. Die Tennishalle wird teilweise noch zu unterschiedlichen Zwecken genutzt. Daher gibt es keinen Zeitdruck zur Beseitigung. Ein Abriss der beiden Gebäude ist zudem nicht alternativlos. Grundsätzlich ist aber festzuhalten, dass laut telefonischer Auskunft von Bürgermeister Moll kein Nachweis über die von der Befürworter-Seite behauptete Asbestverbauung im Hallenbad vorliegt. Somit sind die hierfür veranschlagten Abrisskosten von mittlerweile 1 Million Euro stark anzuzweifeln.“

Wir haben kein Problem gemachte Fehler einzugestehen, was uns allerdings bei der Gegenseite fehlt. 

Eheleute Wagner und Pfanzelt,  Gründer der Bürgerinitiative

Bei der Betrachtung des in Lechbruck zur Verfügung stehenden Wassers gaben Sie einen Fehler zu. Demnach droht kein Wassermangel durch das Hotel. Sie sprechen jedoch auch von einer Wasserumlage, die zwei bis 2,5 Millionen Euro kosten und die auf die Bürger zukommen könnte. Bleiben Sie bei dieser Aussage?

BI: „Die 2,5 Mio. Euro war die Schlussfolgerung unserer falschen Annahme in Bezug auf den bestehenden Speicher. Unabhängig dieser eingeräumten falschen Annahme sind die anderen Zahlen aber korrekt. Wir haben kein Problem gemachte Fehler einzugestehen, was uns allerdings bei der Gegenseite fehlt. Diese korrigiert im Verborgenen ihre Fehler, in der Hoffnung, dass es niemand bemerkt. Als Beispiel dient der Vergleich der Gebäudegrößen und versiegelten Flächen von bestehendem Hallenbad und Tennishalle mit dem Hotelprojekt.“

Sie unterstellen der Gemeindeverwaltung, von falschen, zu hohen Einnahmen für die Kommune auszugehen. Worauf begründet sich dieser Zweifel?

BI: „Unabhängige Experten bestehend aus Hotelberater, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater kommen bei ihren Berechnungen, die genau auf dieses Hotelprojekt ausgelegt sind, zu anderen Zahlen. Natürlich haben wir, genauso wenig wie die Befürworter, keine Glaskugel, in der wir auf Euro und Cent genau vorhersagen können, wie sich dieses Projekt entwickelt. Was wir aber wissen ist, dass die berechneten Ergebnisse der Befürworter-Seite nicht 1 zu 1 das Projekt in Lechbruck darstellen, da bei den Berechnungen oftmals nur allgemeine statistische Zahlen eingebaut wurden.“

Bei mehreren Gelegenheiten sprachen Sie davon, dass die Gäste des Campingplatzes und Touristendorfes wegbleiben werden. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

BI: Diese Äußerung erfolgte einmalig bei der Infoveranstaltung im Kontext zur Bauzeit und der direkten Nachbarschaft zur Großbaustelle. Das teilweise Ausbleiben der heutigen Touristen gehört aber sicherlich zu einem möglichen Szenarium. Derzeit kommen die Menschen überwiegend wegen der Ruhe, der Natur und dem dörflich geprägten Charakter in unser wunderbares, lebens- und liebenswertes Lechbruck am See. Das zeigt sich auch durch 86 Unterschriften unserer heutigen Gäste, die sich zusätzlich zu den über 500 Lechern der Bürgerinitiative angeschlossen haben. Dieses Hotel wird Lechbruck schon wegen seiner riesigen Größe in Bezug auf das Gebäudevolumen und der Anzahl der Gäste verändern.

Was möchten die Lechbrucker?

Da Sie von einem leerstehenden Hotel ausgehen und davon, dass bisherige Gäste wegfallen werden, wieso sehen sie dann eine gefährliche und übermäßige Verkehrsbelastung auf Lechbruck zukommen?

BI: „Hier bringen Sie zwei verschiedene Szenarien zusammen! Ein Szenarium ist ein möglicher Leerstand und das andere ein funktionierendes Hotel. Wir hatten ja mit dem Königshof bereits einmal ein Hotel, das dann in ähnlicher Lage leer stand und anschließend umgenutzt wurde. Was passiert aber, wenn das jetzt geplante Konzept des Betreibers nicht aufgeht? Es droht Leerstand und was danach kommt, ist ungewiss. Ob das dann die Lechbrucker so haben wollen? Daran hegen wir Zweifel.“

Sie ziehen die Hotels von Investor Breher und den Betreibern Lerch in Oberjoch heran, um zu belegen, dass es keine schwarzen Zahlen schreiben wird. Auch vergleichen sie es mit dem leerstehenden Hotel Königshof. Wie untermauern Sie diese Annahme für den Standort in Lechbruck?

