Am Samstag findet das 31. Schalenggenrennen statt

"Eine Wissenschaft für sich"

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Hanne Allgayer (Mitte) ist die Cheforganisatorin des beliebten Pfrontener Hörnerschlittenrennens. Am kommenden Samstag steht die 31. Auflage an.

Pfronten – Wenn sich am kommenden Faschingssamstag wieder furchtlose Föhla und mutige Burschen mit ihren Hörnerschlitten auf die Abfahrt vom Hündle wagen, dann liegen Monate der Vorbereitung hinter den Mitgliedern des Kappeler Schalenggar Vereins um Hanne Allgayer.

Einst war Schalengg’e wichtig für die Bauern im Winter, vor 40 Jahren dann wurde das Hörnerschlittenrennen aus einer Laune heraus geboren und ist mittlerweile nicht mehr wegzudenken aus dem Kalender. 

Jede Menge Gaudi haben die Teilnehmer beim traditionellen Schalenggarennen.

Außer, wenn es nicht genug Schnee hat, dann muss Hanne Allgayer schweren Herzens das Rennen absagen. Diesmal aber stehen die Chancen gut, dass wieder um die 200 Teams Sport und Tradition miteinander zur eigenen und der Gaudi der zahlreichen Zuschauer verbinden werden. 

Auf dem Tisch liegen Zeitungsausschnitte, aktuelle und 40 Jahre alte. Gerade erst ist Hanne Allgayer mit einer Redakteurin vom SWR die Strecke abgegangen, die die Teams fahren werden. Der BR war auch da und zahlreiche weitere Redaktionen interessieren sich für die Geschichte. „Offiziell los’gangen isch es ab 1977“, erzählt die Kappelerin. In einer Stammtischlaune beschließt eine Handvoll Kappeler, das Schalengg’e wieder aufleben zu lassen. Schalenge, „des kommt von schlengle“, erzählt Allgayer, „und heißt so viel wie lenken“. 

Mit den Füßen in den Kufen kann der vordere Fahrer die Richtung beeinflussen, der zweite Mann steht hinten, lenkt ebenfalls mit und ist fürs Bremsen verantwortlich, damit der Schlitten nicht zu schnell wird. Dabei geht Schalengg’e eigentlich auf eine Notzeit zurück. „Im Winter hatten wir Heunot“, erinnert sich Allgayer. 

Und nachdem kein Weg von den Wiesen oben am Hochmoor am Hündle ins Tal führt, müssen die Bauern mit ihren Schlitten aufsteigen. Dort wird das im Sommer gemachte Heu auf die Schlitten verladen, auch Feuerholz, und dann geht es ab ins Tal, wo Vieh und Bäuerin auf die Ladung warten. 

So war das damals. Geändert hat sich bis heute im Prinzip nicht viel. Was als Laune beginnt – „die hen’d sich verhoigartet am Stammtisch“ – entwickelt sich schnell zu einer Gaudi für die Allgäuer. Das erste Rennen fand 1977 am Faschingsdienstag statt. Beim zweiten Mal gibt es dann schon mehr als 170 Anmeldungen aus dem gesamten Umland. Die Schlitten hat fast jede Familie noch am Dachboden stehen.

 Anfangs leihen sich die Teams – es müssen immer zwei Mann oder zwei Föhla, also junge oder ein bisschen ältere Damen sein – die Schalengge bei den Pfrontenern. 

Viel Bruch

Mit dabei, von Anfang an ist auch Pius Lotter. Er gehört zum Organisationsteam und ist auch Schirmherr des Rennens. „Natürlich isch viel zu Bruch g’angen“, weiß Allgayer.

Viele Schlitten waren wurmstichig und ohnehin muss man das Holz nach dem Sommer erst wieder biegsam machen. Dafür werden die Schlitten im Schnee eingegraben. Trotzdem überlebt aber nicht jeder Schlitten das Rennen, vor allem dort, wo die Bahn die Forststraße quert, heben die Schlitten ab und manch einer kommt nicht so sanft auf. 

Dafür hat der Verein aber eine Regel: Sollte ein Schalengge zu Bruch gehen und sich für die Weiterfahrt nicht mehr eignen, kann die Mannschaft dennoch in die Wertung kommen. Jedes Teammitglied muss mit einem Stück des Schlittens zu Fuß das Ziel erreichen. Zugelassen sind dabei nur Schalengge in traditioneller Ausführung mit Holzkufen oder herkömmlich beschlagen. Nur ein Sitzbrett darf angebracht werden. 

