Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

+
Grabstein des Abtes Martin Stempfle (1614 - 1661). Er ist 1665 gestorben.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand.

Es war in den Klöstern ein altes Ritual, die verstorbenen Konventualen im Kreuzgang zu bestatten. Dazu öffnete man das Ziegelpflaster, hob eine flache Grube aus und legte den in Leintücher gewickelten Toten hinein. Die Überdeckung des Leichnams war dabei oft erstaunlich gering. 

Deshalb senkte sich schon bald nach der Beerdigung des Toten, der sich langsam zersetzte, der Boden. Ein Ziegelmacher formte eine Platte, die dem Ziegelformat des Pflasters entsprach, schnitt Namen und Sterbedatum des Verstorbenen ein, brannte sie und fügte sie im Bereich des Kopfes in den Boden ein. So hielt man es auch viele Jahrhunderte lang in St. Mang. Als 1700 unter dem Baumeister Johann Jakob Herkommer der große Umbau von St. Mang begann und man die vielen Höhenunterschiede in den weitläufigen Gebäuden der Klausur auszugleichen versuchte, wurde der Kreuzgang fast zwei Meter hoch mit Schutt aufgefüllt. Allein aus Gründen der Pietät verbot sich hier jetzt die Beisetzung eines Toten.

Herkommer schafft Gruft

Der Baumeister hatte aber ohnedies geplant, nach dem Vorbild der frühchristlichen Katakomben Roms eine Gruft im Kloster einzubauen. Eine Grabform, die es ermöglichte, auf kleinstem Raum Platz für möglichst viele Tote zu schaffen. Der Konvent zeigte sich in einem ungewöhnlichen Entschluss bereit, dieser Idee die romanische Nikolauskapelle, die man bisher als Kapitelsaal genutzt und die auch als Grablege der Herren von Schwangau gedient hatte, zu opfern. 

Herkommer ließ hier wie im benachbarten Kreuzgang den Fußboden höher legen und darauf zwei nebeneinander liegende, durch ein Ossarium (ein Behältnis für die Gebeine aus geöffneten Gräbern) verbundene, einem Sarg ähnliche Mauerblöcke mit jeweils zwölf Grabnischen errichten. Acht weitere Nischen entstanden entlang der Treppe, die zur Kirche führt.

Auf den beiden Blöcken ruhen, vielleicht vom Baumeister selbst aus Gips geformte, allegorische Figuren mit ihren Attributen wie Stundenglas und Sense. Die eine, ein zu Boden gesunkener Greis, verkörpert Chronos, die enteilende Zeit, und die andere den Tod. In einem ovalen Rahmen stehen Worte, die in einem feierlichen Latein verfasst sind: „In sanCta In DorMIVnt IstI pacCe“, was in freier Übersetzung soviel wie „Im heiligen Frieden schlafen sie“ bedeutet. 

In der Schrift – es handelt sich dabei um ein in der Barockzeit so gerne verwendetes „Chronogramm“ – stehen große und kleine Buchstaben im willkürlichen Wechsel; die Großbuchstaben sind als römische Ziffern zu verstehen und ergeben in der Addition die Zahl 1710, das Jahr der Fertigstellung der Gruft.

Ruhe "im heiligen Frieden" 

Die den Gräbern gegenüber liegende Wand trägt ein eindrucksvolles Verzeichnis der Äbte von St. Mang. In den Scheiteln der beiden Gewölbejoche erscheinen der heilige Benedikt als Vater des Ordens und der heilige Magnus als Gründer des örtlichen Klosters und zugleich der erste von insgesamt 59 Äbten. 

Es folgen 58 Namen, vom altertümlichen „Wolpotto“ bis hin zu Aemilian, der der letzte war. Während der Säkularisation der bayerischen Klöster musste er unter unwürdigen Umständen St. Mang verlassen.

Geboren in Reutte zog er sich in sein Elternhaus zurück. Lange Zeit nach seiner Vertreibung, im Jahre1820, ließ er die letzte Ruhestätte seiner Brüder („der Kinder des heiligen Magnus“) auf eigene Kosten renovieren und eine Inschrift auf die Front des Schachtes für die Gebeine setzen. Bis auf den heutigen Tag ruhen hier „im heiligen Frieden“ und in stets tiefer Stille noch immer 30 namentlich bekannte Tote. 

Die Sterbedaten auf den Verschlussplatten der Grabnischen verraten, dass es bereits die zweite Generation von Toten ist, die hier beigesetzt wurde. Der ungewöhnliche Raum liegt unter der Sakristei von St. Mang und auf dem Niveau des Refektoriums. Er war sowohl vom Kreuzgang aus zugänglich als auch vom Querhaus der Klosterkirche. 

