Architekt Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine historische Zeitreise

Serie: Füssen und seine Historie

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Ansicht des Horner Galgens von der äußeren Schwangauer Straße her. Der Galgen stand, anders als der Sendemast, näher an der Felskante zur Schelmengrube.

Füssen - Neben dem Füssener Galgen westlich der Feldkirche gab es im Umkreis eine weitere Richtstätte. Es war der auf dem Horner Galgenbichl stehende Schwangauer Galgen. Den hatte man am höchsten Punkt einer fast senkrecht abfallenden, bis hinunter in ein Kehrwasser des Lechs reichenden Felswand errichtet.

Der Horner Galgenbichl, kurz „Horner Galgen“ genannt, liegt nur einen guten halben Kilometer von der Kirche St. Sebastian entfernt, also weniger als halb so weit von der Stadt entfernt als der Füssener Galgen. Wie konnte es in der Geschichte zu einer solch seltsamen Doppelung kommen?

Bis zur Säkularisation, der Aufhebung und Zerschlagung aller geistlichen Besitzungen und Herrschaftsbereiche im Jahre 1803, bildete der Lech die Grenze zwischen dem vom Bischof beherrschten Hochstift Augsburg westlich des Lechs und der kleinen Reichsritterschaft Hohenschwangau, die 1567 dem Herzogtum, dem späteren Kurfürstentum Baiern eingegliedert wurde.

Eigene Richtstätte

 Jedes der beiden politischen Gebilde besaß eine eigene Gerichtsbarkeit und deshalb eine eigene Richtstätte. Galgen standen grundsätzlich außerhalb bewohnter Gebiete, immer jedoch in der Nähe stark frequentierter Straßen. Wer hier des Weges zog, sollte im Anblick der im Wind schaukelnden Leichen an Recht, Gerechtigkeit und Vergeltung erinnert werden. Die Gehängten oder auf das Rad Geflochtenen blieben so sichtbar, bis Wind, Wetter und Raben nicht mehr von ihnen übrig gelassen hatten als Haare und Knochen.

Der Grund, den kurbairischen Galgen so weit entfernt von Schwangau, Waltenhofen oder dem Sitz des Gerichtes in Hohenschwangau aufzustellen, war, dass es in der Herrschaft keinen Ort gab, der stärker frequentiert war als die vorbei führende Straße. Wer früher von Füssen aus nach Schwangau wollte, der verließ die Stadt am Bichelestor, marschierte am Bauerschen Kalkofen vorbei bis zur Grenze, wo am „bösen Bächlein“ die Mautstelle Erlisholz lag. Von hier aus überquerte die Straße zuerst eine kleine Anhöhe und lief dann gerade auf die Felswand mit dem Galgen zu. Hier bog die Straße nach Osten ab und begleitete, teilweise noch heute sichtbar, den Hangfuß des Horner Galgens bis zu einer Weggabel.

Während die Abzweigung gerade auf den Bullachberg zustrebte, berührte die Hauptstraße zuerst die Horner Bauernhöfe am Lechrain und teilte sich: Geradeaus ging es nach Waltenhofen, Forggen und Deutenhausen. Bei der vor 50 Jahren noch existierenden Gaststätte „Zur freien Welt“ zweigte ein Weg ab, der auf die Kirche von Schwangau zuführt. Hier senkte sich eine steile Rampe auf das Niveau der Lechauen mit ihren Altwasserarmen. Sie erlaubten es den Männern aus Horn ihre Floße in den Lech hinauszuschieben.

