"Füssen und seine Historie"

Der Lech als der wildeste aller Alpenflüsse

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Mit seiner Krone aus einem Fichtenzweig und seinem wallenden Bart wirkt die Allegorie des Lechs am Augustusbrunnen in Augsburg wie ein König.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über den Lech.

„Schäumend entstürzt die mächtige Woge dem Schlunde zu Füssen, Schäumet und peitscht mit furchtbarem Grimme den sträubenden Felsen, Naget hinweg mit grausamem Zahne die grünenden Ufer, Höhnt mit brausender Wut die Kunst und die Kräfte der Menschen.” 

Mit diesen theatralischen Worten schilderte vor langer Zeit ein Poet des Klosters St. Mang den Lech, den er Tag für Tag vom Fenster seiner Zelle aus sah. Damals, vor vielleicht fünfhundert Jahren, strömte der Fluss durch eine von Menschenhand noch unberührte Landschaft. Damals stand der halbrunde Unterbau des Bädles am Kloster über viele Wochen des Jahres im Wasser. Wegen seiner Fallhöhe galt der Lech als der wildeste aller Flüsse, die in den Alpen entsprangen und in die Donau mündeten, eine Naturgewalt, die alles an seinen Ufern zerstören konnte, aber auch ein Fluss, der sich mitunter so zahm gab, dass es Kindern möglich war, ihn zu durchwateten. 

Abhängig von der Wasserfracht änderte sich auch die Farbe des Wassers. Die Palette der Farben reicht von einem milchigen Grün zur Zeit der Schneeschmelze über ein blasses Blau bis hin zu jenem unwirklichen Türkis, das ausgewaschene Calcitplättchen erzeugen und das mit seiner Leuchtkraft an die Pracht antiker Mosaike erinnert. Das schmutzige Braun der Hochwasserschübe ergibt sich aus dem ausgeschwemmten, im trockenen Zustand mehlfeinen, fast weißen „Schweiß“ der Sandbänke. Dieses Material verwendeten von je her die heimischen Maurer, um es angereichert mit Sumpfkalk wie Teig auf den rauen Verputz von Wänden und Decken aufzutragen. 

"Der Steinige" 

Schon die Menschen, die vor mehr als 2500 Jahren zwischen der Donau und dem Alpenrand umherzogen, hatten erkannt, was den Lech von den anderen Flüssen, die sie auf ihren Wanderungen gesehen hatten, unterschied: Nicht die von der Schneeschmelze oder von Niederschlägen abhängige Menge seines Wassers, sondern die Beschaffenheit seines Gerinnes. Das Flussbett zeigte sich immer als ein breites, an seinen Ufern ausgefranstes, steinernes Band, das zerrissen und zerfurcht, oft die ganze Breite des Tales ausfüllte. Ein Strom von hellen Kieseln, die bei Trockenheit in der Sonne funkelten und die Luft wüstengleich zum Flimmern brachte. Stein in allen Erscheinungsformen dominierte den Fluss. Aus diesem Grund nannte man ihn in keltischer Zeit Lic oder Licca. Das bedeutete soviel wie „der Steinige“. Die Römer übernahmen den Namen, sie verfeinerten ihn zu Licas und nannten die Menschen, die an ihm lebten „Licates“. 

Dieser Name wurde im Jahre 9 v. Chr. auf einem Siegesdenkmal zu Ehren des Augustus in La Turbie, hoch über dem Meer bei Monaco, in Marmor gehauen, wo er bis heute erhalten ist. Als nach dem Ende der 500 Jahre dauernden römischen Herrschaft alamannische Siedler in das Alpenvorland einwanderten, verwandelte sich Licas allmählich zu Lech. 

Die Wildheit des Flusses spiegelt sich auch im Genus seines Namens wieder. Während alle anderen Flüsse der bayerischen Alpen den weiblichen Genus tragen, Iller, Wertach, Ammer, Loisach, Isar und Mangfall, thront zwischen ihnen wie ein Patriarch der männliche Lech. 

Riesenhafte Mäander

Bis vor etwa 100 Jahren war der Fluss im Lechtal eine fast ununterbrochene Aneinanderreihung riesenhafter, mitunter das gesamte Tal ausfüllender Mäander. Nur am Rand der Alpen bei Füssen hemmten mehrere Felsriegel den reißenden Fluss, die größte Zäsur bildete dabei der Lusalten, in dem sich das zuvor rund vierhundert Meter breite Flussbett auf eine Klamm von weniger als acht Meter Breite verengte. 

