"Füssen und seine Historie":

Füssener Stadttore: Zeichen des Bürgerstolzes

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Eine Ansicht auf die Stadt Füssen etwa aus dem Jahr 1810: Dort, wo heute der Mädchenbrunnen steht, verlief damals noch die Füssener Stadtmauer mit dem Richter-Stadttor, das im Volksmund auch Kempter bzw. Pfronter Tor hieß.

Füssen – Die Wurzeln der Stadt Füssen reichen bis in die Römerzeit zurück. Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die alten Stadtmauern und ihre Tore.

Die Mauern alter Städte mit ihren Türmen und Toren dienten nicht allein dem Schutz und der Sicherheit ihrer Bürger. Jede Stadtbefestigung war auch ein weithin sichtbarer Beleg für Wohlstand, Selbstbewusstsein und Stolz der Bürger. Aus diesem Grund legte man besonderen Wert auf eine ansprechende Architektur und farbliche Gestaltung der Tortürme und ihrer Fassaden. So auch in Füssen. 

Schon im Jahre 1286 war die Erhebung Füssens zur Stadt durch Rudolf von Habsburg erfolgt. An diesen Rechtsakt war die Verpflichtung gebunden, eine Stadtmauer zu errichten. Ein Ort ohne Ummauerung konnte nicht Stadt sein: „Bürger und Bauer unterscheidet allein die Mauer“. Die Nennung eines Füssener Bürgers in einer Urkunde aus 1286 ist Beleg dafür, dass zu dieser Zeit entweder die Stadtmauer schon existierte oder zumindest im Bau war.

Bei dem Reichtum an Mauersand und Steinen in der Umgebung und der unbegrenzten Möglichkeit, Kalk für die Herstellung von Mörtel zu brennen, kann kein Zweifel bestehen, dass schon die erste Befestigung nicht aus Palisaden bestand. Die Wahl des Ortes für die zu gründende Stadt fußte auf mehreren Kriterien. Es war zum einen die Lage am Eingang zu den Alpen, zum anderen die vor jedem Hochwasser sichere Lage. Hinzu kam die Nachbarschaft zu dem seit Jahrhunderten bestehenden Kloster St. Mang. Das städtebauliche Rückgrat aber bildete der Verlauf von des „Reichs Straße“, einer Wegführung, die noch immer auf der Trasse der Via Claudia Augusta lag. 

Der erste Mauerring um die Stadt begann am Storchenturm des Hohen Schlosses und verlief dann in etwa parallel zu Hinterer Gasse, Schrannengasse und Drehergasse und endete an den Mauern des Klosters St. Mang. Kloster und Schloss bildeten eigene, von der städtischen Wehrordnung unabhängige Verteidigungsabschnitte. Im Bereich des Baumgartens musste nur die Lücke zwischen Kloster und Schloss mit einer den steilen Hang überwindenden Mauer geschlossen werden. Da jede Unterbrechung der Mauer im Verteidigungsfall eine Schwachstelle darstellte, wurden Tore nur dort vorgesehen, wo Wege und Straßen dies erzwangen.

In der ältesten erhaltenen Fassung des Stadtrechte von 1358 sind vier Tore genannt. Die Auflistung war wie folgt: Das „Hintere Bürgertor“, das Richtertor, das „Törle“ und das Lechtor. Das Dokument vermerkt auch die Namen jener Bürger, die den Tordienst versehen mussten und die im Gegenzug den „Keller“ nutzen durften. Unter „Keller“ verstand man damals einen von Mauern und Gewölbe umschlossenen Raum. Der aber lag keinesfalls unter der Erde, sondern wie die „Cella“ des antiken Tempels ebenerdig. 

Vier Tore

Das „Hintere Bürgertor“ lag ohne jeden Zweifel auf dem Baumgarten und zwar genau dort, wo die Via Claudia Augusta, jetzt die Straße des Reiches, das Stadtgebiet erreichte und wo heute noch immer ein Tor den Zugang ermöglicht. In der Fortführung erscheint nun das „Richtertor“, das am Fuß des Schlossberges und zugleich am Ende der Richtergasse (heute Ritterstraße) lag. Im Laufe seiner langen Geschichte erscheint es in den Aufzeichnungen mitunter auch als Kempter oder Pfronter Tor. Das dritte Tor, das „Törle“ schloss die Reichenstraße nach Norden. 

Schon 200 Jahre später hatte sich dafür der Name „Kuglertor“ eingebürgert, dem zur Seite bald gleichwertig der Begriff Augsburger Tor stand. Das vierte Tor, das Lechtor, erhob sich im unteren Viertel der heutigen Lechhalde, an einem Platz an dem bereits gewachsener Fels anstand. Damals lag die Sohle des Lechbettes wesentlich höher als dies heute der Fall ist, und das Flussufer konnte sich bei Hochwasser bis hierher verlagern. 

