"Füssen und seine Historie"

Königin Marie - Bayerns erste Alpinistin

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Die Prinzen Ludwig (links) und Otto vor dem Prinzenbau in Hohenschwangau beim Aufbruch zu einer Bergtour. Die zu große Kleidung der beiden zeigt die Sparsamkeit des Vaters.

Füssen – Füssens Wurzeln reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Historiker Magnus Peresson berichtet heute darüber, wie die königliche Familie in Hohenschwangau ihren Urlaub verbrachte.

Am 26. Oktober 1842 trafen der 33-jährige Kronprinz Maximilian von Bayern und seine nur halb so alte Braut Marie, eine preußische Prinzessin, in Hohenschwangau ein, um ihre Flitterwochen zu feiern. Als die zierliche Braut im Schlosshof die Kutsche verließ, blickte sie staunend auf Säuling, Alpsee und die Tiroler Berge. In einem Brief an ihre Eltern schrieb sie: „Ich war ganz weg vom Anblick der Berge“. 

Marie hatte zwar schon als Kind vom Sommersitz der Familie in Fischbach aus die Höhen des Riesengebirges kennengelernt, doch besaßen die Nordabstürze der Tannheimer Berge und der schroffe Säuling eine andere Qualität. Marie begann die Berge zu lieben und bald stieg sie zur ersten Alpinistin Bayerns auf. Das Bergsteigen als Zeitvertreib steckte noch in den Kinderschuhen. Die wenigen Bergsteiger dieser Zeit war eine Handvoll spleeniger Engländer. Die Berge waren weitgehend unerschlossen und nur von den Steigen der Jäger und Hirten durchzogen. 

In Begleitung ortskundiger Führer bestieg Marie bald die von den Schlossfenstern aus sichtbaren Gipfel der Schwangauer und Tannheimer Berge. Besonders angetan hatte es ihr die sogenannte Achsel bei Murnau, die nur auf einem sehr steilen Pfad zu erreichen war. Am 18. Juni 1844 gründete Marie hier eine Bergsteigervereinigung, die sie Achsel-Alpenrosen-Orden taufte. Sich selbst ernannte sie zu dessen Großmeisterin. 

Die Flitterwochen des Kronprinzenpaares dauerten fast zwei Monate. Sie endeten am 17. Dezember 1842 mit der Einweihung der eben erst fertiggestellten, aus gebeilten Baumstämmen konstruierten Marienbrücke über der Bellatschlucht. Marie fühlte sich von Hohenschwangau und seiner Umgebung dermaßen angezogen, dass sie künftig so oft wie möglich hierher kam. Das Schloss selbst war ja nur der eher schlichte Mittelpunkt eines Gesamtkunstwerkes, das das flache Land und Berge umfasste und mit einem engen Netz von Spazier- und Reitwegen, Fischer- und Schützensteigen und schließlich durch einsam gelegene Teeplätze erschlossen war. Alleen und steile Bergstraßen erlaubten die Ausfahrt mit Schlitten und Kutschen. In dem Gebiet zwischen Berzenkopf, Schwansee und Kienberg verleitete eine Parklandschaft nach englischem Vorbild mit verschlungenen Wegen, Wiesen und Buschinseln, mit dunklen Wäldchen und versteckten Lichtungen zu Spaziergängen. Nachdem man den Kalten Bach entlang des Berzenkopfes von Steinschlag geräumt hatte, war es sogar möglich, sich von Hohenschwangau aus im Kahn zum Schwansee treiben zu lassen und von dort durch den gewundenen Wasserteilgraben in Richtung Bullachberg zu rudern. 

Auf dem Hosenboden ins Tal 

Als die Prinzen Ludwig und Otto der Wiege entwachsen waren, verbrachten Mutter und Söhne ihre Ferienzeiten fast ausnahmslos in Hohenschwangau. Im Stallgebäude warteten edle, aus England importierte Pferde auf ihre königlichen Reiter. Maximilian hatte unterhalb der Nordterrasse des Schlosses, am Kalten Bach, eine Rennbahn anlegen lassen, so dass Marie von oben die Knaben bei ihren Reitkünsten beobachten konnte. Eine kreisrunde, gedeckte Reitbahn neben dem Marstall ermöglichte es den Prinzen, sich auch bei schlechtem Wetter im Sattel zu beweisen. Mutter und Söhne fischten gerne im Alpsee auf Hechte und mitunter fuhren sie mit der Kutsche auch nach Trauchgau, um dort in der Ache Forellen zu fischen. 

Ludwig, der von Literatur besessen war, liebte es, mit dem Kahn auf den Alpsee hinaus zu rudern und dort die deutschen Klassiker zu lesen. Im November 1865 gestand er dem Komponisten Richard Wagner, dass er als 16-Jähriger auf den Wellen des Sees schaukelnd erstmals das Libretto dessen Oper Lohengrin gelesen und den Plan gefasst habe, den Verfasser kennenzulernen. 

