Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Auf dieser historischen Aufnahme der Reichenstraße sind sehr schön die geschwungenen Bögen des Kellerhauses zu sehen.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich vor allem die Altstadt zu einem historischen und architektonischen Kleinod und lockt mittlerweile jedes Jahr hunderttausende Besucher an.

Der Füssener Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand und zeigt Ihnen die schönsten Fleckchen der Stadt.

 Heute sind es die „Häuser unter den Bögen“.

 Im September 1837 hielt sich in Füssen ein junger Maler aus München auf, von dem die Kunstwelt zu dieser Zeit noch keinerlei Kenntnis genommen hatte. Ein Romantiker, einer, der einen Narren an schönen alten Stadtbildern gefressen hatte: Carl Spitzweg.

Spitzweg, der ein wohlhabender Mann war, logierte allem Anschein nach im ersten Haus am Platz, in der „Alten Post“, dem heutigen Kaufhaus Woolworth. Da es ihm in Füssen und in der Umgebung ausnehmend gut gefiel, blieb er wenigsten zehn Tage hier. Er erkundete in dieser Zeit nicht nur die malerischen Winkel unserer Stadt, sondern wanderte auch zur Gipsmühle und an den Schwansee und gebrauchte eifrig Zeichenstift und Wasserfarben. Spitzweg aquarellierte das Bleichertörle, er hielt den Brunnentrog an der Hinteren Gasse in einer Bleistiftzeichnung fest und er zeichnete auch das prächtige Augsburger Tor von der Landseite her.

 Als er nach der Fertigstellung dieses Blattes in die schattige Torhalle trat, lag vor ihm das eindrucksvolle Bild eines Straßenzuges, dem die glanzvollen Tage Kaiser Maximilian I. ihren Stempel aufgedrückt hatten: Vom Tor aus stieg die „Reiche Gasse“ über eine Länge von 150 Metern und einer Höhe von rund fünf Metern bis zum Rathaus der Stadt an – ein Bau, der sich wie ein Riegel vom rechten Straßenrand so weit in die Gasse hinein schob, dass bis zum gegenüberliegenden Haus (dem heutigen Kellerhaus) nur ein schmaler, etwa sechs Meter breiter Durchlass übrig blieb.

Die Lage des Rathauses an der ehemaligen Via Claudia Augusta, jetzt des „Reichs Strassen“, war mit Sicherheit schon vor der Stadterhebung Füssen festgelegt worden. Der ausgeführte Bau und die ihn umgebenden Bürgerhäuser entsprachen zweifellos einer klug geplanten, auf Fernwirkung bedachter, städtebaulichen Inszenierung.

Das Rathaus zog sich entlang der Ritterstraße hinab bis zum heutigen Mögelehaus, dessen breiter Giebel seine Rückwand war. Im vorderen Teil öffnete sich das Erdgeschoss zu auf großen Pfeilern ruhenden Gewölben, unter denen Markt gehalten werden konnte. Von den Fenstern des darüber liegenden Ratssaales ging der Blick bis hinunter zum Augsburger Tor, das die Reiche Gasse, die gute Stube der Stadt, eindrucksvoll nach Norden abschloss.

Auflösung in Arkadenreihe 

Die drei dem Rathaus gegenüberliegenden Häuser unterschieden sich von allen anderen Bürgerhäusern der Stadt dadurch, dass sich das Erdgeschoss in eine aus insgesamt acht Bögen bestehende Arkadenreihe auflöste. Es war möglich, mit einem Fuhrwerk etwa von Norden her in die parallel zur Reichenstraße verlaufende Durchfahrt ein- und im Bereich des heutigen Juweliergeschäftes wieder hinauszufahren.

Sechs gleich weite, auf schweren Pfeilern ruhende Bögen öffneten sich zur Straße bzw. zum gegenüber liegenden Rathaus. Zur Zeit der ersten Kartierung Füssens im Jahre 1820 zählte diese Durchfahrt noch zum öffentlichen Verkehrsraum der Stadt. In Bozen, Meran oder Glurns im oberen Vinschgau, wo sich vergleichbare städtebauliche Strukturen erhalten haben, werden diese Durchfahrten als „Lauben“ bezeichnet.

In Füssen sprach man noch vor hundert Jahren von den „Häusern unter den Bögen“. Die acht Bögen der Arkadenreihe sind bis auf den heutigen Tag in den fünf Bögen des Kellerhauses, dem Zugang zum Eiscafe „Dolomiti“, dem Zugang zum Juwelier Wollnitza und dem ersten Schaufenster in der Hutergasse erhalten. Schon eine oberflächliche Untersuchung der Häuser unter den Bögen und deren baulicher Struktur führte zu der Erkenntnis, dass die Arkadenreihe in der noch aus historischen Fotografien bekannten Form nicht mehr dem ursprünglichen, dem mittelalterlichen Konzept der drei Gebäude entsprach.

