Serie "Füssen und seine Historie"

Als der Papst nach Füssen kam

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Das „Papstzimmer“ im Turm des Kloster St. Mang.

So etwas hat es in Füssen noch nie gegeben: ein Papst zu Besuch. Am 6. Mai 1782, vor 235 Jahren, kam Papst Pius VI. nach Füssen. Er traf von Augsburg kommend am späten Nachmittag in der Stadt ein, übernachtete in St. Mang und reiste am folgenden Tag nach Tirol weiter. 

Die 18 Stunden, die zwischen Ankunft und Abreise des hohen Gastes lagen, zählen zu den glanzvollsten Episoden der Stadtgeschichte. 

Doch von Anfang an: Der reformfreudige Sohn Maria Theresias von Österreich, Kaiser Joseph II., hatte nach dem Tod seiner Mutter eine Reihe von Reformen vorgenommen, die sich in nachteiliger Weise auch auf die Struktur der Amtskirche auswirkten und die Schließung einer Reihe von Klöstern einschlossen. 

Papst Pius VI., der das zu recht als verhängnisvoller Beginn einer für die Katholische Kirche schädlichen Entwicklung erkannte, entschloss sich zu einem Akt bisher nicht dagewesener Demut. Er reiste im März 1782 nach Wien, um den Kaiser zur Rücknahme oder Modifizierung seiner Reformen zu bewegen.

Doch die Zeit, in der der Papst als oberste Instanz respektiert und seine Wünsche den Herrschenden Gebot war, war längst vorbei. Die Zeichen der Zeit standen auf Sturm und die für die Kirche und die Gesellschaft allgemein sich anbahnende Entwicklung sollte sich nur neun Jahre später in der französischen Revolution blutig entladen. 

Die Mission des Papstes erwies sich als ein von höflichen Floskeln begleiteter, diplomatischer Fehlschlag. Obwohl Pius VI. vier Wochen lang in Wien blieb, verließ er die Stadt ohne sein Ziel auch nur im Ansatz erreicht zu haben. Fürstbischof Clemens Wenzeslaus von Augsburg, der von der Reise erfahren hatte, lud den Pontifex ein, den Heimweg über Augsburg zu nehmen. 

Die Fahrt, die am 22. April in Wien begann, führte das Oberhaupt der Kirche durch weitgehend erzkatholisches Land über München nach Augsburg. Wenn man den Chronisten der Zeit Glauben schenkt, so gab es keinen Kilometer entlang der Strecke, an dem sich nicht Gläubige einfanden, um den Papst zu sehen. 

Wer konnte, der lief zur Landstraße, um nach oft stundenlangem Warten den Heiligen Vater hinter den beschlagenen Scheiben der Kutschenfenster mehr zu ahnen als zu sehen. Mütter hoben ihre Säuglinge der Kutsche entgegen, hoffend, dass allein ein Blick des Papstes dem Kind lebenslangen Segen schenken würde. 

Feierlicher Empfang

Der damalige Füssener Bürgermeister Joseph Benedikt Schmid, der ein sehr gottesfürchtiger Mann war, hat in seinem „Einschreib Buch“ die Stunden des Papstbesuches in unserer Stadt festgehalten. 

Demnach wurde seine „bebstliche Hailigkeit“ mit Kreuz und Fahnen am Augsburger Tor empfangen und unter der Begleitung der Konvente von St. Mang und St. Stephan, der marianischen Bruderschaft und dem Rat der Stadt zur Klosterkirche von St. Mang begleitet, um dort ein „Laudamentum“ anzustimmen. 

Dem Papst gefiel der Hochaltar von St. Mang, dessen venezianische Vorbilder er sicher gekannt hatte, dabei so gut, dass er ihn von einem mitreisenden Maler zeichnen ließ. 

Gewiefter Bürgermeister

Im Beisein des Konvents, von Bischöfen und Äbten, speiste der hohe Gast vermutlich im Festsaal des Klosters St. Mang.

Die unmittelbar daran anschließenden Zimmer hatte man eigens für den hohen Gast herrichten lassen. Der kurze Aufenthalt bescherte diesen Räumen bis auf den heutigen Tag den Namen „Papstzimmer“. 