Der erste Gipfel, den Kronprinzessin Marie, die spätere Königin und Königin-Mutter, bezwang, war vermutlich die dem Tegelberg vorgelagerte Hornburg. In Begleitung ihrer Hofdamen und einiger Herren stieg sie vom Sattel zwischen Hornburg und Rohrkopf über eine leicht ausgesetzte Passage zum Gipfel, der eine schöne Sicht auf ihre neue Heimat erlaubte. Um die ausgesetzte Stelle nicht noch einmal passieren zu müssen und wohl auf Bitten ihrer Begleiter, entschied Marie, über die von steilen Grasflächen durchsetzte Nordwestflanke abzusteigen. Einer der Teilnehmer verriet später dem Kronprinzen, dass die erlauchte Gesellschaft den Großteil des vermeintlich harmlosen Weges auf dem Hosenboden zurückgelegt habe. 

Mit Führern und Trägern auf den Berg 

Bergtouren wurden damals als „Partie“ bezeichnet. Alle Partien der Herrin auf Hohenschwangau erforderten eine ausgefeilte Logistik, die Beteiligung einheimischer Führer und zahlreicher Träger sowie Pferde und leichte Wagen. Als die Söhne Ludwig und Otto alt genug waren, um an den Unternehmungen der Mutter teilzunehmen, nahm die Zahl der Besteigungen zu. Die Liebe der Mutter zur Natur übertrug sich auf den späteren König, dem schon in frühester Jugend die Schöpfung heilig geworden war. In einem Brief an seine Erzieherin verglich er sich einmal mit einer Alpenblume, die in der Luft der Großstadt verdorren müsse. 

Wie man sich eine „Partie“ vorstellen muss, verrät der Bericht über eine Besteigung des Säulings am 22. August 1857. Die Königin und die Prinzen mit ihrem Gefolge versammelten sich um 8 Uhr im Schlosshof, wo schon der bewährte Schwangauer Bergführer Lob wartete. Im kleinen Wagen ging es bis zur Marienbrücke und von dort, nun zu Fuß, weiter bis zur „Säulingsalpe“, die die Gesellschaft bereits eine Stunde nach Abmarsch erreichte. Hier stand damals noch ein „niedliches Schweizerhaus“, eine Alphütte im Stil Schweizer Bauernhäuser. Nach weiteren zwei Stunden des Steigens kam sie schließlich auf die Gamswiese. An der Hand von Bergführer Lob erreichte Prinz Otto als Erster das Gipfelkreuz. Um 12.30 Uhr war die gesamte Gesellschaft am Kreuz versammelt und bewunderte bei klarem Himmel die herrliche Aussicht. Der Hofkoch Högelmeier befeuerte die mitgeschleppte Feldküche und begann das Essen vorzubereiten. 

Eine Hoftafel auf dem Säuling 

Die Zubereitungszeit nutzte die königliche Truppe, um über den Grat hinüber zum Ostgipfel zu queren. Um 13.30 Uhr wurde schließlich die Hoftafel unter dem Gipfelkreuz eröffnet. Alle Beteiligten erwiesen, so der Bericht, den dampfenden Hohenschwangauer Fleischtöpfen und einem perlenden Rheinwein uneingeschränkte Ehre. Gestärkt bewunderte die Gesellschaft durch ein Fernrohr die Gipfel im Detail. Freudig überrascht war die Gesellschaft über die gute Sicht, die bis zu den Frauentürmen in München reichte. Um 16 Uhr machte sie sich an den Abstieg über den „bösen Steig“ nach Pflach, das sie um 19 Uhr erreichte. Mehrere Kutschen warteten hier bereits auf die müden Alpinisten. 

Kronprinz Maximilian tat alles, um seiner Frau die Aufenthalte in Hohenschwangau zu versüßen. So entstand als Geschenk an die Königin mit ihrer Vorliebe für Alpenrosen der Alpenrosenweg im Schattenwurf des Schwarzenberges. Außerdem ließ der Kronprinz das Schweizerhauses in der Bleckenau bauen. 

Marie schätzte dieses Domizil ebenso wie ihr Sohn Ludwig, der im November 1865 sogar Richard Wagner hier her kutschieren ließ. Es gehörte zu den Ritualen des Hofes, hohen Besuch in die Bleckenau einzuladen. So dinierten hier am 8. September 1864 König Ludwig II., die Königin Mutter und Prinz Otto mit ihrem Gefolge. Da zu dieser Zeit der königliche Hoffotograf Joseph Albert die Innenräume des Schlosses fotografierte, bekam er den Auftrag, die Gesellschaft bei der Kaffee-Tafel vor dem Schweizerhaus abzulichten. Für König Ludwig II. erwies sich Hohenschwangau bald als der für sein Wohlbefinden nötige Rückzugsort weit ab von den Regierungsgeschäften der Hauptstadt. Zunehmend ignorierte er die Residenzpflicht für München und bewohnte mindestens sechs Monate im Jahr das Schloss seines Vaters.

Magnus Peresson

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