Die innere Vorstadt mit Spitalgasse, Floßergasse und Spitalkirche gab es damals noch nicht. Am Bestand veränderte sich fast genau 200 Jahre lang wenig oder nichts. Erst mit den ab 1492 häufigen Aufenthalten des Kaisers Maximilian I. kamen wahre Besucherströme in die Stadt und brachten sie an die Grenzen ihres Fassungsvermögens. Das gute Einvernehmen zwischen Kaiser und Landesherr, dem Bischof von Augsburg, veranlasste Letzteren, die kleine Stadt in einem enormen Kraftakt fast auf das Doppelte zu erweitern.

 Zwischen den Jahren 1499 und 1503 entstand eine fast Kilometer lange Mauer. Sie zog ausgehend vom Seilerturm um die Sebastianskapelle und die Kirche St. Stephan herum bis nach St. Mang und zum Hohen Schloss. Im Zug dieser Maßnahme entstanden die vier Rundtürme sowie das „Bleichertörle“ und das „Faulenbacher Tor“ und ein weiteres Tor mit einem Zwinger vor dem bestehenden „Bürger Tor“ auf dem Baumgarten. Weiters entstand an der Schwangauer Straße das „Bichelestor“ und das „Tiroler Tor“, ein einfaches Mauertor, neben der Lechbrücke. 

Von dem ursprünglichen Mauertor bei St. Sebastian hat sich das von Jörg Lederer in Stein gehauene Relief mit dem Doppelwappen von Bischof und Hochstift erhalten. 

Enormer Aufschwung

Die rund 25 „Kaiserjahre“, der Mauerbau und die Riesenbaustelle des Hohen Schlosses hatten einen ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung zur Folge. So wurde aus der einst eher bäuerlichen Stadt mit hölzernen Häusern eine prachtvolle, steinerne Stadt mit erlesenem gotischen Gepräge. 

Das bauliche Erbe dieser glanzvollen Periode ist heute nur noch in wenigen Fassaden erhalten, aber noch an der Dachlandschaft ablesbar. Am Ende dieser „goldenen Jahre“ besaß Füssen einen eindrucksvollen Mauerring, der rund 20 Türme und zwei Mauertore umfasste, darunter sechs prachtvoll gestaltete Tortürme Ähnlich wie das erst im Jahre 1864 abgebrochene „Augsburger Tor“ hatten die Türme Maße von rund 6,50 mal 6,50 Meter im Grundriss und verfügten über eine Höhe von fast 20 Metern. 

Wie die Türme am Hohen Schloss erhielten auch die städtischen Tortürme eine zugleich wehrhafte wie prachtvolle Giebelarchitektur mit Lisenen und schlanken Fialen. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren die Fassaden ähnlich der Malereien am Hohen Schloss aufwändig farblich gestaltet. 

So schmückte am Kuglertor die Landseite ein großes Fresko der Madonna, unter ihr wachten links und rechts des Tores zwei Landsknechte. Mit dem Tod Maximilians 1519 änderte sich alles. Die früheren Besucherströme blieben aus, der neue Stadtteil bei St. Sebastian füllte sich nicht mehr mit Lebenden, sondern mit Toten. 

Der 30-jährige Krieg fügte Mauern und Türmen empfindliche Schäden zu, die zu beheben sich keine Mittel fanden. Mit der Entwicklung moderner Geschütze verloren die Bauwerke außerdem ihre einstige Schutzfunktion, der Unterhalt unterblieb deshalb und die Mauern verfielen.

Nach der Säkularisation und der erzwungenen Zuordnung zum neuen Königreiches Bayern und dessen rigoroser Beamtenschaft ging man bald daran, in so eifriger wie kindlicher Weise Stadtmauern und Türme abzureißen. Nur Städte mit kluger Führung entzogen sich damals dem Zeitgeist.

In Füssen fehlte, wie auch später so oft, ein in die Zukunft weisendes Denken. Der Chronist Mang Seelos verfolgte mit wehem Herzen, mit welch diabolischer Freude und nicht nachvollziehbarem Eifer die Modernisten unter seinen Mitbürgern die steinernen Zeugnisse ihres einstigen Stolzes, ihrer Kultur und ihrer Geschichte zerschlugen: Als etwa der Baumeister Cölestin Daiser aus der Hinteren Gasse mit Hilfe eiserner Keile das Faulenbacher Tor in einer riesigen Staubwolke zum Einsturz brachte, sahen die Stadtväter mit Begeisterung zu.

Magnus Peresson

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