Klare Vorgaben

Wie der Schlitten auszusehen hat, das ist in der ersten Festschrift 1977 detailliert festgehalten. Mittlerweile gibt es auch wieder zwei Schlittenbauer in Pfronten, den Gast Ulli und den Reichart Andre, erzählt Hanne Allgayer. Im Sommer ziehen die beiden los, um sich das Hartholz für die Schlitten zu suchen, die Kufen müssen beispielsweise aus einem Stück bestehen. „Das ist eine Wissenschaft für sich“, weiß die Organisatorin. Im Schnitt bauen die beiden Holzar zwei bis drei neue Schlitten pro Jahr, die trotz ihrer stattlichen Preise hochbegehrt sind. 

Kein Wunder, kommen die Teams mittlerweile doch von weit her in die 13-Dörfer-Gemeinde. Deshalb steht Allgayers Faxgerät in der heißen Phase der Anmeldung auch nicht mehr still. Natürlich könnten sich die Teams auch per Mail anmelden, aber vielen würden das altmodische Gespräch per Telefon oder eben auch das Fax vorziehen. 

Vor zwei Jahren war schließlich sogar ein Team des japanischen Fernsehens dabei und ist selbst mitgefahren. Neben den beiden Pfarrern kann Allgayer auch auf Bürgermeisterin Michaela Waldmann zählen, die mit dem Schlitten – außer Konkurrenz natürlich – abfährt.

Brauchtum und Gaudi

Ohnehin würde es nicht ganz so rasant zugehen in Pfronten, erzählt Allgayer weiter.

Das ist auch der Grund, weshalb viele hier her kommen würden. „Bei uns ist das Brauchtum, Rennen und Gaudi“, erklärt sie die Popularität „Nirgends ist es so wie bei uns. Vor allem ist es bei uns nicht so eisig“. Während es andernorts nur um Geschwindigkeit und Siegen gehe, steht in Pfronten die Gaudi und das Ankommen im Mittelpunkt. 

Deshalb auch die traditionellen Schlitten, die die Teams auch selbst zu Fuß nach oben bringen müssen. „Bei uns gibt’s kein Skibob oder an Lift, der die Schlitten hochzieht“. Dass eine Frau dem Verein vorsteht, hat zwei Gründe.

 Zum einen war ihr Mann einer der letzten Originaler, der wirklich noch mit dem Schlitten Heu geholt hat. Zum anderen aber musste sie vor 20 Jahren einspringen. „Der Vorstand hat nimma wella“. Woraufhin sie gemeint habe: „Des gibt’s doch it. Muss man die Weiber vorschicka. Na mach ich‘s do grad sel“. 

Lange Vorbereitung

Und so beginnt im November die Schalenggarsaison, müssen die Freiwilligen, die Spender und die Vereine organisiert werden. Jede Woche ist ein Treffen der Vorstandschaft, doch letzten Endes zählen die entscheidenden 14 Tage vor dem Rennen. Dann entscheidet sich, ob gefahren werden kann, ob der Boden hart genug ist und auch ob genug Schnee liegt. Manchmal müsse man Schnee aus der Bahn rausholen, „manchmal müss ma den Schnee in die Boah schöpfen“. Präpariert wird natürlich auch auf die altmodische Art, mit den Fiaß und Schaufeln. 

Und so werden am Faschingssamstag wieder um die 200 Teams oben stehen, meist so um die 20 Damenteams. Die fahren mit Köpfchen. Trotzdem sei in den vergangenen Jahren kaum was passiert, meist verdrehte Knie oder leichte Schnittwunden.

Für heuer hat sich außerdem Landrätin Maria Rita Zinnecker (CSU) angekündigt und will mitfahren, wenn es denn geht. Gestartet wird am kommenden Samstag um 12 Uhr mittags, ab 16 Uhr startet die Party im Zelt. Als erste werden aber wieder die Originaler nach oben steigen und ihre Schlitten mit Holz und Heu beladen, ganz so wie Früher. 

Und dann mit ihrer kostbaren Fracht hinunter sausen auf der knapp einen Kilometer langen Bahn, die eigens nur für das Rennen angelegt wird. Denn trotz aller Gaudi und sportlichen Elan – das Brauchtum lebt fort beim 31. Original Schalengge-Rennen.

Oliver Sommer

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