Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise durch Füssen

Serie: Füssen und seine Historie

+
Auf der von Johann Bührlen im Jahre 1827 in Deckfarben gemalten Nordansicht von Füssen erkennt der Betrachter das Augsburger Tor und die Stadtmauer. Hinter dem hölzernen Salzstadel mit seinen zwei Toren sind die gotischen Giebel des Gesellenhauses zu sehen.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte in der Stadt vor. Der Füssener Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand und zeigt Ihnen die schönsten Fleckchen der Stadt. Heute: das Gesellenhaus.

Der schönste Platz Füssens ist der „Schrannenplatz“, der früher sogenannte Kornplatz. Mächtige Fassaden rahmen den Platz mit seiner ungewöhnlichen Form. Von hier gehen drei Gassen aus: die ehemalige Korngasse, heute Schrannengasse, die vom Platz auf die Krippkirche zuläuft. Die Brunnengasse, die sich zum Brotmarkt hinaufzieht, und die Drehergasse, die sich von hier fast im Halbkreis zum Kappenzipfel dreht. 

Einen besonderen Rang unter den Häusern am Platz nehmen das alte Kornhaus und das schräg gegenüber gelegene Gesellenhaus ein. Beide Häuser waren, wenn man so will, Amtshäuser, weshalb ihre Fensterläden in den Landesfarben des Hochstiftes Augsburg, in Rot und Weiß, gestrichen waren, in der gleichen Weise wie auch die Fensterläden am Hohen Schloss. Während der Pfleger (vergleichbar mit dem heutigen Landrat) im Südflügel des Hohen Schlosses residierte, lagen die Amtsräume des Vogtes am Kornplatz. 

Das Haus entstand in seiner heutigen Form vermutlich noch vor dem Jahr 1500. Die rund zwanzig Meter hohe Fassade mit dem charakteristischen Rücksprung zum Platz hin wurde nach einer von Italien her sich ausbreitenden Mode – nach den Regeln des Goldenen Schnittes – aufgerissen. Die rückseitige Fassade, die weit über die Stadtmauer hinausragte, besaß einen Treppengiebel und zumindest eine runde Fiale, ein Ziertürmchen, wie am Südflügel des Hohen Schlosses. Im verwinkelten Keller gibt es ein großes Gewölbe und zur Hofseite hin zwei kleine Abteile, die nach Überlieferungen als Gefängnisse dienten. Nach altem Recht durften die südlich der Vogtei gelegenen Häuser an der Schrannengasse nur so hoch gebaut werden, dass eine Sichtverbindung von den Räumen des 2. Obergeschosses zum Hohen Schloss möglich war, eine Vorschrift, deren Gültigkeit bis vor 50 Jahren Bestand hatte. 

Absolute Rarität 

In dem geräumigen Hofraum zwischen Vogtei und Stadtmauer erhob sich ein weiteres Gebäude mit Stallungen, Tenne und Kornböden, ein Haus, das in seinen Abmessungen dem bestehenden Bau entsprach. Ein in Teilen noch bestehender, auf massiven Wandpfeilern und gemauerten Bögen ruhender Gang verband die beiden Gebäude. In den Gewölbescheiteln haben sich als absolute Rarität in Füssen bis auf den heutigen Tag Malereien aus der Zeit der Renaissance erhalten. Von dem Rückgebäude aus war ein halbrunder Stadtmauerturm, der sogenannte Diebsturm, zugänglich. Der befand sich auf dem Grundstück der Familie Kuhn und das tiefe Gewände seiner schweren Pforte verbirgt sich noch immer im ehemaligen „Gasstadel“ der Spedition. 

Nachdem das Hochstift Augsburg 1803 an Bayern gefallen war, wurde aus der Vogtei das königliche Bezirksamt. Während sich die Verwaltung in den Räumen des Erdgeschosses und in den tonnengewölbten Räumen des 1. Obergeschosses befand, bewohnte der königliche Bezirksamtmann das 2. Obergeschoss mit seinen lichten Räumen. Der bedeutendste aller bayerischen Amtmänner in Füssen war Bernhard Sonntag. 

