Serie "Füssen und seine Historie"

Vom Dorf aus Holz zur Stadt aus Stein

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Eine Fassade aus der Zeit Kaiser Maximilian I. an der oberen Reichenstraße. Vor Jahren stellte sie Restaurator Manfred Sattler wieder mustergültig her.

Füssen – Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte, Personen und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute berichtet er über die Stadt Füssen zu Zeiten Kaiser Maximilians I.

Füssen erlebte die glanzvollsten Tage seiner Geschichte mit den Aufenthalten Kaiser Maximilian I. am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Zwischen 1494 und 1518 hielt sich Maximilian immer wieder einmal im Hohen Schloss auf, insgesamt 186 Tage, an denen er das Reich von Füssen aus regierte. Die dem Kaiser auf den Fuß folgende Kanzlei mit ihren Schreibern und Kopisten verfertigte, wo immer sie Station machte, Schriftsätze und Urkunden für die Bittsteller, die vor den Kaiser traten. 

Die Kenntnis über die Dauer der Aufenthalte des Kaisers in Füssen beruhen zuverlässig auf Dokumenten, die er im Hohen Schloss unterzeichnet hatte. Der Kaiser liebte Füssen, das er gerne sein „Klein Augsburg“ nannte, nachdem er sich selbst als „Bürgermeister von Augsburg“ bezeichnet hatte. Die Vorliebe des Kaisers für das kleine, nicht mehr als zweitausend Einwohner zählende Füssen beruhte unter anderem auf der günstigen Lage an der Straße, die von Innsbruck nach Augsburg führte. 

Innsbruck, nicht viel größer als Füssen, war des Kaisers liebste Stadt und das mächtige Augsburg der Ort, an dem er aus den Händen Jakob Fuggers die finanziellen Mittel für Kriegsführung und Lebensunterhalt erhielt. Hinzu kam wohl auch, dass man sowohl von Innsbruck als auch von Füssen aus die schnellsten aller denkbaren Verkehrswege nach Wien nutzen konnte, die Flüsse Inn und Lech. Zu den Vorzügen Füssens gehörte auch, dass der stets unter Geldnot leidende Regent im Hohen Schloss die Gastfreundschaft des Bischofs von Augsburg genießen durfte. 

Die nahen, wildreichen Berge und Wälder und die Seen des Umlandes versüßten die freien Tage des Kaisers mit Jagd, Fischfang und der Falknerei. Zuletzt aber war es die einmalige, abwechslungsreiche Landschaft, die der schöngeistige Kaiser allein schon deshalb liebte, weil sie ihn an Tirol erinnerte.

Füssens Lage an einer der wichtigsten Straßen Europas, an der Verbindung von Venedig zu den niederländischen Hafenstädten, sorgte für reges Leben in der Stadt. Die Zahl der Wirtshäuser mit ihren Stallungen, der Schmiede, der Wagner und den Möglichkeiten auch in einem schlichten Bürgerhaus ein Nachtlager zu bekommen, deckten den Bedarf der Zeit. Kaufleute mit ihren Planwagen zogen durch die Stadt, genau wie Kuriere diverser Fürsten und der großen europäischen Handelshäuser, Pilger auf dem Weg zur ewigen Stadt, Bettler, Abenteurer, manchmal auch ein Trupp Schwerverbrechen, die sich mit Ketten aneinander geschmiedet zu den Galeeren Venedigs schleppten. 

Die belebte Stadt quoll, sobald und sooft sich der Kaiser in Füssen aufhielt, über von seinem vielköpfigen Hofstaat, von dem Hofstaat des gastgebenden Augsburger Bischofs, von Gesandten aller Herren Länder und ihrem Gefolge, von Bittstellern und Heerführern, von Landsknechten und buntem, fahrenden Volk. 

15 Jahre eine Baustelle

Schon vor dem ersten Besuch des Kaisers in Füssen hatte der Bischof den Befehl gegeben, seine bisher wehrhafte, aber finstere Burg über der Stadt in eine glanzvolle Residenz zu verwandeln. Nachdem die Arbeiter 15 Jahre lang am Schloss gebaut hatten, wurde die Arbeiten 1505 abgeschlossen. Als Referenz an den Kaiser mit seinen romantischen Vorstellungen von Mittelalter und Rittertum griff man auf Bau- und Stilformen zurück, die einer bereits vergangenen Zeit angehörten. War es hundert Jahre vorher nötig gewesen, die Türme möglichst hoch aufzumauern, um während der Verteidigung den fallenden Steinen eine möglichst verheerende Wirkung zu verleihen, so musste man jetzt niedere Türme mit extrem dicken Mauern errichten. Befestigungen, die imstande waren, dem Beschuss durch schwere Artillerie standzuhalten.

