Der Historiker Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine spannende Zeitreise

Auf antiken Straßen nach Füssen

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Der Straßendamm der Via Claudia Augusta, der nördlich von Füssen liegt, ist zu sehen, während der Lech aufgestaut wird.

Die Wurzeln Füssens reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die Via Claudia Augusta bei Füssen und die Straßen der Römer.

15. v. Chr. besetzten unter Führung der Stiefsöhne des Augustus, Drusus und Tiberius, römische Legionen die Alpen und das Land zwischen den Alpen und der Donau. Ziel des Unternehmens war, eine sichere Verbindung zwischen Gallien und den bereits zum Imperium Romanum gehörenden Regionen zwischen Ungarn und dem Schwarzen Meer herzustellen. Zusammen mit den schiffbaren Alpenflüssen wurde damit die Donau zum längsten Verkehrsweg des römischen Reiches. 

Wenn der frühe Mensch sich am Verlauf der Flüsse orientierte, auch die Legionäre des Feldzuges 15 v. Chr., so stellten das Militär und die Verwaltung schon bald Überlegungen an, die neue Provinz optimal an das Mutterland anzubinden. Das bedeutete die alten, fußläufigen Pfade zwischen dem Po und der Donau in ihrem Verlauf zu straffen und sie in befahrbare Straßen zu verwandeln. 

Diese Pläne gingen auf einen der bedeutendsten Männer des Reiches zurück: Marcus Agrippa, Gründer der Stadt Köln. Der hatte schon vor seinem Tod im Jahre 12 v. Chr. an der Porta Pollae in Rom eine riesige Karte des Imperiums mit allen schon bestehenden Straßen in Stein hauen lassen. Darauf sind auch die noch zu schaffenden Verbindungen verzeichnet, die das bestehende System sinnvoll ergänzen sollten. 

Langwierige Umsetzung

Bis zur Umsetzung vergingen jedoch fast zwei Generationen. Den Auftrag zu Planung und Bau der Straße erteilte Kaiser Tiberius. Die Vollendung erfolgte unter Kaiser Claudius, dem Sohn des schon 9 v. Chr. verstorbenen Drusus. Die Auswertung der Jahresringe der Stämme, die am Knüppeldamm von Lermoos verbaut sind, ergab, dass die am frühesten gefällten Bäume aus dem Jahr 34 stammen. Die Fertigstellung des großen Unternehmens erfolgte gemäß der Inschrift an dem Meilenstein von Rabland bei Meran im Jahre 46. Die Länge der Straße zwischen dem Ausgangspunkt Hostiglia am Po und der Donau betrug mehr als 550 Kilometer. Geplant hatten die Trasse die besten Straßenbauer des Reiches unter geschickter Nutzung der Talfurchen von Etsch, Inn und Lech. 

Die Arbeiten erledigten die Legionäre des Heeres, junge, kräftige Männer in den damals üblichen militärischen Ruhezeiten, die meist acht Monate dauerten. Für jedes denkbare Problem gab es bereits erprobte Lösungen und Anschauungsobjekte überall im Reich. Dazu zählten Dammbauten im Hochwassergebiet des Pos, die bis zu vier Meter hoch und viele Kilometer lang waren, kühn gespannte, steinerne Brücken mit beliebig vielen Bögen, Rampen, abgetragene Felsnasen und tief ausgeschlagene Hohlwege. 

Bei der Trassierung mieden die Römer grundsätzlich Talsohlen, die von Hochwasser gefährdet waren, und die von Lawinen und Murbrüchen bedrohten Bereiche. Nördlich des Alpenhauptkammes wichen die Römer Zonen längerer Verschattung so weit wie möglich aus. Bei allen Bergstrecken, ob sanft oder steil ansteigend, hielten die Römer eine gleichbleibende Steigung über die gesamte Strecke bei. 

Der Straßenkörper setzte sich aus einem Fundament aus groben, sorgfältig verlegten Steinen zusammen, auf die dann Kies in verschiedenen Körnungen und Schichten aufgebracht wurde. Die oberste Schicht bestand aus grobem, unter Beimengung von Wasser gestampftem Sand. Das Prinzip aller römischen Straßen war die rücksichtslose Gerade und in ihrer rigorosen Verwirklichung ist sie noch in ihren Resten ein Denkmal für Größe und Macht des Reiches und auch ein Symbol für das imperiale Denken seiner Eliten. 

Straßen auf antiken Trassen

Da der Transport von Gütern auf der Achse etwa zehnmal teurer war als auf dem Wasser, bauten die Römer zeitgleich mit der Stammtrasse einen Zubringer zur Adria. Dieser zweigte bei Trient ab, führte durch die Val Sugana und erreichte nahe dem heutigen Venedig, in Altinum, das Mittelmeer. Wenn diesem Ast nie die Bedeutung der Stammtrasse zum Po zukam, so lag dies daran, dass man in der Antike die Schifffahrt auf dem Meer grundsätzlich im November einstellte und erst im späten März wieder aufnahm. So konnte über viele Monate kein Nachschub den Hafen erreichen. 

