"Füssen und seine Historie":

Wie der Füssener Steinzeitjäger zum Städter wurde

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In dieser Höhle nahe Füssen wurden Werkzeuge gefunden, die Jäger in der Mittelsteinzeit benutzt haben.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die Besiedlung des Füssener Landes.

Wann immer der frühe Mensch einen Ort suchte, an dem er für längere Zeit bleiben konnte, so wählte er einen Platz, der ihn vor Wind und Wetter, Hochwasser und Bergsturz schützte, einen Ort, an dem er frisches Wasser schöpfen und Fische fangen konnte, wo Wild wechselte und wo es Beeren, Kräuter und Nüsse gab. Wenn man das berücksichtigt, liegen die Anfänge Füssens eine halbe Wegstunde weit vor der Stadt in einer Höhle, die sich am Rand des Lechbettes, am Südfuß des Vilser Berges und nahe der Hangenden Wand am Ländeweg befindet. 

Der Höhleneingang liegt vor Westwinden geschützt hoch über dem Fluss. Er öffnet sich nach Südosten, Richtung Sonnenaufgang. Der Abstand zu Roten Wand, Burgschrofen und Kratzer auf der gegenüberliegenden Lechseite ist zudem so groß, dass selbst im tiefsten Winter kaum eine Verschattung stattfindet. Das Tal zwischen der Ulrichsbrücke und der Lechschlucht in Füssen war damals, vielleicht vor 9000 Jahren, völlig anders beschaffen als heute. 

Vor dem Bau des Wehrs am Lusalten in den Jahren 1784 bis 1787 und den Verbauungen von Vils und Lech im 19. und frühen 20. Jahrhundert, war das Gefälle der beiden Flüsse, die sich im Bereich des Ländehofes vereinigen, vermutlich mehr als doppelt so hoch wie heute. Überhaupt gab es entlang des Lechtals bis hinauf nach Steeg keinen einzigen Abschnitt mit einem dermaßen hohem Gefälle als in dem eineinhalb Kilometer langen sogenannten Weißhaustal. 

Das Flussgerinne lag tiefer und je nach Wasserstand schoss der Lech entweder gebündelt in einem gefährlichen Strom dahin oder er fächerte sich in viele Arme auf und war damit unter bestimmten Bedingungen überschreitbar. Daneben war es für die Menschen von großer Bedeutung, dass die Alpen damals eisfrei waren und die Baumgrenze erheblich höher lag als heute. 

Das Gelände unterhalb der Höhle hatte einen weiteren Vorteil: Der Mensch konnte im Fluss Steine sammeln, die für die Herstellung von Werkzeugen geeignet waren. Dazu zählten vor allem Radiolarite, schwarz, grün und tiefrot Kiesel. Im Bereich der Roten Wand konnten die Menschen zudem Radiolarit abbauen. Entsprechende Werkzeuge wurden in der Höhle geborgen. 

Römer kommen

Jahrtausende nach den mesolithischen Jägern besetzten im Jahre 15 vor Christus römische Legionäre die Alpen und das Land bis zur Donau. Einer der Stiefsöhne des Augustus, Drusus, kam durch die Täler von Etsch und Inn an den Lech. Hier entstand schließlich die Provinz Rätien. Ein halbes Jahrhundert später gab Kaiser Tiberius, ein Bruder des Drusus, der Elite seiner Straßen- und Brückenbauer den Auftrag, eine Straße anzulegen, die die Flüsse Po und Donau verbinden sollte. 

Der Bau folgte dem Prinzip der rücksichtslosen Geraden auch unter schwierigsten Bedingungen im Gebirge. Die rund 700 Kilometer lange Straße, die mit Wagen befahrbar war, bauten tausende Legionäre in nur zwölf Jahren. Die fertige Straße erhielt den Namen ihres Vollenders, Kaiser Claudius, dem Sohn des Drusus: Via Claudia Augusta. 

Idealer Ort für Brücke

Den Ort im Bereich des späteren Füssens, der für die nötige Brücke über den Lech ideal war, gaben Topographie und Flussregime vor. Er lag nicht mehr als hundert Meter von der Höhle der steinzeitlichen Jäger entfernt. 

Allem Anschein nach konnten die Römer beim Bau einer oder mehrerer Brückenpfeiler auf Felsformationen setzen, die mit dem Massiv des Vilser Berges zusammenhängen. Das benötigte Material entnahmen sie Steinbrüchen an der Roten Wand und am Vilser Berg. Die Rampen der Straße über den nahen, sehr steilen Kratzer brauchten einen sogenannten Vorspann, also die Möglichkeit , vor die Zugtiere, die für den normalen Weg ausreichen, weitere Tiere zu spannen. 