Ein Wasserfall steigerte die Wildheit des Flusses, der nun zwischen den Felswänden hin und her geworfen wurde. Die bizarre Szenerie veranlasste den steinzeitlichen Menschen, der Göttlichkeit in der Schöpfung verehrte, am höchsten Punkt des Prallfelsens eine Kultstätte einzurichten. Die letzte Zäsur folgte zehn Kilometer flussabwärts mit der Schlucht am Illasberg. Ab hier folgte, tief in den Gletscherschutt der letzten Vereisung eingegraben, Mäander an Mäander, Flussschleifen, die südlich von Augsburg eine Ausdehnung von annähernd einem Kilometer Breite annahmen. 

Dieses Bild eines Wildflusses der 2000 Jahre lang auch ein wichtiger Wasserweg war, wurde erst in den vergangenen Jahrzehnten durch den Bau von mehr als zwanzig Wasserkraftwerken mit ihren Staubecken vernichtet. Der heutige Lech ist nur noch das Kastrat eines Wildflusses. Allein die große Flussschleife bei Burggen vermittelt noch eine schwache Vorstellung von der Urkraft des alten Lechs. 

Unzähmbare Kraft 

Wenn sich am Lech die Erinnerung an einen Drachen erhalten hat, so hat dies vor allem mit dem Fluss selbst zu tun. Das Bild des Drachens stand für die unbezähmbaren Kräfte der Natur. Ein Fluss wie der Lech erschien dem frühen Menschen, für den alles in der Natur beseelt war, wie ein Lebewesen. Sein Geschiebe aus glatten Kieseln, Sanden und grobem Geröll veränderte sich für jeden sichtbar und wie ein gigantisches Ungeheuer schob sich der Strom aus Stein langsam, aber unaufhaltsam flussabwärts. 

Ganz in diesem archaischen Denken verwurzelt, vermerkte einer der Chronisten von St. Mang, einem Klosteruntertanen habe „der Lech einen Acker gefressen“. 

König Lech 

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts schuf der Bildhauer Hubert Gerhard im Auftrag der Stadt Augsburg einen Brunnen für den Platz vor dem Rathaus. Aus einer Mischung von Tradition und Stolz berief man sich bei der Gestaltung auf den Stadtgründer, den römischen Kaiser Augustus, die konkrete Form orientierte sich an den Brunnen der italienischen Renaissance. So steht auf der Brunnensäule der Imperator und weist mit der Hand auf das Rathaus der alten Reichsstadt. Auf dem Rand des Brunnenbeckens lagern die Allegorien der vier für Augsburg wichtigen Flüsse: Lech und Wertach, Singold und Brunnenbach. Zwei schöne Frauengestalten symbolisieren Wertach und Singold. 

Bei den männlichen Gegenstücken beeindruckt vor allem die Allegorie des Lechs. Bis auf ein Wolfsfell über dem Oberschenkel nackt, erinnert er an die die Helden alter Geschichten. Das von Wind und Wasser gegerbte Gesicht mit dem bis auf die Brust fallende Bart täuscht nicht darüber hinweg, dass er ein verkleideter Herrscher ist, ein König, der als Zeichen seiner Würde eine Krone trägt. Deren Reif besteht allerdings nicht aus gehämmertem Gold, sondern aus einem zum Kranz gewundenen, mit vielen Zapfen behangenen Fichtenzweig. Während sich die sehnige linke Hand auf ein Ruder stützt, greift die andere Hand mit der gleichen Geste in den lockigen Bart, wie der von heiligem Zorn erfüllte Moses des großen Michelangelo in der römischen Kirche S. Pietro in Vincoli. König Lech erscheint hier wie aus der Zeit gefallen, als einer, der seinen Palast im Inneren eines fernen Berges verlassen hat und nach einer langen Reise nun am Brunnen rastet. 

Ort des Lernens und der Bewährung

Man ahnt, dass dieser Monarch über eine fremde Welt regiert, über Berge und Wälder und über Wasser und Stein, einer, der seinen Untertanen Fische und Krebse schenkt, der Kies und Sand als Baumaterial bis vor die Dörfer und Städte an seinen Ufern schiebt, der tausende Stämme Bau- und Feuerholz bis nach Augsburg schwemmt, der viele, schwer beladene Floße bis zur Donau und weiter nach Regensburg, Wien und Budapest trägt, der Mühlräder, Gattersägen und Hammerwerke bewegt und riesige Hämmer auf glühendes Eisen fallen lässt. 

Ohne den Lech wäre Füssen nicht Füssen und Augsburg nicht Augsburg. Und für jeden, der mit Lechwasser getauft wurde, war der Lech nicht nur Spielplatz sondern auch ein Ort des Lernens und der Bewährung. Und für jeden, der am Lech lebt gilt: Der Lech ist mein Lech. Der in Füssen geborene, in Wien lebende Literat Richard Bletschacher hat in einer Hymne auf seine Heimat, die „Heimat der Lauten“, auch „seinen“ Lech gepriesen: Denn „…mächtigere Ströme gibt es gewiss/aber für mich ist der Lech/der Fluss aller Flüsse…“

Magnus Peresson

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