Serie "Füssen und seine Historie"

"Heilig und unnahbar"

+
Der Entwurf des Franz Graf von Pocci: Ansicht der Nordfassade der neuen Burg in Hohenschwangau. Dieses Projekt sah die Erhaltung und den behutsamen Ausbau der beiden Ruinen Vorder- und Hinterhohenschwangau vor.

Unter dem Titel „Füssen und seine Historie“ stellt der Kreisbote historische Orte und Ereignisse vor. Architekt und Historiker Magnus Peresson nimmt Sie dabei an die Hand. Heute schildert er, wie es zum Bau von Schloss Neuschwanstein kam.

„Wundervoll ist der Alpsee am frühen Morgen, wenn der Nebel sich zerteilt und das Schloß in hehrer Pracht sich zeigt.“ Mit diesen bewegenden Worten berichtete der 17-jährige Kronprinz Ludwig am 10. August 1863 seine Eindrücke an die Erzieherin Sibylle Meilhaus. 

Mit dem Schloss war Hohenschwangau gemeint, die Sommerresidenz der königlichen Familie und der liebste Aufenthaltsort Ludwigs, später sein erklärter Lebensmittelpunkt. Hohenschwangau bildete das Zentrum eines vom Kronprinzen Maximilian geschaffenen Gesamtkunstwerkes der Romantik. 

Es umfasste in der Ebene Alleen, in den Ammergauer Bergen ein Netz von Reitwegen, Pfade und steile Steige in sieben Etagen am Schwarzenberg aufsteigend, Teeplätze an herausragend schönen Orten, einen Garten nach englischem Vorbild und die Superlative aller Wanderfreuden, der Alpenrosenweg. Zwei in ihrem Charakter gegensätzliche Seen prägten die Schnittstelle zwischen der Ebene und den in wilder Schroffheit aufragenden Felsbergen, der verborgen liegende, von Schilf umgebene Schwansee und der feierliche Alpsee. 

Hier hatte Ludwig schwimmen gelernt und hier war es, wo er im Kahn sitzend und auf den Wellen schaukelnd, das Libretto von Richard Wagners Lohengrin las und dabei in eine für ihn bisher fremde Welt eintrat. Mit der tragischen Geschichte des glücklosen Lohengrin war er vertraut, seit er die bunten Bilder der Sage an den Wänden des väterlichen Schlosses zum ersten Mal bewusst gesehen hatte. 

Für den im Anblick dieser Bilderwelt heranwachsenden Prinzen war es keine Frage, dass Lohengrin einer seiner Vorfahren gewesen war und dass ihm selbst einmal das Amt des Gralskönigs zufallen würde. Mit Lohengrin, dem von Gott gesandten Gralsritter, Helden und Retter einer von ihren Feinden bedrängten Frau, identifizierte er sich jenseits jeder Schwärmerei auch noch als amtierender Monarch. 

Interesse ist geweckt

Am 2. Februar 1861 hatte Ludwig nach langem Betteln dem Vater den Besuch der Oper Lohengrin abgetrotzt. Der Fünfzehnjährige sah von Freudentränen überströmt und von Geschichte und Musik gleichermaßen überwältigt das tragische Geschehen auf der Bühne und von da an verging kein Tag, an dem der Name Richard Wagners nicht im Tagebuch Ludwigs erschienen wäre. 

Von da an rückten auch die Ruinen von Hinter- und Vorderhohenschwangau in das Blickfeld des Prinzen. Am 18. Juli 1863 vermerkte er den Besuch der „alten Burg“ am Bellatfall in seinem Tagebuch und am 27. Oktober besuchte er bei Mondenschein die Ruinen und er kehrte von diesem Spaziergang erst nach Mitternacht zurück. 

Durch den frühen Tod des Vaters im März 1864 erhielt der 18 Jahre alte Ludwig Würde und Amt des Königs. Doch schon zwei Jahre später überschattete sein Leben ein Ereignis, das ihn zutiefst erschütterte und an Abdankung denken ließ: Auf Grund alter Verträge trat Bayern an der Seite Österreichs in einen Krieg gegen Preußen ein. Für Ludwig II., der Gewalt ablehnte, war dieser Krieg unannehmbar. Unannehmbar auch deshalb, weil der gegnerische Kriegsherr zu seinen nächsten Verwandten gehörte. 

Dazu kam, dass die bayerische Armee nicht nur schlecht gerüstet, sondern auch denkbar schlecht für eine kriegerische Auseinandersetzung vorbereitet war. Mehr oder weniger planlos irrten seine Verbände an der Nordgrenze Bayerns umher und bescherten ihrem Land eine beschämende Niederlage. Dem König war es bewusster als den alten Männern seines Kabinetts, dass Bayern im Spiel der politischen Kräfte keine bedeutende Rolle mehr zufiel. 