Bürgermeister Schmidt gelang es am 7. Mai in dem Trubel des Aufbruches zur Weiterfahrt, das von den hochstiftischen Wachen streng abgeschirmte Klostertor zu passieren. Er schrieb: „Ich ging an den Wachen vorbei, als ob ich die wichtigsten Geschäfte zu erledigen hätte. Und so hatte ich unter den vornehmsten Gästen stehend das Glück, dass ich Ihre päpstliche Heiligkeit sieben Mal hart an mir vorbei gehen sah und ich habe jedes Mal den Segen erhalten.“ 

Trotz eisiger Temperaturen und regnerischem Himmel wimmelte es in der Stadt von Menschen, die aus allen Teilen des Umlandes gekommen waren. Bevor der Papst im Klosterhof in die Kutsche stieg, betrat er den hoch über der Lechhalde liegenden Erker, um von dort aus seinen Segen zu spenden. 

Auf dem Platz vor der Spitalkirche und auf der Lechbrücke standen die Gläubigen Schulter an Schulter. Der Hutlerberg (heute Kalvarienberg) war schwarz vor Menschen und auf den flach geneigten Schindeldächern der Häuser auf beiden Seiten der Lechbrücke saßen die Gläubigen in dermaßen großer Zahl, dass man den Einsturz der Dachstühle befürchtete. Im strömenden Regen verließ Papst Pius VI. schließlich die Stadt. Pius VI. (1775 – 1799) als Giovanni Braschi in Cesena geboren, entstammte einem verarmten Grafengeschlecht. 

Er war ein hochgewachsener, schöner Mann, den hoher Kunstsinn und große Eitelkeit auszeichnete. Die nach ihm und seinem Vorgänger Clemens XIV. benannte Abteilung „Pio-Clementino“ der Vatikanischen Museen verdankt seinen Reichtum an einmaligen Exponaten auch Pius VI. 

Johann Wolfgang von Goethe, der ihn am Allerseelentag 1786 während der Feier einer heiligen Messe in der Hauskapelle des Quirinals erlebt hatte, schrieb dazu in seiner „Italienischen Reise“: „Der heilige Vater, die schönste, würdigste Männergestalt, Kardinäle von verschiedenem Alter und Bildung. Mich ergriff ein wunderbar Verlangen, das Oberhaupt der Kirche möge den goldenen Mund auftun und, von dem unaussprechlichen Heil der seligen Seelen mit Entzücken sprechend, uns in Entzücken versetzen…“ 

Als Goethe am 20. November auf der inneren Galerie der Kuppel im Petersdom stand, „ging der Papst unten in der Tiefe vorbei, seine Nachmittagsandacht zu halten. Es fehlte uns also nichts zur Peterskirche.“

Tod in Frankreich

Allerdings erlebte Rom unter Pius VI. den „Nepotismus“ – die Begünstigung naher Verwandter und der damit verbundenen, unverhältnismäßigen Bereicherung – in einer höchst schamlosen Form. Nach der Besetzung Roms durch französische Truppen im Jahre 1797 eröffnete General Berthier im Mai 1798 dem Papst, ihn nach Frankreich deportieren zu müssen. Als der mittlerweile 80 Jahre alte Pius darum bat, in Rom sterben zu dürfen, erhielt er die Antwort: „Sterben können Sie überall“.

Pius wurde nach Frankreich gebracht, wo er am 29. August 1799 in Valence verstarb. 1802 wurde sein Leichnam in einem wahren Triumphzug nach Rom überführt und in unmittelbarer Nähe zum Petrusgrab beigesetzt. Der Ort der Aufstellung könnte besser nicht gewählt sein, es ist die in das Kirchenschiff vertiefte, sogenannte Confessio vor dem Baldachinaltar Berninis unter der Kuppel von St. Peter. 

Dem Unglücklichen wurde im Jahre 1818 in den Vatikanischen Museen ein großer Korridor gewidmet. In vielen bunten Gemälden hielt der Maler Domenico de Angelis die wesentlichen Stationen seines bewegten Lebens fest, darunter auch Szenen der erfolglosen Reise nach Wien. Aber zurück nach Füssen: Der auf einem mächtigen Pfeiler ruhende, seit dem Papstbesuch sogenannte Segenserker gegenüber der Spitalkirche, ist heute ein stilvolles, dem städtischen Kulturamt zugeordnetes Besprechungszimmer. 

Ob es je einem der vielen Besucher, die dort auf dem Ledersofa sitzend und den Blick auf die nahen Berge genießend, wohl bewusst war, für welch bedeutsames Ereignis der kleine Raum einmal den würdigen Rahmen gegeben hatte?

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