Serie "Füssen und seine Historie": Historiker Magnus Peresson nimmt Sie mit auf eine Zeitreise

Die versteckte Kirche

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Das Altarbild verlieh der Krippkirche ihren Namen.

Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute erzählt er über die Krippkirche.

Wie keine andere Füssener Kirche ordnet sich die Krippkirche ihrem städtebaulichen Umfeld unter. Dem Ortsfremden, der die Reichenstraße hinauf oder hinunter schlendert, fällt sie erst einmal nicht ins Auge: In der Zeile der Bürgerhäuser ist sie nur ein Haus unter vielen. Ihre ganze Wirkung offenbart sich erst demjenigen, der vom Schrannenplatz kommt und auf sie zugeht. Obwohl sie in die Flucht der Reichenstraße eingebunden ist, gehört sie zur Schrannengasse, die sie mit ihrer genial proportionierten Fassade in einmaliger Weise nach Westen abschließt. 

Wenig Platz

Johann Jakob Herkommer plante sie noch in seinem Todesjahr, 1717, und begann mit ihrem Bau noch in den letzten Tagen seines Lebens. Die Krippkirche steht dem zeitgleich entstandenen Plan für den Bau des Innsbrucker Domes St. Jakob kongenial zur Seite. Doch während in Innsbruck der Stadtraum eine monumentale, leicht zurückspringende Fassade zu lässt, die zwei Türmen flankieren und zwei Viertelkreise kaschieren, reduziert sich die kleine Schwester in Füssen auf eine nur hausbreite Front mit sanft gerundeter, weit aufsteigender Nische. 

Vor den unschönen Veränderungen des Stadtbildes im 19. und 20 Jahrhunderts ragte der Giebel, dessen Form Dominikus Zimmermanns Westwerk der Wieskirche beeinflusste, weit über die Traufen der beiden Nachbarhäuser hinaus. Die geschwungene Kontur des Giebels stützenden Voluten in Form spiralenförmiger Putzbänder sind eine letzte Erinnerung an die Vorbilder an der Kirche Santa Maria del Salute in Venedig, deren Vollendung Herkommer während seiner venezianischen Jahren noch erlebt haben dürfte. Ein Gewölbekeller, der zum Nebenhaus gehört, zwang den Baumeister, das Niveau der Kirche um vier Stufen über die Straße zu heben, was zur monumentalen Wirkung der Fassade beiträgt. 

Die Nische der Fassade hebt den Bau von den profanen Bauten links und rechts ab und stimmt den Besucher auf den Innenraum und seinen Altarbereich ein. Unklare Baugeschichte Die Baugeschichte der Kirche ist bisher nicht eindeutig geklärt. Nachdem der Bischof von Augsburg 1611 die Jesuiten nach Füssen beordert hatte, errichteten diese im sogenannten Wagner-Gässele, einen kleinen Gebetsraum, der unter der Bezeichnung „Unserer Lieben Frau in der Krippe“ in den Archivalien erscheint. 

Dieser hatte aber offenbar wegen seiner bescheidenen Ausstattung nie eine Weihe erhalten. Nach dem Wegzug der Jesuiten 1627 übernahmen die nach Füssen berufenen Franziskaner den Bau. Obwohl von da an das Benefizium Sankt Nikolai, d.h. die Einnahmen dieser Stiftung, hierher gelenkt wurden, scheint nach dem Umzug der Franziskaner nach St. Stephan die Kapelle nur noch wenig Pflege erfahren zu haben. 

Erst als mit dem Umbau von St. Mang die Kapelle St. Nikolaus, die am Kreuzgang lag und als Kapitelsaal genutzt wurde, zur Gruft der Mönche umgebaut und 1710 fertig gestellt war, sollte dem Heiligen Nikolaus ein würdiger Ersatz geboten werden. Angesichts der riesigen Baustelle und der damit verbundenen Aufgaben, trat ein ins Auge gefasster Ersatzbau fürs erste in den Hintergrund. Erst als Peter Martin 1717, der vom Hopfener Enzensberg stammte, als Ruheständler in St. Mang eintrat, erwies er sich als potenter Geldgeber. 

Martin überredete Abt Dominikus Dierling die Direktion des Baues selbst zu übernehmen. Dieser wiederum übertrug die Planung dem ebenfalls im Kloster lebenden Baumeister Herkomer. Es ist gut vorstellbar, dass Abt, Mäzen und Architekt bei einem Glas Wein aus den Südtiroler Besitzungen des Klosters ihr Programm für den Neubau entwickelten. Es war den Dreien klar, dass ein wie auch immer zu dimensionierender Bau an Stelle des alten Oratoriums in der schmalen Gasse ihren Vorstellungen nicht genügen würde. 

Durch die Vermittlung der Stadt Füssen erfuhr das Vorhaben eine unerwartete Wende: Man konnte das Bürgerhaus, das der Einmündung der Schrannengasse in „des Reichs Strassen“ gegenüber lag, erwerben. Mit dem Bau der Kirche an einer solch prominenten Stelle im Stadtgefüge war die Grundlage für den letzten städtebaulichen Geniestreich in der Geschichte Füssens gegeben. 

