Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

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Die blau markierten Flächen zeigen die Füssener Kernstadt bis etwa 1500. Die gelben die Erweiterungen der Stadt bis etwa ins Jahr 1900

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich vor allem die Altstadt zu einem historischen und architektonischen Kleinod. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte in der Stadt vor. 

Die Erhebung der Stadt Füssen zur Stadt geschah im Zusammenhang mit den teilweise blutigen Auseinandersetzungen um das Erbe Konradins von Hohenstaufen. Der Onkel Konradins, Herzog Ludwig der Strenge von Bayern, hatte, um in Füssen Fuß zu fassen, im Jahr 1269 auf dem Füssener Schlossberg widerrechtlich mit dem Bau einer Burg begonnen. 

Obwohl diese Maßnahme unter dem Einsatz vieler zwangsweise ausgehobener Arbeiter voran getrieben wurde, machten die ersten Schneefälle im Spätherbst 1269 den Arbeiten ein Ende. Ehe sie wieder aufgenommen werden konnten, war es im März 1270 zwischen dem Bischof von Augsburg, dem rechtmäßigen Herren über Füssen, und dem bayerischen Herzog zu einem Friedensvertrag gekommen mit der Folge, dass sich der Herzog zurückziehen musste. Die halbfertigen Mauern seiner Befestigungsanlage über dem kleinen Ort „Fiesse“ forderten nicht nur zu einer Fertigstellung auf, sie waren für den Bischof ohne Zweifel eine permanente Bedrohung. 

Um etwaige Übergriffe des Nachbarn zu unterbinden, erhob König Rudolf von Habsburg den Ort spätestens 1286 zur Stadt. Da der mit der Stadterhebung verbundene Bau einer Stadtmauer aus rein militärischen Gründen auch den Schlossberg einbeziehen musste, bildeten die halbfertigen Gebäude Anfang und Ende der Mauer. Das älteste Stadtgebiet war relativ klein. Die schützende Mauer, die seit der Stadterhebung existierte, durfte nicht länger sein als dass sie im Kriegsfalle von den Bewohnern verteidigt werden konnte. 

Das Recht sich hinter die schützenden Mauern Füssens zurückziehen zu dürfen, besaßen auch die Pfrontener und die Bewohner von Rieden. Das erhöhte im Gegenzug die Zahl der ortsansässigen Verteidiger erheblich. Die erste Mauer begann am Kloster St. Mang, lief über den Schlossberg und begleitete die Hintere Gasse bis zu der Stelle, wo sie die Reichsstraße kreuzte. Es folgt nun ein schnurgerades Mauerstück parallel zur Schrannengasse, das die Seilmacher nutzten, um ihre Seile zu drehen. 

An dem mächtigen, halbrunden Seilerturm begann ein Mauerstück, das fast einen Halbkreis beschreibt. Die gekrümmte Mauer endete im Bereich des Kappenzipfels am Steilhang über dem Lech an einem festen Turm, der noch immer im Haus Drehergasse 4 vorhanden ist. Von hier verlief die Mauer entlang des felsigen Steilufers bis zum Kloster. Die Verteidigung des Klosters, das durch den Lech weitgehend sturmfrei war, besorgten die Benediktiner selbst. 

Fünf Meter hohe Mauer 

Die Mauer wurde mit Steinen aufgebaut, die teilweise aus dem Lechgeschiebe stammten, teilweise aus Bruchsteinen, die wahrscheinlich aus dem Bereich der späteren Baumgartenschlucht und seiner unmittelbaren Nachbarschaft stammten. Aus wirtschaftlichen Gründen durften die Transportwege nicht allzu lange sein. In den untersten Lagen wurden besonders große Steine eingebaut. 

ie Mauerdicke lag bei etwa fünf Füssener Schuh, was einem Wert von etwa 1,3 Meter entspricht. Die Höhe betrug rund 20 Schuh, etwa fünf Meter. Der Wehrgang (die Verteidigungsebene) saß auf der Mauer auf und war aller Wahrscheinlichkeit nach gezimmert. Aufgrund statischer Überlegungen hielt der Stadtgraben einen angemessenen Abstand zur Mauer. Jenseits des Grabens hatte man den Grabenaushub derart aufgeschüttet, dass dessen Höhe dem Fußpunkt der Stadtmauer entsprach und man auf dieser Aufschüttung die Stadt mit Wagen umfahren konnte. 

Dieser Weg, den man bis in das 19. Jahrhundert „Vorderer und Hintere Grabengasse“ nannte, lebt in der Luitpoldstraße und in der Sebastianstraße bis auf den heutigen Tag fort. Anschließend fiel das Gelände relativ stark ab, zumindest trifft dies für den Bereich der gesamten Luitpoldstraße zu, wo die Höfe hinter den Häusern an der Westseite noch heute erheblich tiefer liegen als die Straße. 

