Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Im 17. Jahrhundert schuf Bildhauer Hans Stelzer diese halblebensgroße Figurengruppe aus Lindenholz für das Benediktinerkloster St. Mang. Mit viel Liebe zum Detail gestaltete er dabei die Hirten. Der Knieende (rechts) trägt Kleidung, die dem Gewand der damaligen Landsknechte ähnelt. Die Kleidung des Stehenden erinnert dagegen an das Gewand der Lechflößer.

Füssen - Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. In dieser Ausgabe berichtet er über ein verkanntes Kleinod Füssener Krippenbaukunst.

Alle Jahre zur Weihnachtszeit stellt in nun fast 400-jähriger Tradition der Mesner von St. Mang eine Krippe auf, die zum Kostbarsten gehört, was die Krippenbaukunst im schwäbischen Kulturkreis hinterlassen hat. Es handelt sich dabei um eine halblebensgroße, aus Lindenholz geschnitzte Figurengruppe, die aus der heiligen Familie, aus Ochs und Esel, drei Hirten und einem kleinen Engel besteht. 

Im reichhaltigen Archiv des ehemaligen Benediktinerklosters St. Mang hat sich eine Notiz erhalten, nach der am 19. November 1628 der Schongauer Bildhauer Hans Stelzer eingetroffen sei, um die Krippe zu machen. Stelzer war jahrzehntelang Mitarbeiter in der Werkstätte des überragenden Bildhauers der Zeit, Bartholomäus Steinle, gewesen. 

Überbezahlter Bildhauer

Er hatte diesem beim Bau des Füssener Hochaltares 1619 zugearbeitet und kam 1628 von einem honorigen Auftrag aus dem Kloster Stams nach Füssen. Der Stamser Rechnungsführer hielt Hans Stelzer für absolut überbezahlt. Er vermerkte in seinen Büchern „Ist ein theuerer arbaiter gewesen … bavari tales sunt“, was resignierend so viel wie „so sind sie (halt), die Bayern“ bedeutet. 

Wie schon zuvor in Stams, so wurde Stelzer auch in St. Mang während der kommenden Wochen die hohe Ehre gewährt, an der Tafel des Abtes zu speisen. Abt Martin Stempfle, einer der ganz Großen der Füssener Klostergeschichte, wusste, dass gutes Essen und edler Wein schöpferische Kräfte beflügeln und die Gespräche bei Tisch dem zu schaffenden Werk zuträglich sein würden. 

Der Grund dafür, die Arbeiten nicht in Stelzers Schongauer Werkstätte zu erledigen sondern in Füssen, lag aller Wahrscheinlichkeit daran, dass die zu schaffenden Figuren in ein bestehendes Umfeld, in ein bereits vorgegebenes Bildprogramm sorgfältig eingefügt werden mussten. 

Plastiken bleiben erhalten

 Die Bedeutung der Krippe Hans Stelzers kann nicht losgelöst von vier bedeutenden Altären gesehen werden, die alle zwischen 1604 und 1619 entstanden sind. Drei von ihnen existieren bis auf den heutigen Tag. Der älteste ist der von dem Weilheimer Bildhauer Hans Degler 1604 für die Kirche St. Ulrich und Afra in Augsburg geschaffene Hochaltar. 

Dieser wurde zum Vorbild für den Hochaltar des Münsters von Überlingen am Bodensee, ein Werk von Jörg Zürn aus dem Jahr 1616. Beide Altäre zeigen an herausragender Stelle die Darstellung der heiligen Nacht mit einem unverwechselbaren Figurenschmuck. 

Der dritte Altar war der Hochaltar der Zisterzienserkirche von Stams, geschaffen von Bartholomäus Steinle aus Weilheim und aufgestellt im Jahre 1613. Den vierten und letzten Altar schuf wieder unter Mitarbeit von Hans Stelzer Bartholomäus Steinle in den Jahren 1616 bis 1619 für die Klosterkirche St. Mang in Füssen.

Obwohl der Altar keine hundert Jahre nach seiner Aufstellung der neuen Konzeption Johann Jakob Herkommers weichen musste und man deshalb nur die erhaltenen Plastiken bewerten kann, hat ihn die Kunstgeschichte gleichwertig neben das Wunder von Stams gestellt. Zwischen diese Schöpfungen tritt nun eine Krippe, die Bartholomäus Steinle im Jahre 1609 unter Mitwirkung Hans Stelzers für die Dorfkirche von Habach bei Murnau geschaffen hat. 

