Heiße Diskussion an kühlem Abend

Beim Info-Abend zum Füssener Bürgerentscheid liegen die Nerven teilweise blank

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Geht`s um den Kiosk am Weißensee, kochen schnell mal die Emotionen hoch.

Füssen – „Meine Bitte ist: bleiben Sie fair und gehen Sie wählen!“ Mit einem eindringlichen Appell, am 22. Juli abzustimmen, schloss Bürgermeister Paul Iacob (SPD) am Mittwochabend die erste von zwei Info-Veranstaltungen zum Bürgerentscheid am nächsten Sonntag.

Zuvor hatte Iacob im Strandbad Weißensee vor zahlreichen Zuhörern über den geplanten Kiosk-Neubau und die Alternativen dazu informiert. Ob es dem Rathauschef gelungen ist, alle Anwesenden zu überzeugen, ist allerdings fraglich. Denn in der Diskussion zeigte sich, wie emotional mancher Weißenseer bei dem Thema wird und wie tief die Gräben zwischen Ortsteil und Kernstadt sind. 

Vor allem bei manchem Vereinsvertreter oder auch älteren Ortsteilbürgern scheinen Wut und Misstrauen gegenüber Stadtverwaltung und Politik enorm zu sein. Nicht nur einmal musste sich Iacob den Vorwurf aus der Runde anhören, nicht die Wahrheit zu sagen, während den beiden Weißenseer Stadträte Ursula Lax (CSU) und Lothar Schaffrath (SPD) sogar von Nachbarn Verrat am Ortsteil vorgeworfen wurde. „Wir haben zwei Stadträte aus Weißensee, die aber keine Weißenseer Stadträte sind“, sagte ein älterer Bürger. Wütend legte er nach: „Euch kann man leider einfach nicht über den Weg trauen. Ihr haltet uns für dumm!“ 

Die Stimmung war teilweise so aufgeheizt, dass Iacob mehrmals dazu aufrufen musste, von persönlichen Angriffen und Beleidigungen abzusehen. Er selbst lieferte sich ein hitziges Wortgefecht mit Michael Duijndam vom „Dreimädlerhaus“, der zu ihm gesagt hatte, Iacob solle den Mund halten.

Deutlich wurde im Laufe der zwei Stunden auch: Offenbar fühlen sich nicht wenige Weißenseer von der Stadt Füssen vernachlässigt, nicht ernst genommen und abgehängt. „Wir Weißenseer sind einfach sehr misstrauisch“, erklärte Anna Katharina Seidel von der Musikkapelle. „Wir sind so vorsichtig, weil man uns seit Jahren hinhält.“ 

Der Infoabend offenbarte aber auch, dass selbst der Ortsteil in Gegner und Befürworter des Projekts gespalten ist. Bürgermeister Iacob kritisierte im Gegenzug, dass im Ortsteil einige Gegner des Vorhabens bewusst falsche Zahlen und Behauptungen in Umlauf bringen würden. „Ich höre plötzlich Dinge, wo ich denke: sapperlot, weiß da einer mehr als ich?“, sagte er. 

Wiederholt betonte er, dass er aus seiner Sicht keine Alternative zu einem Neubau und zu dem vom Landratsamt vorgeschlagenen Standort gebe.

Sorgen wegen Größe

Nachdem er nochmals die bereits hinlänglich bekannten Hintergründe und Fakten zum geplanten Neubau dargestellt hatte, wurde in der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde schnell deutlich, dass viele Weißenseer befürchten, dass das geplante Kiosk-Gebäude viel zu groß gebaut wird bzw. irgendwann in Zukunft erweitert werden könnte. „Wer garantiert uns, dass das die nächsten Jahre nicht größer wird?“, fragte zum Beispiel Claudia Wöhrle. Auch Michael Duijndam äußerte Zweifel an der angekündigten Größe. „Meiner Meinung nach wird auf 350 Quadratmeter plus Terrasse gebaut werden“, sagte er. Das sei so im Stadtrat beschlossen worden. 

Iacob entgegnete, dass der Bebauungsplan (B-Plan) sich erst in der ersten Lesung befinde und alle weiteren Planungen wegen des Bürgerentscheids hätten gestoppt werden müssen. Aber: „Wir haben im Stadtrat den Auftrag, das Baufenster auf 300 Quadratmeter zu begrenzen. Der Stadtrat geht damit unisono!“ Spontan und auf Anregung von Zweitem Bürgermeister Niko Schulte (CSU) sicherte Iacob zu, noch in der kommenden Sondersitzung des Stadtrats am kommenden Dienstag, 17. Juli, eine Gebäudegröße von 200 Quadratmetern, 100 Quadratmeter für die Terrasse sowie den Erhalt des bei den Weißenseern so beliebten alten Pavillons vom Stadtrat beschließen zu lassen. 

Rechnet sich der Kiosk? 

Martina Höß hingegen hakte wegen der zu erwartenden Kosten für Neubau und Abriss nach. „Warum wird nicht gesagt, was das kostet?“ Wie Iacob ihr erläuterte, werde der Neubau die Stadt nichts kosten. Das sei Sache von Investor Sentürk. Was die Stadt zahlen müsse, seien Abriss des alten Kiosk und die Renaturierung der Fläche. Da das aber der städtische Bauhof in Eigenleistung machen könne, gehe er lediglich von rund 60.000 Euro aus. „Aber nageln Sie mich bitte nicht fest!“ 

Zweifel an der Wirtschaftlichkeit des Kiosks bei einer Größe von nur 200 Quadratmetern äußerten in diesem Zusammenhang eine weitere Rednerin. Auch das sei Sache des Investors, so Iacob. Er gehe aber davon aus, dass Sentürk nicht investieren werde, wenn er sich davon keine Rendite verspreche. „Ein Investor, der so etwas stemmen will, wird sich nicht blamieren wollen und hat gerechnet.“ 

Was mit dem Kiosk-Gebäude passiere, wenn die Erbpacht abgelaufen sei, fragte eine weitere Teilnehmerin. Dann könne diese entweder verlängert werden, entgegnete ihr Iacob, oder das Gebäude von der Stadt zum Restwert gekauft werden. 

Verwundert und entsetzt über den Umgangston, der teilweise zu vernehmen war, äußerte sich nicht nur der Besitzer einer Ferienwohnung. Auch Freie-Wähler-Stadträtin Gerlinde Wollnitza zeigte sich erstaunt: „Warum kann man sich nicht sachlich damit auseinandersetzen?“ Wie Bürgermeister Iacob betonte sie, dass die Weißenseer entgegen der teilweise vorherrschenden Meinung sehr wohl zu Füssen gehören würden und sich die Stadt um den Ortsteil kümmere. Als Beispiel führte der Bürgermeister an, dass Verwaltung und Politik erst 500.000 Euro in die Sanierung des alten Gemeindehauses gesteckt haben. Auch wolle niemand das Weißenseer Vereinsleben oder die lange gewachsene dörfliche Struktur schwächen oder gar zerstören. „Ich schätze Weißensee und das Vereinsleben“, betonte er. „Aber wir haben auch eine Zukunft zu gestalten. Wir brauchen Veränderung“, warb er für den Neubau.

Matthias Matz

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