Pflegedienste stoßen an ihre Grenzen

Herausforderungen steigen: BRK informiert pflegende Angehörige

+
Annett Filser vom Bayerischen Roten Kreuz

Füssen – Die Zahl der pflegebedürftigen Personen nimmt zu. Fast jede Person hat den Wunsch, möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben zu können. Über die Herausforderungen, die das mit sich bringt, spricht die offene „Angehörigengruppe“ des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) in Füssen.

Pflegedienste sorgen dafür, dass pflegebedürftige Personen in den eigenen vier Wänden bleiben können. Doch diese haben im Füssener Land die Grenze zur Auslastung erreicht. So stehen pflegende Angehörige vor viel größeren Herausforderungen als zuletzt.  Die offene „Angehörigengruppe“ – bei der dies alles offen zur Sprache kommt – trifft sich jeden Monat zum Austausch mit Fachfrau Annett Filser von der Fachstelle für pflegende Angehörige des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK).

Zu diesem Austausch lädt Filser regelmäßig Fachreferenten ein und hält auch selbst Vorträge. In der August-Veranstaltung zum Thema „Zu Hause leben – mit Unterstützungs- und Pflegebedarf“ entdeckte sie auch ein „neues Gesicht“ in der Zwölfer-Runde der Besucher. Die ältere Dame dürfte ihren Besuch im Multifunktionsraum des BRK-Seniorenheims St. Michael nicht bereut haben, denn innerhalb von gut zwei Stunden beantwortete Filser die wichtigsten Fragen, die sich einem pflegenden Angehöriger stellen – oft auch ganz kurzfristig. Denn häufig wird ein Familienmitglied aus dem Krankenhaus entlassen und ist plötzlich auf umfassende Hilfe angewiesen. Dessen Wunsch ist dann meist, möglichst lang daheim – und gut versorgt – leben zu können. 

Ein Wunsch, den Angehörige zwar oft gerne erfüllen, der aber auch schnell zu Überforderung führen kann. Um dem gewachsen zu sein, was auf einen zukommt, wurde die Angehörigengruppe Füssen ins Leben gerufen. „Wir sind ein offener Gesprächskreis, zu dem alle pflegenden Angehörigen, ehrenamtlichen Helfer und interessierte Personen jeden Monat herzlich mit einem Brief eingeladen werden“, erklärte Filser. 

Jede Menge Bürokratie 

Beim August-Abend gab die BRK-Fachfrau einen Überblick über die Leistungen der Pflegeversicherung für die ambulante Pflege und Versorgung in der eigenen Häuslichkeit. Dabei zeigten die ergänzenden Erfahrungsberichte: Es treten immer wieder neue Fragen auf, weil sich Menschen mit Pflegegrad (eins bis fünf) in unterschiedlichen Situationen befinden. Für ihre Lebensqualität zu sorgen, stellt ein kaum vergleichbares Hilfspaket dar. Wer sich dazu bereit erklärt, einen Betroffenen regelmäßig zu pflegen, muss selbst auf Vieles verzichten und sich davor schützen, durch Überforderung selbst ein „Problemfall“ zu werden. 

Deutlich wurde an dem informativen Abend: auf die zum Pflegen bereite Person kommt jede Menge Bürokratie zu. Die Gesetze ändern sich. Leistungen müssen beantragt werden. „Man muss sich damit befassen“, sagte ein erfahrener pflegender Angehöriger, der – wie er ausführlich berichtete – „nur mit einem Fachanwalt erreichen konnte, was uns rechtlich zusteht“. Hier könne sich eine Mitgliedschaft im Sozialverband VdK rechnen, wie auch andere Teilnehmer aus der überschaubaren Gruppe bestätigten. Im Alltag zur Seite stehen können den betroffenen Personen geschulte Kräfte im Ehrenamt. Filser betonte: „Ich bin froh, dass der Helferkreis in Füssen jetzt aus 17 Personen besteht, die im Einsatz sind.“ 

Es kam auch ein heißes Thema zur Sprache, das nicht unbedingt sofort mit Pflege in Verbindung gebracht wird: Essen. „Menschen im Seniorenalter sind oft mangelernährt, was weitere gesundheitliche Risiken mit sich bringt.“ Als pflegender Angehöriger könne man mit der betroffenen Person darüber sprechen, was sie sich auf dem Mittagstisch und dann noch zwischendurch wünsche, rät Filser. „Gespräche sind sehr wichtig“, hieß es in der Runde. Dabei könne zum Beispiel auch das Angebot der Kurzzeitpflege als „positiv dargestellt, werden“, denn jede pflegende Personen brauche Entlastung, um weiter durchhalten zu können. Denn Statistiken zeigen: Die Pflegedauer könne fast sieben Jahre betragen. 

Wer im Stress dem Betreuten, der seinen eigenen Willen durchsetzten möchte, mit „dem Heim“ droht, tut sich damit keinen Gefallen. Wie Filser unterstrich, sollten pflegebedürftige Personen über die Möglichkeiten informiert werden, betreut stundenweise „nach draußen zu kommen“. Abwechslung biete ihnen zum Beispiel eine stundenweise Alltagsbegleitung oder eben auch ein zeitlich beschränkter vollstationärer Heimaufenthalt. 

Wer mit dem Gedanken spiele, ausländische Betreuungskräfte – etwa aus Osteuropa – zu engagieren, muss wissen: Auch für diese gilt das deutsche Arbeitsrecht. In der Runde wurde ein Beispiel genannt: Die Familie, die eine Frau aus der Slowakei ins Haus geholt hatte, ärgerte sich über die Pflegerin, die ganz selbstverständlich Arbeitspausen nach zehn Stunden geltend machte.

Aufgaben, die auf einen Pfleger zukommen

• Hilfe bei der Körperpflege und Körperhygiene, wie duschen, baden, kämmen, Zähne putzen 

• Hilfe beim Aufstehen und beim Gehen, beim Gang zur Toilette, bei der Einnahme von Mahlzeiten. 

• Begleitung zum Arzt, zu Behörden, Therapien, bei Spaziergängen oder Einkäufen 

• Waschen der Wäsche, Putzen der Wohnung, aufräumen, Zubereiten von Mahlzeiten – auch Spezialnahrung, wenn es die Krankheit erfordert. 

• Richten von Medikamente, Verabreichen der Medikamente, für Nachschub sorgen, Zuzahlungsbefreiung. 

• Kontakt zu Ärzten, Krankenhäuser, Therapeuten, Sozialdiensten, Pflegediensten, Tagespflege, Krankenkasse, Apotheken, Sanitätshäusern 

• Beantragen: eines Pflegegrads, medizinischer Hilfsmittel, eines Schwerbehindertenausweises, Parkausweises, Kauf eines Behinderten-WC-Schlüssels

cf

Auch interessant

Meistgelesen

Polizei stellt bei Syrern mehrere gefälschte Führerscheine sicher
Polizei stellt bei Syrern mehrere gefälschte Führerscheine sicher
Schleierfahnder stellen neun Kilo Kokain auf der A7 bei Nesselwang sicher
Schleierfahnder stellen neun Kilo Kokain auf der A7 bei Nesselwang sicher
Füssener Bürgermeister-Kandidat Eichstetter: "Ich bin der Mann im Vordergrund"
Füssener Bürgermeister-Kandidat Eichstetter: "Ich bin der Mann im Vordergrund"
Berufsorientierungsmesse am Montag, 18. November 2019 in Füssen
Berufsorientierungsmesse am Montag, 18. November 2019 in Füssen

Kommentare