An dieser Stelle begann Ludwig II. Weg in die innere Emigration. König von Gottes Gnaden zu sein, war ihm in der Realität verwehrt und nur noch in einer Welt möglich, die er sich selbst schaffen musste. Und diese Welt würde eine aus Schlössern bestehende Kulisse sein. Und während in Berlin Bismarck (der im übrigen als überzeugter Monarchist den Bayernkönig schätzte und ihm auf dem Feld der Diplomatie mehr zutraute als allen seinen Ministern zusammen) und sein König von einem auf „Blut und Eisen“ gegründeten Reich schwärmten, befand sich der friedliebende, nach Schönheit hungernde Bayer schon auf einem besonderen Weg. 

Auf diesem sollte ein Königreich entstehen, dessen tragende Stützen die Kunst sein würde, in dem Musik, Theater, Literatur und Architektur und eine nicht von der Amtskirche dominierte Religion den Maßstab aller Dinge bildeten. 

Runder Aufbau

Am 31. Mai 1867 besuchte er die eben wieder hergestellte Wartburg bei Eisenach, wenig später zusammen mit Kaiser Napoleon III. das aus einer Ruine erstandene Schloss Pierrefonds in Nordfrankreich. 

Jetzt fiel der Entschluss, die ihm vertrauten Ruinen hoch über Hohenschwangau zu einem Refugium nach eigenem Gusto auszubauen. Im Überschwang der Begeisterung schilderte der König Richard Wagner sein Vorhaben und er setzte eine Charakterisierung des Bauplatzes hinzu: „Der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar.“ 

Die ersten Pläne sahen vor, dem mächtigen, quadratischen Turmstumpf von Hinterhohenschwangau einen runden Aufbau mit vielen kleinen Zimmern aufzusetzen. Die Räume des Königs sollten in dem wieder hergestellten Vorderhohenschwangau liegen. Nach den vorliegenden Grundrissen entstanden nun durch Künstlerhand Entwürfe für die das Land einmal beherrschende Nordfassade.

Den schönsten Entwurf legte der greise Graf Franz von Pocci vor. Nicht viel weniger schön fiel das aus der Hand des Bühnenmalers Christian Jank stammende, mit zarten Farben aquarellierte Blatt aus. 

Ein großer Geist

Bald aber wurde klar, dass keine auch noch so gekonnte Restaurierung des mittelalterlichen Gemäuers geeignet war, dem Geist des Königs zu entsprechen. 

Das, was den König ausmachte und seine Persönlichkeit würde reflektieren können, erforderte etwas ganz anderes, verlangte nach Größe und Weite und beanspruchte neben der scheinbar grenzenlosen Kraft des Bauherrn den Einsatz der besten Kräfte des Landes. Etwas Neues musste entstehen, ein Bauwerk, das mit allem, was in ihm Gestalt annahm, den König verkörperte. 

Der mit weißem Stein verkleidete Bau, die Verwirklichung der von den Dichtern des Mittelalters erträumten Burg eines Gralskönigs, reflektiert heute wie ein Spiegel seinen Bauherrn, eines Königs, dessen Schicksal es wohl war, dass die Zeit seine Größe nicht ertragen konnte. Bei allem, was Ludwig II. in den ersten Jahren seiner Amtszeit tat, war er gezwungen, streng zu haushalten. 

Denn noch immer lebte der Großvater, Ludwig I., der größte Bauherr unter Bayerns Königen. Mit ihm musste er die Mittel aus der Liste teilen. Als Ludwig I. im Herbst 1868 starb, setzten sofort die Vorbereitungen für den Bau oberhalb von Schwangau ein: Man legte die in stets gleich bleibender Steigung geplante Straße zur künftigen Baustelle an, eine Meisterleistung des Gebirgsstraßenbaues, und eine Wasserleitung aus dem Tal der Bleckenau. Beides waren Voraussetzung für das, was dann in mehr als eineinhalb Jahrzehnten Bauzeit auf dem Felsen über der Bellatschlucht entstehen sollte – ein Projekt, das – obwohl es nicht annähernd vollendet wurde – bis zum heutigen Tag Millionen von Menschen aus aller Welt anziehen würde.

Magnus Peresson

Auch interessant

Meistgelesen

Hohes Leistungsniveau
Hohes Leistungsniveau
Vom Produzent zum Direktor
Vom Produzent zum Direktor
Mann rastete aus und verwüstet Bar
Mann rastete aus und verwüstet Bar
"Wir wollen Frauen Mut machen"
"Wir wollen Frauen Mut machen"

Kommentare