Vier Stadttore 

Der Stadtgraben diente nicht allein dem Schutz der Mauer. In ihm wurde Oberflächen- und Brauchwasser gesammelt und bei dem Turm am Kappenzipfel zum Lech hin abgeleitet. Einer der alten, gemauerten Kanäle existiert noch heute unter dem Dichthaus in der Drehergasse. Ein anderer, mit dicken Sandsteinplatten abgedeckter Kanal lag in einer schmalen Häuserlücke an der Hinteren Gasse zwischen den Häusern Driendl und Groß. Er wurde ohne begleitende Untersuchung erst in jüngster Zeit beseitigt. Entsprechend der vier Straßen, die in die Stadt mündeten, gab es vier Stadttore. 

In dem ältesten Stadtrecht (1358) sind nicht nur ihre Namen festgehalten, sondern auch die Bürger, die über sie zu wachen hatten. Die Auflistung der Tore erfolgte im Uhrzeigersinn. Hierbei ist zu bemerken, dass das auf dem Baumgarten liegende Haupttor des Hohen Schlosses, im Jahr 1812 niedergerissen, nicht zu den Stadttoren zählte. Das erste genannte Tor, das „Hintere Bürgertor“, das später auch Burgtor genannt wurde, obwohl es mit dem Hohen Schloss nichts zu tun hatte, lag dort, wo ehemals die Via Claudia Augusta in das spätere Füssener Stadtgebiet mündete. Zur Zeit der Stadterhebung war die antike Straße die günstigste Verbindung nach Vils und Pfronten. 

Es folgte das Richtertor unterhalb des Storchenturms am Hohen Schloss; hier verließ die Straße nach Kempten die Stadt. Der Name nahm vermutlich Bezug auf die alte Richtstätte, die man im Bereich des heutigen Morissekreisels suchen darf und die man später nach Norden verlegte. Im weiteren Verlauf folgte dann das damals sogenannte Törle, durch das des Reichs Straße, die Reiche Gasse, die Stadt in Richtung Augsburg verließ.

 Es mag eine lokale Eigenheit gewesen sein, vielen Begriffen der Alltagssprache das verkleinernde „le“ anzuhängen. Das gilt auch für das viel später erst gebaute Bleichertörle, ein stattlicher, spätgotischer Turm, oder das „finstere Gängle“ zwischen Kappenzipfel und Lechhalde. Auch das respektable Badehaus der Konventualen von St. Mang wurde zum „Bädle“. Johann Jakob Herkomer hatte hier einen Schalenturm der ersten Mauer ein weit auskragendes Geschoss aufgesetzt. 

Das letzte der vier Tore war das am Fuß der Lechhalde und weit genug vom reißenden Lech entfernt gebaute Lechtor. Obwohl dieses Tor unmittelbar an das Kloster St. Mang anschloss, durfte es nicht an die Mauern des Klosters angebaut werden. Das heißt, dass zwischen dem Torbau und dem Klostermauern ein schmaler Spalt klaffte. Alle vier Tore besaßen einen „Keller“. Man verstand damals anders als heute keinen unter dem Gebäude liegenden Raum, sondern einen vollständig aus Stein bestehenden, mit einem Gewölbe überspannten und damit brandsicheren Raum. Der lag offensichtlich über der jeweiligen Torhalle und die Bürger, die diesen Keller nutzen durften, etwa um dort ihrem Handwerk nachzugehen, hatten gleichzeitig auch Wächterdienst zu leisten. 

Es ist eine Besonderheit Füssens, dass in den beiden ersten Jahrhunderten der Stadtgeschichte die ehemalige Pfarrkirche Füssens, die Kirche St. Stephan, sich weit außerhalb der Stadt befand. Ein Phänomen, dass Füssen mit Sterzingen am Brenner und Glurns im Vinschgau teilte. Der Weg zur Kirche führte also entweder durch das „Törle“ (Augsbuger Tor) oder durch das Lechtor. Der heutige Durchgang am Kappenzipfel entstand erst im 17. Jahrhundert. 

Zu der Zeit, als die Bürger ihre Mauern bauen mussten, beherrschte man hier nur den Holzbau. Man holte deshalb eine sogenannte Bauhütte, Fachleute, die die Bürger anleiten mussten Steine zu brechen, Kalk zu brennen, Mörtel zu mischen und schließlich tragfähiges Mauerwerk herzustellen. An insgesamt vier Maueraufschlüssen der Mauer zeigte sich ein aus ausgesuchten, flachen Steinen bestehendes „opus spicatum“, ein Mauerwerksverband mit Fischgratmuster. Ein derartiges Mauerwerk ging auf die Bauweise der Römer zurück, das Wissen hierzu war verloren gegangen und nur noch in den Klöstern und den „Hütten“ bekannt.

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