Dafür wurde eine klassische Straßenstation auf der Sonnenseite des Tals, am heutigen Ländeweg errichtet, wieder nicht weit von der Höhle entfernt. Nach dem Ende des römischen Reiches gingen die Mauern der Straßenstation in einem bäuerlichen Anwesen auf, in dem Gut Lusalten, das später dem Kloster St. Mang gehörte und das bis in das 18. Jahrhundert nachweisbar ist. Es steht außer Frage, den Beginn der urbanen Entwicklung, die Anfänge Füssens hier zu suchen. 

Die von Kaiser Augustus ausgerufene „Pax Romana“, ein immerwährender Friede, hatte sich als dermaßen stabil erwiesen, dass die Römer im Binnenland auf große militärische Einrichtungen verzichten konnten. Der früheste Sitz römischer Verwaltung ist in der Nachbarschaft der Straßenstation zu suchen, im Tal von Faulenbach mit seinem günstigen Mikroklima. 

Erst der Einfall der Alamannen und die permanenten Angriffe auf den Limes führten zu einer Zurücknahme der Reichsgrenze auf eine Linie, die von der Donau entlang der Iller bis zum Bodensee verlief. Entlang der neuen Grenze bauten die Römer kleine Befestigungen. So entstand auf dem Schlossberg in Füssen ein Kastell, in dem eine Nachschubeinheit der III. Italischen Legion stationiert war. 

Noch Theoderich der Große setzte über die Provinz Rätien und damit über Füssen einen Herzog und stellte die Bevölkerung unter seinen Schutz. Mit dem Tod des Gotenkönigs im August 526 endete definitiv das Römische Reich. 

Christentum füllt Lücke

Das nun entstandene politische Vakuum füllte das Christentum. Die Bischöfe der jungen Kirche setzten sich an die Stelle der römischen Statthalter. Sie übernahmen deren prachtvollen Amtssitze und beanspruchten auch deren Amtsbereich, die Diözese. Damit waren die Bischöfe dem Vorbild des Bischofs von Rom gefolgt, der sich den Titel der römischen Cäsaren, „Pontifex maximus“ angeeignet hatte. Mit den Rechten, die damit verbunden waren, schuf er die Voraussetzungen für Macht und Größe der Kirche. 

So wie sich vorher Flüsse, Thermal- und Heilquellen im Eigentum des Kaisers befunden hatten, gehörten sie jetzt zum Besitz des Papstes. Auch das Faulenbacher Tal fiel mit seinen Schwefelquellen dem Papst zu. Als sogenanntes „Patrimonium“ blieb es nach allem was die Forschung erst in jüngster Zeit erkannt hat, bis in die Zeit um 1100 in der Hand des Papstes. Trotz der bewahrenden Politik der Kirche blieben die kommenden Jahrhunderte eine Zeit andauernder Unsicherheit. Diese endete erst mit Kaiser Karl dem Großen. Da das Reich keine Hauptstadt besaß, zog der Kaiser von Pfalz zu Pfalz. Karl ließ die antiken Straßen durch die Alpen sichern. 

Kaiser gründet Kloster

Er gründete an diesen Straßen eine Reihe von Klöstern, die für ihn sichere Stationen auf dem Weg nach Rom waren. So entstand an der Via Claudia Augusta das Kloster St. Mang. Der Platz lag klug gewählt vor der Lechschlucht mit ihrem gefürchteten Katarakt. Ab hier konnte man den Lech als günstigen Verkehrsweg zum wichtigen Augsburg nutzen. Das Kloster entstand nach einem strengen Plan. 

Für seinen Bau wurden die Ruinen des römischen Kastells auf dem Schlossberg so weit abgetragen, dass dort kein Stein auf dem anderen blieb. Da die römische Brücke ein halbes Jahrhundert nach den Sanierungsarbeiten, die unter dem heiligen Magnus über die Bühne gingen, aufwändig repariert werden musste, verlegte man sie kurzerhand zu dem neuen Kloster. Damit verlagerte sich das Geschehen weg vom alten Ursprung. 

Die weltliche Verwaltung siedelte sich zunächst gegenüber dem Kloster auf dem heutigen Brotmarkt an. Links und rechts der antiken Straße hatten sich Gewerbe und Gewerke angesiedelt, die vor allem den Verkehrsströmen und ihren Bedürfnissen diente. Das Umland, das reich an Steinen, Kalk, sowie an Bau- und Feuerholz war, hatte schon in antiker Zeit zur Entstehung von Augsburg beigetragen, das nach wie vor auf diese Rohstoffe angewiesen war. Das, die Lage am Fluss und an der Straße nach Süden schürte Begehrlichkeiten und führte zu Auseinandersetzungen zwischen den bairischen Herzögen und den Bischöfen von Augsburg. Das beendete im Jahre 1286 schließlich König Rudolf von Habsburg mit der Erhebung der kleinen Siedlung „Fiesse“ zur Stadt.

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