Herkomer stirbt

Wenige Wochen nach dem Beginn der Bauarbeiten am 8. August 1717 starb Herkomer. Der Wagen mit der Leiche des Baumeisters rollte an der Baustelle vorbei zu seinem Grab in der Kapelle von Sameister. Der Neffe des Verstorbenen, Johann Georg Fischer, führte den Bau im Herbst 1719 zu Ende. Dominikus Zimmermann, der acht Jahre lang unter Herkomer in St. Mang marmoriert hatte, und danach in Landsberg lebte, kam vermutlich 1720 nach Füssen zurück, um den feinen Hochaltar aus Stuckmarmor zu fertigen. 

Zimmermanns Aufriss für den Altar hatte sich an einem Ölbild zu orientieren, das Johan Jakob Herkomer als Erinnerung an das alte Oratorium wahrscheinlich schon vor langer Zeit entworfen, zum Zeitpunkt seines Todes aber noch nicht vollendet hatte. Das Bild zeigte die Anbetung des Kindes in der Krippe durch die Hirten. Vermutlich erst zwei Jahre nach der Fertigstellung der Altararchitektur, 1721, erhielt der Kemptener Freskant Franz Georg Hermann, der zu dieser Zeit auf den Gerüsten in St. Mang stand, den Auftrag, Herkomers halbfertiges Altarbild zu vollenden. 

Die interessante Vorgeschichte zur Entstehung des Bildes und seines Inhaltes verdient es, nicht vergessen zu werden. Ein Altarbild in der römischen Kirche „Il Gesu“, der Jesuitenkirche, die 1584 fertig gestellt worden war, zeigte die Geburt Christi. Dieses Bild kopierte der Maler Hans von Aachen vermutlich 1587. Eine Kopie des kleinformatigen Bildes befindet sich heute in der Alten Pinakothek in München, doch das Motiv ging schon damals als Bleistiftzeichnung zur Bearbeitung an den Augsburger Kupferstecher Johannes Sadeler. 

Dessen Kupferstich flog in vielen Abzügen durch ganz Europa und wurde zum Vorbild vieler Darstellungen der Heiligen Nacht. Das Münchener Blatt übertrug der Hofmaler Hans Werl 1592 auf eine Metallplatte und fügte sie in eine sogenannte Kusstafel ein, in einen Kultgegenstand, der einer Monstranz ähnelt. Diese in Gold und edle Steine gefasste Kusstafel gehört heute zu den Beständen der Schatzkammer der Münchener Residenz. Der populäre Kupferstich war vielleicht schon sehr früh in die Sammlung von Graphiken des Klosters St. Mang gekommen. Es ist auch vorstellbar, dass Herkomer lange bevor an einen Ersatzbau für die Nikolauskapelle gedacht werden konnte, das zentrale Kunstwerk dieser Kirche schon ins Auge gefasst und es konkret in Angriff genommen hatte. 

Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein scheinbar nebensächliches Detail große Unternehmungen ausgelöst hätte. Herkomer übertrug die Vorlage in das rechte Format um alles, vom Bildaufbau über Menschen und Tiere, ja selbst die Lichtwirkung des nächtlichen, von einem Kometen erhellten Himmels akribisch zu übernehmen.

Das Altarbild

Und so zeigt das Altarbild in der Mitte eine jugendliche Maria, die mit gefalteten Händen vor dem Christkind in der Krippe kniet. Ein blauer Mantel liegt über ihrem roten Kleid und unter dem weißen Velum ahnt man ihr offenes Haar, ein Hinweis auf die Jungfräulichkeit der jungen Mutter. Der von der mädchenhaften Maria weitgehend verdeckte, graubärtige und nach vorne gebeugte Josef scheint eingeschlafen zu sein. Links von Maria steht ein Hirtenpaar, wobei der Mann mit der Linken einen Dudelsack hält, während die Rechte auf dem Kopf eines großen Hirtenhundes liegt. Den unteren Bildrand prägt eine junge Mutter mit kunstvoll geflochtenen Zöpfen und einem Kind, das über ihre Schulter auf den Betrachter blickt. Rechts daneben kniet ein halbnackter Hirte, der in der linken Hand ein Lamm als Gabe für das Christkind hält. Hinter ihm steht ein bärtiger Greis im Kontrast zu einer jungen Frau, die ihre Haare zu einem Knoten geflochten hat. Ein Engel mit auf der Brust gekreuzten Armen kniet am Kopfende der Krippe, flankiert von Ochs und Esel. 

In der frühen Symbolik steht der Esel für Klugheit und Demut, der Ochse hingegen für das klassische, geduldige Opfertier. Das Altarbild mit dem Kind in der Krippe verdrängte nicht nur den Patron, den heiligen Nikolaus auf den linken Nebenaltar, es verlieh der Kirche schon bald die volkstümliche Bezeichnung „Krippkirche“.

Magnus Peresson

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