Er hatte im Zusammenhang mit der Verhaftung König Ludwig II. im Juni 1886 eine im Sinne des Monarchen höchst ehrenhafte Rolle erfüllt. Das durchaus hochverräterische Verhalten der Münchener Ministerriege und des Prinzen Luitpold und die Erkenntnis, dem König trotz der Kraft seine Amtes nicht helfen zu können – oder gerade seines Amtes wegen nicht –, stürzte Sonntag in tiefe Gewissenskonflikte. Die Einsicht, im Spiel der politischen Kräfte nur Werkzeug gewesen zu sein und schließlich das Entsetzen über das rätselhafte Ende des im Füssener Land so verehrten, ihm persönlich bekannten Königs, führte bald auch zum Tod des so sensiblen wie aufrechten Mannes. 

Großer Raumbedarf 

Die wachsende Bürokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlangte nach mehr Raum als in der Vogtei vorhanden. So kam es an der Augsburger Straße zum Bau eines neuen Bezirksamtsgebäudes, in das im Jahre 1908 die Verwaltung übersiedelte. Das nun leer stehende Gebäude gelangte im Zuge einer Versteigerung in das Eigentum des damaligen Katholischen Gesellenvereins. Der Besitzerwechsel führte schnell zur Namensänderung vom alten „Bezirksamt“ zum neuen „Gesellenhaus“. 

Vermögende Handwerksmeister und großherzige Spender unterstützten den Verein, der bald Dank seiner honorigen Führung und deren kultureller Aktivitäten zu einer gestaltenden Kraft in der Stadt aufstieg. Nach den dunklen Jahren der Beschlagnahme des Hauses durch die Nationalsozialisten, nach der Vernichtung des christlich geprägten Vereinslebens und dem Mitgliederverlust durch Krieg und Gefangenschaft begann mit dem Jahre 1947 eine unerwartete Blüte der jetzt sogenannten „Kolpingfamilie“. 

Die finanziellen Gegebenheiten gestatteten es aber erst in den Jahren 1972 bis 1974, längst überfällige Renovierungen des Hauses in Angriff zu nehmen. Das 1. Obergeschoss wurde nun einer umfassenden Renovierung unterzogen. Der damalige Stadtchronist Rudibert Ettelt unterbreitete den Vorschlag, die unter dem früheren Bürgermeister Dr. Sigismund Schmidt gesicherten Balken zweier gotischer Bürgerhäuser doch in den „Saal“ zu integrieren, was denn auch geschah und den jetzt sogenannten „Gotischen Saal“ zu einem stimmungsvollen und beliebten Versammlungsraum machten. 

Über dem Zugang zum Saal trägt ein geschnitzter Balken neben dem Wappen der Stadt auch das Wappen des Bischofs Johannes, Graf von Werdenberg, Landesherr von 1469 bis 1486. Über dem Doppelfenster zu einem im Gebäudeinneren liegenden Lichtschacht beeindruckt ein bei Bauarbeiten im Schutt aufgefundenes Richtschwert. Zusammen mit einem Kruzifix gehörte es zur alten Ausstattung eines der Amtsräume und erinnert daran, dass im Hause lange Zeit Recht gesprochen worden ist. 

Der Kolpingbruder und Kirchenmaler Joseph Lorch hat die Westwand des Saales mit einem Bild geschmückt, das ausgestorbene Füssener Handwerke zeigt. Die großzügige Unterstützung durch das Kolpingbildungswerk führte im Jahr 2000 zur Umwandlung des riesigen Dachwerkes in moderne Schulungsräume. Ein Personenaufzug erschließt seither alle Ebenen des ehrwürdigen, unter Denkmalschutz stehenden Hauses. Die Geschichte der Vogtei hat augenscheinlich bewiesen, wie es mit gutem Willen und Fleiß, mit Idealismus und Enthusiasmus, mit dem Wohlwollen der Kommune und der Mithilfe des Landesamtes für Denkmalpflege und gut gesonnener Bürger möglich war, ein mehr als 500 Jahre altes Gemäuer zu erhalten und es unter Wahrung seines Charakters einer zeitgemäßen Nutzung zuzuführen.

Meistgelesen

Eiskalt durch den Dreck
Eiskalt durch den Dreck
"Wichtiger als der Karneval"
"Wichtiger als der Karneval"
Der Kanzler bei Plansee
Der Kanzler bei Plansee
Derblecken auf hohem Niveau
Derblecken auf hohem Niveau

Kommentare