Gebeine im Lech

Zurück zum Horner Galgen: Wenn die Überreste der Gerichteten abgefallen waren, so konnte man diese wegen des Felsens nicht wie üblich vor Ort vergraben. Hier beförderte man das Gebein über die Felswand, so dass es tief unten im Kehrwasser des Lechs landete. Dieser nur bei hoher Wasserfracht überspülte Bereich trug bis zu seiner Zerstörung den Namen „Schelmengrube“.„Schelm“ war ein Wort, das im Mittelalter Aas und totes Fleisch bezeichnete. Schelm wurde auch der Schinder oder Abdecker genannt und weil der Beruf des Abdeckers häufig mit dem des Henkers identisch war, auch der Henker. Unabhängig von dieser düsteren Funktion des Felsrückens wurde der Horner Galgenbichl vor sehr langer Zeit in ganz anderer Weise genutzt und es verwundert, wenn die Archäologie dies bisher nicht zur Kenntnis genommen hat.

Heute Parkplatz

Zu einer Zeit, da der Lech noch nicht verbaut war und sich nicht annähernd so tief eingegraben hatte wie heute, stand der Horner Galgenbichl mit seinem westlichen Fuß im Lech. Das bezeichnet auch das Wort „Horn“. Im gesamten alamannischen Sprachraum bedeutet „Horn“ oder „Hoare“ soviel wie „Land am Sumpf“ oder „Land am Wasser“. Den Bereich um den heutigen Sendemast, der den alten Galgen ersetzt, schützt ein von Felswand zu Felswand verlaufendes Wall-Graben-System, das gut erhalten ist.

Der nordöstlich davon gelegene, weite Bereich ist offensichtlich von Menschenhand geebnet und war in der Lage, in Kriegszeiten das gesamte Nutzvieh der damaligen Siedler in der heutigen Gemeinde Schwangau aufzunehmen. Das lebensnotwendige Wasser ließ sich im Lech schöpfen, den man, gut geschützt durch eine Felsformation, ungehindert erreichen konnte. Zeitgleich mit dem Bau des Forggensees kam es zu Beginn der 50er Jahre zu einer totalen Veränderung der Strukturen: Mit dem Bau des Allgäuer Überlandwerkes wurde hier der Lech zum ersten Stausee einer langen Kette von Stauseen, die bis zur Donau reicht.

Neue Straße

Zur Entlastung der Kernstadt Füssens erfolgte der Bau einer neuen Straße vom Pulverturm her und der Brückenschlag über den Lech. Diese Maßnahmen brachten es mit sich, dass die Schelmengrube, die nun zwischen der neuen Straße und der Felswand lag, zugeschüttet und zum Parkplatz umfunktioniert wurde. Das daneben liegende Denkmal erinnert zwar an die Tiere, die den früheren Urwald bewohnten, die Zeugnisse früherer Gerichtsbarkeit aber, Galgen und Schelmengrube, sollten zumindest dem Namen nach dem Vergessen entrissen werden.

Über die Beschaffenheit des hier beschriebenen Orts in früher Zeit gibt es ein einzigartiges Dokument: Zwei Landkarten, die 1551 und 1553 entstanden sind. Der Grund für deren Anfertigung war ein Streit zwischen dem Hochstift Augsburg und dem Inhaber der Herrschaft Hohenschwangau, Hans Paumgartner. Es ging dabei um Schäden, die entstanden waren, weil sowohl die Schwangauer als auch die Füssener immer wieder durch den Bau von Dämmen versuchten, den Hauptstrom des Lechs dem jeweils anderen zuzuleiten. Es war ein arbeitsintensives Gerangel, das keinem nützte und jedem schadete.

Gericht entscheidet

Die Angelegenheit landete schließlich vor dem Reichskammergericht in Speyer und zog sich über viele Jahre hin. Das Verfahren erforderte handfeste Unterlagen, Karten, die es den Richtern ermöglichen würden Recht zu sprechen. Für die Anfertigung der Pläne bemühte Hans Paumgartner den kunstreichen, bisher nur als gefragten Portraitmaler bekannten Christoff Amberger aus Augsburg. Amberger zeichnete die Karte zweimal, einmal 1551 und, weil man die Karte verloren glaubte, noch einmal 1553. Es existieren also bis auf den heutigen Tag zwei für die Geschichte Füssens und Schwangaus unersetzliche Kartenwerke, deren Format rund 180 x 70 Zentimeter beträgt.

Magnus Peresson

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