Hier befand sich vor dem Pfarraltar bis zur Renovierung 1970/71 eine große hölzerne Falle, bei deren Öffnung die zur Gruft führende Treppe zum Vorschein kam. 

Stock und Sträußchen 

Nach einem Requiem, während dem der Sarg des Verstorbenen vor dem Hochaltar stand, wurde der Sarg in feierlicher Prozession durch den Mittelgang und durch die südlichen Seitenkapellen zur Treppe und über diese hinunter in die Gruft getragen. Hier angekommen schob man den Sarg in eine der gemauerten Nischen und verschloss die Öffnung mit einer grauen Natursteinplatte, in die Name, Herkunft, Sterbedatum und Sterbealter eingehauen war.

Während der archäologischen Grabungen in Kreuzgang und Brunnenhof unter dem Stadtchronisten Rudibert Ettelt im Jahr 1974 kam es auch zu Untersuchungen in der Gruft. Durch eine schwer zugängliche, versteckt liegende Öffnung war es damals möglich, von der Längsseite her in eine der Grabnischen hineinzusehen. Man konnte dabei den schlichten, schwarz gestrichenen, offensichtlich deckellosen Sarg erkennen, dessen Rand noch immer mit kleinen Sträußchen aus Immergrün besteckt war. 

Unter dem Boden des Sarges lag ein Haselnuss-Stock, der das Einschieben des Sarges in die Nische erleichtert hatte. Wie nahe sich Leben und Tod in St. Mang waren, wie sich die Gegensätze von Sein und Nichtsein räumlich verschränkten, zeigt sich in dem geringen Abstand zwischen der Gruft und dem Speisesaal – wohl nicht viel mehr als zwanzig Meter oder dreißig Schritte. 

In der Gruft öffnet sich ein Portal zum Westflügel des Kreuzganges und in diesem ein weiteres, zweiflügeliges Tor, das den Zutritt in den Brunnenhof ermöglichte. Mit der Säkularisation 1803 gingen die Klostergebäude in den Besitz der Familie Oettingen – Wallerstein über. 

Die Klosterkirche kam in den Besitz der Pfarrei St. Mang. Dabei wurden die alten, für das Klosterleben so sinnvollen räumlichen Zusammenhänge zerrissen und höchst komplizierte Besitzverhältnisse geschaffen. Während sich etwa der Mönchschor, der der Pfarrei gehört, weit in den Brunnenhof hinein schiebt, befindet sich das darunter liegende Geschoss mit dem Blasbalg der liegenden Orgel im Besitz der Stadt Füssen.

 Wenn das von Giovanni Antonio Pellegrini gemalte Altarblatt des Pfarraltares versenkt wird, dann gleitet es über hölzerne Führungen in einen der Stadt gehörenden Wandschrank im Klostergang. 

Bauliche Veränderung

Im Zuge der großen Renovierung der ehemaligen Klosterkirche, der heutigen Stadtpfarrkirche, 1970/71, kam es zu Veränderungen architektonischer Strukturen. Maßnahmen, die den Eingriffen der Säkularisation in keiner Weise nachstehen. 

Ebenso unsinnig wie das Verschließen der romanischen Treppenanlage vom Kirchenschiff zur Krypta unter dem Hochaltar wurde der Zugang der Gruft vom südlichen Seitenschiff aus mit einem Deckel aus Stahlbeton verschlossen. 

Ein Reiseführer durch Hohenschwangau von 1837 erwähnt auch die Mönchsgruft in St. Mang und beschreibt sie ganz im Geist der Zeit in poetischen Worten: „Fünf und dreißig Stufen führen zur Gruft hinab, welche ihren Ausgang in einen Garten nimmt. Hier beteten die Väter Benediktiner täglich früh um 5 Uhr für ihre hier im Blumendufte schlummernden Brüder“. 

Es war bis vor wenigen Jahren Brauch, am Allerseelentag in die Gruft hinabzusteigen und dort jener Toten zu gedenken, die in der Stadt gelebt und zur Ehre Gottes und zum Wohl der Bevölkerung im Füssener Land gewirkt hatten. Im Schein vieler Kerzen verlor dann das sonst so kühle Haus des Todes seine Düsternis und die eigenartige Stimmung dort vermittelte den Gläubigen eine Ahnung davon, dass der Tod nicht das Ende jeglicher Existenz, sondern nur die Pforte in eine andere, schönere Welt sein könnte.

Magnus Peresson

Auch interessant

Meistgelesen

Video
So finden Sie das richtige Parkett für Ihr Zuhause
So finden Sie das richtige Parkett für Ihr Zuhause
"Lotterie für die Stadt Füssen"
"Lotterie für die Stadt Füssen"
Wenn die Rente nicht reicht
Wenn die Rente nicht reicht
Umbau schon im Winter?
Umbau schon im Winter?

Kommentare