BI: „Wir haben uns die Wirtschaftlichkeit der Unternehmensgruppe Lerch angeschaut. Diese Zahlen lassen ein Szenarium zu, dass auch ein mögliches Hotel in Lechbruck kein Selbstläufer wird. Der Investor kann nur mit gesicherten Zahlen rechnen, solange der Pachtvertrag läuft und der Betreiber nicht gezwungenermaßen oder nach Ablauf der Bindung diesen beendet.“

Sie gehen davon aus, dass Mitarbeiter des Hotels den Wohnungsmarkt in Lechbruck überschwemmen und der Jugend Wohnraum streitig machen werden. Unter den Hotelangestellten können allerdings auch junge Menschen und Familien sein. Widerspricht das nicht ihrer Befürchtung, die Vereine und die Schule würden den Nachwuchs verlieren?

BI: „Sollte es zu dem geplanten Hotel kommen und wie gewünscht funktionieren, dann werden sich die Mitarbeiter, die nicht in den nur 28 vorhandenen Mitarbeiterzimmern unterkommen können, in Lechbruck oder Umgebung Wohnungen suchen. Alle, die keinen Wohnraum in Lechbruck finden, werden zusätzlichen Verkehr verursachen. Selbstverständlich können die neuen Mitarbeiter, welche nach Lechbruck ziehen, auch Mitglieder in den Vereinen werden. Wenn wir uns die Arbeitsmarktrealität in der Hotellerie mit Blick auf die Arbeitszeiten und die Personalstruktur ansehen, steht jedoch in Frage, ob die Mitarbeiter die Möglichkeit haben, aktiv am Lechbrucker Vereinsleben teilzunehmen.“

Wenn Mitarbeiter des Hotels und deren Familien nach Lechbruck ziehen würden, wäre das kein Gewinn für die Gemeinde?

BI: „Sie beginnen die Frage richtig: Wenn. Sicherlich ist es ein Gewinn für die Gemeinde, wenn sie langsam wächst. Wir schätzen jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass Saisonarbeiter ihre Familien dauerhaft mitbringen, als eher gering ein. Laut Aussage des Betreibers sollen neben Azubis Mitarbeiter aus dem umliegenden europäischen Ausland einen maßgeblichen Teil der Belegschaft ausmachen.“

Zweitwohnsitz im Flößerdorf

Sie sagen, einige Hotelgäste würden einen Zweitwohnsitz in Lechbruck in Betracht ziehen. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

BI: „Der Tourismus hat Lechbruck bekannt gemacht und dadurch viele Menschen in unser Flößerdorf gelockt, um hier zu leben. Hinzu kommen jene, welche sich nach dem „Kennenlernen“ des Ortes hier einen Zweitwohnsitz zugelegt haben - entweder direkt im Ort oder in einem der Feriendörfer. Und sogar im Feriendorf Via Claudia ist das Thema Zweitwohnsitz ein Problem, da viele ihre Immobilie nur alleine nutzen, obwohl eine saisonale Vermietung vorgeschrieben ist. Dieses Problem äußert auch Herr Bürgermeister Werner Moll.“

Aus welchem Grund denken Sie, dass die Preise für Baugrund durch einen solchen Hotelbau teurer werden als ohnehin?

BI: „Wie bereits erwähnt regelt Angebot und Nachfrage die Preise sowohl für Bauland als auch für Miet- und Kaufobjekte. Wir haben im Falle des neuen Hotels dauerhaft einen erhöhten Druck auf den Wohnungs-, Immobilien- und Baulandmarkt. Beides ist endlich. Der Druck entsteht durch den erhöhten Bedarf durch die Mitarbeiter und jene, welche sich hier zusätzlich niederlassen wollen. Zudem sind die Zinsen derzeit so gering, dass sich momentan für alle Kapitalanleger eine Investition oder Geldanlage in Bauland und/oder ‚Betongold‘ aufdrängt. Dies sieht man auch im Neubaugebiet ‚Hinterm Wäldle‘, wo zwar alle Grundstücke verkauft, aber nicht bebaut sind.“

Sie sprechen davon, dass junge Familien wegziehen werden. Sie kennen Beispiele?

BI: „Ja, einige. Daher betrachten wir diese Möglichkeit in unseren Szenarien. Wie bei der vorhergehenden Frage bereits gesagt, werden die Immobilienpreise steigen. Darauf hatte Herr Bürgermeister Moll auch im Wahlkampf um das Bürgermeisteramt vor einem Jahr hingewiesen und dies für die Lechbrucker als positiv dargestellt. Die negative Auswirkung hieraus ist jedoch, dass sich nicht mehr alle jungen Familien eine Wohnung in Lechbruck leisten können. Notgedrungen werden diese dann fortziehen und über kurz oder lang auch ihr Engagement im Dorf sowie ihre Vereinszugehörigkeit beenden.“

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

BI: „Wir möchten uns für Ihre dezidierte und interessante Fragestellung bedanken. Die Fragen gaben uns nochmals die Möglichkeit auf die unterschiedlichen negativen Auswirkungen des möglichen Hotelneubaues einzugehen.“

Selma Höfer

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