Josef und Maria mit charakteristisch aufgehobenen Händen sind das unmittelbare Vorbild der Füssener Krippe vor dem göttlichen Kind. Die stehenden Figuren der Füssener Krippe, zwei Hirten, erreichen eine Größe von annähernd 90 Zentimetern. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Krippe für die Betrachtung aus großer Distanz geschaffen wurde und für eine Präsentation hoch über den Köpfen der Betrachter. 

Die Blickbeziehungen der Augen aller Figuren gestatten unschwer Rückschlüsse auf ihre ursprüngliche Zuordnung zum Kind in der Krippe. Es ist vorerst eine noch zu beweisende Theorie des Verfasser dieser Zeilen, dass die Stelzer- Krippe in den erst neun Jahre vorher errichteten Steinle-Altar eingefügt wurde, wenn auch nur temporär, also nur für den Zeitraum zwischen Weihnachten und Lichtmess. Denkbar ist auch, dass sie während dieser Zeit die Plastiken, die sich regulär dort befanden, ersetzten mussten. 

Es ist bezeichnend, dass die Figuren der Krippe für eine freistehende Aufstellung konzipiert sind. Nur bei dem Hirten mit dem Schlapphut spricht der abgeflachte Rücken für eine Position unmittelbar an einer Wand. 

Liebe zum Detail

Es sind besonders die Hirten, die mit viel Liebe zum Detail geschnitten wurden. Der kniende Hirte trägt eine über dem Knie endende, geschlitzte Hose, ähnlich den bunten Beinkleidern der Landsknechte dieser Zeit. Die besondere Haltung der Arme hat unverkennbar ihr Vorbild in Hans Deglers Krippe in Augsburg, die rechte Hand scheint einst ein heute verloren gegangenes Teil gehalten zu haben.

Der stehende bärtige Hirte trägt eine Kleidung, wie sie auf den Votivbildern der Zeit auch die Lechflößer tragen, mit hohen Stiefeln und einem bis zum Knie reichenden Mantel. Der breitkrempige Hut ist mit Hilfe eines durchgezogenen Hutbandes nach oben geklappt. Aus dem über der linken Schulter hängenden Sack ragen die Spitzen zweier Kipfe heraus. 

Dem stehenden bartlosen Hirten ist heute ein Alphorn beigegeben, doch dürfte seine Hand ursprünglich eine Floßstange gehalten haben. Insgesamt scheint die Kleidung der Hirten der Männertracht der Entstehungszeit zu entsprechen, was vielleicht auch mit den klerikalen Veränderungen des Entstehungsjahres zusammenhängt: Im Herbst 1628 hatte die Jesuiten Füssen verlassen. 

Sie waren in der Vergangenheit mit ihrem eher populistischen Auftreten, ihren aufwändigen Ritualen und Prozessionen bis hin zu schlichtem Brimborium dem Konvent von St. Mang ein meist von Eifersucht begleitetes Ärgernis gewesen. 

Nun hielten die Söhne des heiligen Franziskus Einzug in Füssen und es war zu befürchten, dass die einst lästige Konkurrenz sich nur unter einem anderen Vorzeichen fortsetzen würde. Eine das Gemüt der Gläubigen ansprechende Darstellung der heiligen Nacht auf dem Hochaltar von St. Mang zu präsentieren war da eine kluge, den benediktinischen Geist spiegelnde Maßnahme. Man war schnell entschlossen gewesen, hatte zügig gehandelt und so vergingen zwischen dem Beginn der Arbeiten am 20. November und der Aufstellung der vollendeten Krippe gerade einmal fünf Wochen. 

Vor mehr als 30 Jahren hat der in Füssener geborene Kunsthistoriker Albrecht Miller mit Verwunderung registriert, dass sowohl die sonst so strengen Hüter der Kunstgeschichte als auch die Vertreter der Krippenforschung die Füssener Krippe von 1628 nicht zur Kenntnis genommen hatten. Dieses schwer deutbare Manko dauert bis auf den heutigen Tag an. 

Beliebte Krippe

Mit dem Umbau der Klosterkirche unter Johann Jakob Herkommer wurde die einmalige Schöpfung des Steinle-Altares in regelrecht bilderstürmerischer Weise abgerissen und sein edler Figurenschmuck in alle Winde verstreut. Die Krippe aber erfreute sich beim Konvent von St. Mang und auch bei der Bevölkerung Füssens so großer Wertschätzung, dass sie für immer im Kloster verblieb. 

Es mangelt aber seit der Zeit Herkommers an einer dem Niveau der Krippe entsprechenden Kulisse und auch an einer ihr angemessenen Aufstellung. Es ist den Verantwortlichen der Pfarrei von St. Mang zu wünschen, die Bedeutung der Stelzer-Krippe zu erkennen und daraus die Verpflichtung zu einer längst überfälligen, angemessenen Präsentation abzuleiten.

Magnus Peresson

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