Bauarbeiten werden eine technische Herausforderung

Der Füssener Alatsee: Heilwasser und wertvolle Mineralien

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Der Gipsbruchweiher in Bad Faulenbach um das Jahr 1900.

Füssen – Die geplante Sanierung der Alatseestraße nach einem Hangrutsch stellt Stadtverwaltung und Ingenieure vor eine echte Herausforderung. Grund ist der löchrige Untergrund des ehemaligen Gipsabbaugebiets im Faulenbacher Tal. Aus aktuellem Anlass also beschäftigt sich Historiker Magnus Peresson mit den historischen und geologischen Besonderheiten des Faulenbacher Tals.

Seinen Namen verdankt das Tal dem fauligen Geruch, den der durch ihn fließende Bach verströmt. Umrahmt von Vilser Berg, Salober und Kobel und deshalb geschützt vor den kalten Winden, aus Norden und Westen eignete sich das Tal von je her als ein guter Platz zum Siedeln. Früheste Zeugen für die Anwesenheit von Menschen fanden sich für die Jungsteinzeit in der Grenzhöhle am Südfuß des Vilser Berges. Mit der Besetzung der Alpen und seines Vorlandes durch die Römer erkannten diese das günstig Mikroklima des Tales und die heilende Wirkung seines stinkenden Wassers. 

Handfeste Zeugnisse römischer Kultur stellten sich 1955 bei einem Umbau unter dem „Haus Füller“ an der südlichen Morisse ein. Nur noch archivalisch belegbar ist der Fund eines Topfes gefüllt mit 2000 römischen Münzen, die 1684 beim Fällen einer Tanne „am Berg“ ans Licht traten. Der Fundort ging unter dem Begriff „Münzgrieble“ in den lokalen Wortschatz ein, er wurde zuletzt 1928 gebraucht. Nach dem Ende der römischen Herrschaft, als die Legionen das Land längst verlassen hatten, stellte sich ein politisch wie gesellschaftliches Vakuum ein. Diese Lücke füllte die noch junge Kirche. 

Für den Füssener Raum hing diese Entwicklung eng mit dem Augsburger Bischofsstuhl zusammen, dem jetzt die alte Diözese, ein Begriff aus der römischen Verwaltungssprache, unterstand. Der Bischof lenkte neben den üblichen Aufgaben der Administration des Landes auch die Pflege des antiken Straßensystems. Für Faulenbach lag die besondere Bedeutung in der „Via Claudia Augusta“, die das Tal querte und nur wenig lechaufwärts den Fluss überquerte. Das römische Imperium konnte alles Land nach Belieben verleihen oder übereignen, Wasser blieb aber grundsätzlich im Besitz des Reiches. Besonderes Augenmerk lag auf Quellen und heilkräftigem Wasser.

Jüngste Forschungen haben ergeben, dass Faulenbach noch im Jahre 1014 den Rang eines Patrimonium besaß, also Eigentum des Papstes war. Das lag daran, dass der Bischof von Rom den wohl wichtigsten Titel der römischen Cäsaren angenommen hatte, nämlich „pontifex maximus“, das heißt „oberster Brückenbauer“. 

Was sich einst im Eigentum des römischen Pontifex Maximus befunden hatte, befand sich jetzt im Besitz des Papstes und dies blieb mitunter so bis in das hohe Mittelalter. 

Weiher für Fischzucht

Im Jahre 1014 ging durch Tausch das Patrimonium Faulenbach in das Eigentum von Kaiser Heinrichs II. über. Der schenkte das Tal vier Jahre später, 1018, dem Hochstift Bamberg. Die Verwaltung über den Besitz übertrug man aller Wahrscheinlichkeit nach dem Kloster St. Mang, dem vermutlich zu dieser Zeit auch Pflege und Wartung der antiken Straße und der Brücke oblag.

 Das Wissen um die einst so außerordentliche rechtliche Stellung des Tales war zwar verloren gegangen, doch lebten die Chronisten des Klosters in der vagen Ahnung um seine ungewöhnliche Herkunft und sie erklärten den rätselhaften Besitz mit all den damit verbundenen Rechten zur Pippinischen Schenkung, zu einer Schenkung „Pippins des Kurzen“. 

Sehr früh wird das Kloster mit dem Bau von Dämmen den Abfluss des Alatsees und das Wasser diverser Quellen zu mehreren Weihern für die Fischzucht aufgestaut haben. Noch heute erinnert ein um 1690 durchstochener Damm unterhalb des Alatsees daran, dass im Tal ursprünglich wohl eine regelrechte Treppe von Fischweihern bestanden hat. Ein Weiher schenkte dem nächst tiefer gelegenen sein Überwasser. Nur der oberste aller Seen war natürlichen Ursprungs, er war „allad“ (immer) schon da, der Alatsee. 