Die aktuelle Entwicklung der Kriegstechnik, die der Kaiser andernorts geschickt zu nutzen verstand, wurde beim Bau des Hohen Schlosses nicht beachtet. Die Anlage mit ihren schlanken Türmen, ihren übersteilen Dächern, den Lisenen und Fialen ihrer Giebel, den malerischen Kaminköpfen und die einzigartige Bemalung der Fassaden, war schon zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung aus der Zeit gefallen.

Die Raumnot, die durch die kaiserlichen Aufenthalte entstand, führte zu der Entscheidung, die Stadt um große Flächen zu erweitern. Es dauerte vier Jahre, das östlich und südlich der Stadt gelegene Areal mit einer rund siebenhundert Meter langen Mauer zu umfrieden und sie mit sieben Türmen zu bestücken. Das Volumen der in dieser Zeit entstehenden, öffentlichen Bauten überstieg bei weitem die Leistungskraft der heimischen Bauwirtschaft. 

Arbeiter lagern vor Füssen

Die Füssener waren deshalb darauf angewiesen, Arbeitskräfte aus einem weiten Umkreis in die Lechstadt zu holen. Die ortsfremden Handwerker hausten vermutlich in Zelten und Behelfsbauten vor den Mauern. In den Steinbrüchen vom Kienberg bis zur Roten Wand, in Hohenschwangau und Deutenhausen arbeiteten ganze Rotten von Steinbrechern.

In den Gruben der Ziegelwies, in Faulenbach und am Ziegelberg wurde, soweit die Witterung es erlaubte, nach Lehm gegraben und ohne Unterbrechung rauchten rund um die Stadt die Kalk- und Ziegelöfen. Allein deren Schürlöcher verschlangen gewaltige Mengen von Brennholz. Es war damals üblich, dass Frauen und Kinder im Lechbett Kalksteine klaubten.

Steinhäuser entstehen

In den Wäldern schlugen Scharen von Holzknechte Bau- und Feuerholz und durch die Stadt zog ein nicht endender Strom von Ochsenfuhrwerken, die Steine, Mauersand und Anmachwasser für den Mörtel an die Baustellen lieferten, die über die ganze Stadt verteilt waren. Mensch und Tier mussten mit Lebensmitteln und Futter versorgt werden, die nur das Umland erzeugen konnte. Alles unterlag einer ausgefeilten Logistik. Aus den Kaisertagen zog aber nicht allein die Stadt Gewinn, sondern das gesamte Umland in den Grenzen des späteren Landkreises Füssen und weit darüber hinaus. 

Mit dem Strom der Gäste und der überhitzten Bautätigkeit hob sich sehr schnell der Wohlstand der Bürger und es wuchs damit auch deren Stolz. Und das wurde auch bald in Füssen sichtbar: Aus dem dörflichen Ortsbilds mit hölzernen Häusern wurde eine steinerne Stadt, wobei sich die Bauweise an die Architektur des Hohen Schlosses anlehnte. Es entstanden stattliche Gebäude aus Bruch- und Ziegelsteinen, gemauerte Gewölbe und gemauerte Kaminzüge, hohe Dachstühle mit zwei und drei Böden und harter Bedachung. Zur Straße hin setzte man prachtvoll gestaltete Fassaden in kraftvoller Farbigkeit. Wenig ist davon erhalten, aber das Auf und Ab der steilen, geschuppten Dächer hält die Erinnerung an die blühenden Kaiserjahre noch immer wach. 

Vom Schloss in die Kirche

In diesen Jahren entstand angeblich auf Anregung und Kosten des Abtes von St. Mang das architektonische Kuriosum der „Langen Stiege“ zwischen St. Mang und dem Hohen Schloss. Durch den Umbau des bestehenden Wehrganges entstand ein Treppenhaus mit wohl mehr als 200 Stufen, das es dem Kaiser ermöglichte, trockenen Fußes von seinen Räumen im Nordflügel des Hohen Schlosses bis zur Westempore der alten Klosterkirche hinab zu steigen.

Der heute noch erhaltene, obere Abschnitt der steilen Treppe umfasst immer noch rund 100 Stufen. In den Jahren der kaiserlichen Aufenthalte hatte sich das zum Hochstift Augsburg gehörende Füssen in ein Städtchen von unverkennbar maximilianischer Prägung verwandelt. Die Bauweise des Schlosses und die charakteristischen Rundtürme der Stadtummauerung (die sich im Vinschgauer Glurns wieder finden), die schmalen hohen Häuser der Stadt mit ihrer Giebelzier, ihren Windfahnen und den filigranen Nasenschildern der Gasthäuser mögen dem Kaiser wie ein Konglomerat aus dem ihm vertrauten Bild kleiner Tiroler Städte und ferner burgundischer Wehrbauten erschienen sein. Ein Ambiente, das sein Gemüt erfreute und ihm ein wohliges Gefühl von Heimat vermittelte. 

Noch mehr als dreihundert Jahre nach dem Tod des Kaisers erschien den Reiseschriftstellern des 19. Jahrhunderts das Stadtbild Füssens wie eine liebenswürdige Vorwegnahme Tiroler Städte und Burgen.

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