Jenseits von dem am Po gelegenen Hostiglia begann die auf kürzestem Weg nach Rom führende Straße. In weiten Bereichen liegen die modernen Straßen nach Süden auf der antiken Trasse. Dort, wo sich in späterer Zeit die Verkehrsströme verlagerten, existiert die Via Claudia Augusta mitunter noch heute als eigenes, im amtlichen Kataster eingetragenes Flurstück, so in Pinswang, bei Dietringen und südlich der Mangmühle im Gemeindegebiet von Roßhaupten. 

Da sich die Straße im Besitz des Reiches befand, entzog sie sich einschließlich eines beidseits verlaufenden Schutzstreifens jeder fremder Nutzung. Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft gab es überall im Land Kräfte, im Bereich Füssens waren dies die Bischöfe von Augsburg, die über altes Recht, das jetzt das ihre war, mit Strenge wachten. 

Die Via Claudia Augusta 

Kaiser Karl der Große stellte in seiner Restitution alle Rechte des Imperiums wieder her und trug so wesentlich zur Erhaltung des römischen Straßennetzes bei. Nirgendwo durfte die antike Straße, jetzt Straße des Reiches, überbaut werden. Eine populäre Ausnahme betraf allein das Stadtgebiet von Augsburg. Dort stand zur Zeit der hohen Gotik die Erweiterung des Domes an. Es war ein notwendiges Unternehmen, das sich aber nur durch die Überbauung der antiken Straße verwirklichen ließ. 

Die harten Verhandlungen zwischen dem Bischof und der selbstbewussten Reichsstadt mündeten in einer ungewöhnlichen Vereinbarung: Der Überbau sollte so ausgeführt werden, dass, wenn die Stadt Augsburg dies verlangte, die Fuhrwerke auf der alten Trasse quer durch den Dom fahren konnten. Bis heute ist es möglich, auf weiten Strecken der Originaltrasse der Via Claudia Augusta zu folgen, etwa im Vinschgau auf der Malser Haide, in der Schlucht von Finstermünz und am Fernpass durchgehend von einem Fußpunkt zum andern. 

Nördlich von Füssen hebt sich jedes Jahr im Frühling die antike Straße über hunderte von Metern aus dem Wasser des Forggensees und dies eindrucksvoller als an irgendeinem anderen Abschnitt auf dem langen Weg zwischen Po und Donau. Der Verlauf der Via Claudia Augusta nördlich und südlich von Füssen wurde seit mehr als 100 Jahren durch den Kuraten Christian Frank, den Bezirksheimatpfleger Barthl Eberl, den Kemptener Oberbürgermeister Otto Merkt, den Füssener Richard Knussert und zuletzt durch Wolfgang Czysz vom bayerischen Landesamt für Denkmalpflege erforscht. 

Jüngste Untersuchungen österreichischer Archäologen am Stieglerberg erlauben es mittlerweile, den Verlauf der antiken Straße zwischen Füssen und Pinswang mit großer Sicherheit zu bestimmen. Demnach kam die Via Claudia Augusta vom „Schluck“ (dem heutigen Schluxen) her und überquerte den steilen „Kratzer“. Von seinem Fußpunkt verlief sie auf dem rechten Lechufer am Rand der Füssener Au und peilte den Felskopf der „Hangenden Wand“ auf der linken Lechseite an. Auf befestigten Dämmen und auf mehrere Brückenbogen überquerte sie hier den Lech.

Im weiteren Verlauf lag sie auf einem Gebiet, das sich noch vor 250 Jahren im Besitz des Klosters St. Mang befand und das gut dokumentierte Klostergut „Lusalten“ trug. 

Straße verschwindet

Das erst von 1784 bis 1787 errichtete, heute sieben Meter hohe Wehr vor der Lechschlucht veränderte das Regime des Lechs einschneidend und damit die alte Struktur des Flussbettes. Das Gut Lusalten verschwand und mit ihm die römische Straße ohne eine Spur zu hinterlassen. 

Östlich des „Entensteins“, der in der Flussmitte liegt, hob sich die Straße über den Sattel westlich der Lechschlucht, querte das sumpfige Faulenbacher Tal und stieg in gleichmäßiger Steigung durch einen ausgehauenen, heute verschütteten Hohlweg über die Schulter des Baumgartens bis zum Kriegerdenkmal. Von hier senkte sie sich auf das Niveau der heutigen Stadt. 

Nach der Umrundung des Schlossberges schwenkte die Via Claudia am Stadtbrunnen auf die Nord-Süd-Richtung ein und des „Reichs Straßen“, die Reichenstraße, gab ab jetzt die „rücksichtslose römische Gerade“ vor, die mit winzigen Korrekturen bis an den Rand der Illasbergschlucht bei Dietringen reichte.

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