 Alte Baupläne, die Lage der Keller tief im Inneren der Gebäude und ein ungewöhnlicher Knick in der Fassade der Hutergasse sind der Beweis, dass die drei Fassaden ursprünglich um rund vier Meter weiter zurück gelegen haben müssen. Zu einem nicht mehr bestimmbaren Zeitpunkt, zu einer Zeit als in der Stadtmitte offenkundige Raumnot herrschte, erhielten die Besitzer der drei Häuser die Erlaubnis, die Straße des Reiches zu überbauen, jedoch nur unter der Bedingung, dass der öffentliche Weg frei bleiben müsse. Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass dieses Privileg zu erteilen Angelegenheit des Reiches war und nicht der Stadt Füssen.

Vielleicht geschah dieser ungewöhnliche Akt in jenen Tagen, als der Kaiser immer wieder einmal in der Stadt residierte. Das Erweitern der Häuser nach Westen, zur und über die Straße hin dokumentiert sich nicht nur in dem schon erwähnten Fassadenknick in der Hutergasse. In der Dachkonstruktion des Eckhauses zeichnet sich die Verlängerung noch immer in der Überplattung einer angestückelten Pfette ab.

 In dem Eiscafe „Dolomiti“ zeigt sich die Zäsur zwischen Alt und Neu in den beiden Stufen, die zwischen dem vorderen neuen und dem hinteren alten Teil liegen und wo an der gleichen Stelle die Holzbalkendecke über der neuen Durchfahrt an dem Tonnengewölbe des ursprünglichen Hauses endet.

Innen ausgeweidet 

Das heutige Kellerhaus, das, als es noch im Besitz der Raiffeisenbank war, im Inneren regelrecht ausgeweidet wurde und deshalb heute auf einem System von groß dimensionierten Stahlträgern ruht, war der ungewöhnlichste Teil der „Häuser unter den Bögen“.

Von dem weit hinter der Fassade liegenden Gewölbekeller musste ein betoniertes Gerinne zur Straße geführt werden, um hier Eierkohlen oder Koks einschütten zu können. Die rätselhafte Baugeschichte des Hauses offenbart sich aber erst in der ursprünglichen Form des alten, durch den Architekten Oskar Wittek veränderten Daches.

Bis zum Jahre 1955 überdeckte den Bau ein Walmdach, eine für Füssen ungewöhnliche und sonst nirgendwo in der Stadt verwendete Dachform. Wittek bewahrte zwar die Abwalmung an der Hofseite, er entfernte jedoch das Walmdach an der Westseite des Hauses und ließ stattdessen den heutigen Treppengiebel aufmauern. Er schuf damit eine Fassade, in der die Architektur des Hohen Schlosses kongenial anklingt und die sich ausgezeichnet in das Auf und Ab der gotischen Giebel um den Stadtbrunnen einreiht, den Platz ein wenig für den Verlust des alten Rathauses entschädigt.

 Das Kellerhaus in seiner ursprünglichen Form war ein auf einem annähernd quadratischen Grundriss errichteter Bau mit einer pyramidenförmigen Bedachung ähnlich den Dächern über den Bergfrieden unserer Burgen. Es ist davon auszugehen, dass dieses ungewöhnliche, turmartige Bauwerk einst dem alten Rathaus zugeordnet war und eine wesentliche kommunale Funktion zu erfüllen hatte, vielleicht als Zeughaus und städtisches Gefängnis diente.  

Die Reihe der Hausbesitzer lässt sich bis zum Jahre 1650, bis zu dem Gastwirt Hans Zell zurück verfolgen. Für das Jahr 1770 erwähnen die Steuerlisten den Lebzelter Johann Georg Burnhauser, für das Jahr 1784 den Krämer Franz Socher und den Zinngießer Johann Gebler. 1817 heiratete der Hausbesitzer Joseph Anton Niedermayr die „Spezereyhändlerswitwe“ und Wachszieherin Ursula Schlapp aus Nasserreith.

 Im Jahre 1847 erschien als Eigentümer der aus München stammende Wachszieher und Lebzelter Georg Zächerl, ein tüchtiger Mann, der von 1875 bis 1892 Bürgermeister die Geschicke der Stadt lenkte und als einer der ersten Bürger außerhalb der Stadtmauern, an der Augsburger Straße, ein Haus, die „Zächerl – Villa“ bauen ließ.

 Die an der Fassade hängende  eiserne Kanonenkugel ist ein dauerhaftes Zeugnis für die am 7. Juli 1800 erfolgte Einnahme durch französische Truppen. Die erste Kugel flog über das Augsburger Tor in die Reichenstraße, hüpfte dreimal auf und blieb vor dem Haus liegen.

Ma gnus Peresson

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