Die Fischzucht hatte elementare Bedeutung für die Verpflegung des Klosters. Aus diesem Grund errichtete man für den Fischmeister ähnlich wie am Weißensee oder am Kessacher Weiher in Rückholz ein eigenes Haus. Der letzte vom Kloster noch aufgeführte Bau stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und in Teilen hat er sich bis auf den heutigen Tag an der Fischhauswiese erhalten. St. Mang bezog sein Trinkwasser ausschließlich aus dem Tal und die Schüttung der Quellen reichte aus, um auch die Bürger der Stadt damit zu versorgen. Die Wasserleitung bestand aus Deicheln, hölzernen Rohren, die über die Baumgartenschulter und den Vorplatz von St. Mang den städtischen Brunnen zugeführt wurden. 

Mit Sicherheit hatten bereits die Römer die Heilkraft der Faulenbacher Calziumsulfat-Quellen erkannt und sie im medizinischen Sinne genutzt. In dieser Tradition lag der spätere Badebetrieb unter der Führung des Klosters und seiner Bademeister. Für das Jahr 1493 ist der Bau eines großen Badehauses, des sogenannten Wildbades bezeugt. Einen Teil des Wassers leitete man bis zum kleinen Bad im Klosterbau, wo nur noch der Name „Bädle“ an die frühere Funktion erinnert. Im alten Schwefelbad standen in den 1920er Jahren noch mächtige Badewannen, die aus massivem Marmor gehauenen waren. 

Mit Heilwasser gefüllt, suchten Männlein wie Weiblein dort Linderung bei allen möglichen Erkrankungen, vor allem der Haut und bei „weiblichen Zuständen“. 

Kunstvolle Ornamente

Der unerschöpfliche Reichtum des Tales lag in seinem Wald. Die Wälder lieferten Feuerholz für die Öfen des Klosters. Unerschöpflich waren auch die Lehm-, Kalk- und Gipsvorkommen, die St. Mang über viele Jahrhunderte klug zu nutzen verstand und die auch die Grundlage für den gesunden Wirtschaftsbetrieb bildeten. Von Bedeutung war vor allem der Gips. Ihn verwendete man oft als Zusatz zum Putzmörtel für trockene Innenräume, da er die Abbindezeit erheblich verkürzte und eine glatte, fast seidige Oberfläche ermöglichte. 

Hatte man schon in der ausgehenden Gotik Teile von Kirchenausstattungen aus Gips gegossen, kam es in der Zeit von Barock und Rokoko zu einer fast hundert Jahre dauernden Blüte: Kirchen und Residenzen schmückten sich mit aufwendigen Ornamenten aus Gips, auch in manchem einfachen Bürgerhaus finden sich noch heute Leisten und Gesimse aus Faulenbacher Gips. Nicht von ungefähr zeigen die Kirchen „Zu unserer Lieben Frau am Berg“ oder St. Coloman bei Schwangau Stuckarbeiten von höchster Güte. 

Für die Ausstattung von St. Mang entwarf sein Baumeister Stuck, der in heimische Gräser und Blattwerk wieder gibt. Heimische Bildhauer verstanden es auch, aus Gipsblöcken fast lebensgroße Statuen zu hauen. Und noch vor hundert Jahren holten Buben am Gipsbruchweiher weiche Knollen, um daraus Krippenfiguren zu schnitzen. 

Fast gleichwertig stand neben der künstlerisch-handwerklichen Verwendung von Gips das Material als mineralischer Dünger in der Landwirtschaft. Noch um das Jahr 1900 wurde am Marienplatz in München Gips aus Faulenbach verkauft. 

Instabiler Talgrund

Dem Reichtum an Gips gegenüber stand die seinem Vorkommen geschuldete Instabilität des Talgrundes. Der faule Bach wäscht jedes Jahr große Mengen des leicht löslichen Materials aus dem Untergrund und spült es in den Lech. So können große Hohlräume entstehen, die mitunter einbrechen und im Gelände trichterförmige Einsenkungen, sogenannte Dolinen, hinterlassen. Der Gipsbruchweiher, der ein alter, jetzt mit Wasser gefüllter Gipssteinbruch ist, bot vor wohl hundert Jahren eines Morgens einen ungewöhnlichen Anblick: Über Nacht hatte sich der Wasserspiegel um gut zwei Meter abgesenkt, ein Phänomen, das sich nur durch den Einsturz eines Gipsdomes unter dem alten Gipsbruch erklären lässt. 

Der Weiher muss sich dann mit einem regelrechten Sturzbach entleert haben. Alte Füssener, wie der längst verstorbene, in Faulenbach geborene Jörg Wanner, wussten noch, dass der große Bruch mit dem etwas entfernt gelegenen Gipsloch unterirdisch für den Betrieb einer Rollwagenbahn verbunden war. Obwohl der enge Tunnel sich mittlerweile verschlossen hat, liegt vermutlich in ihm der Grund für die derzeitige Instabilität des Geländes und der hier liegenden Straße. Unvergessen sollte über all dem bleiben, dass mehr als tausend Jahre lang römische Kaiser und Päpste die Herren über Faulenbach waren.

Magnus Peresson

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