Serie "Füssen und seine Historie" 

Der Kampf gegen den Drachen

+
Der Drachenkampf von Roßhaupten in St. Mang.

Füssen - Am heutigen Magnustag erzählt der Füssener Historiker Magnus Peresson über den Kemptener Hofmaler Franz Georg Hermann und den Drachenkampf von Roßhaupten.

Als Johann Jakob Herkomer im Oktober 1717 starb, hatte der vielseitig begabte Baumeister erst einen Teil jener Fresken in St. Mang vollendet, die das von Legenden umrankte Leben des heiligen Magnus darstellen sollten. Das Bildprogramm, das Herkomer zusammen mit dem Konvent während der Planphase erarbeitet hatte, sah rund 50 Bilder vor. 

Der Baumeister hatte noch den Beginn der Legende darstellen können: Den Abschied des jungen Magnus von seinen Eltern, eine figurenreiche Szene mit einer antikisch anmutenden Palastarchitektur über dem Pfarraltar. Ein Knabe, der am unteren Bildrand mit dem Rücken zum Betrachter sitzt, hält einen vergoldeten Haken empor, der sich bei genauer Betrachtung als die Ziffer „eins“ entschlüsselt und somit den Beginn der Legende markiert. An Hand der Nummerierung, von der sich nur ein Teil erhalten hat, konnte jeder Pilger die Vita des heiligen Magnus abschreiten.

Um den Rest der Legende vollenden zu können, ließ sich der Konvent von St. Mang für die Suche nach einem geeigneten Maler fast zweieinhalb Jahre Zeit. Die Überlegung war, einen Freskanten zu finden, der imstande war, in kongenialer Weise das Werk zu vollenden. Zudem sollte er auch bereit sein, sich der Malweise Herkomers anzupassen. 

Der richtige Mann fand sich in Ottobeuren: Der junge Maler Franz Georg Hermann war ein ehrgeiziger Mann, der an der päpstlichen Academia di San Luca in Rom geschult worden war. In Ottobeuren war Hermann in der großen Schar meist italienischer Künstler nur einer von vielen. Hier fühlte er sich auch nicht seinem Können angemessen respektiert.

Maler flüchtet

Im Juni 1720 kam es zum Abschluss eines Vertrages. Nach dem sollte Hermann insgesamt 22 „Stücke“ in der Klosterkirche und dazu das Fresko über der Treppe zum Fürstensaal malen. Um sich des lästigen Auftrags in Ottobeuren zu entledigen, griff Hermann zu einem Trick. Er tat im Gasthof zum Goldenen Ochsen so als wäre er betrunken, beschimpfte vor großem Publikum den Kanzler des Reichstiftes mit unflätigen Worten und verließ wenige Minuten vor der drohenden Verhaftung das Gasthaus. Im Stall stand schon sein gesatteltes Pferd bereit und Hermann ritt was das Zeug hielt nach Füssen. 

Wenige Tage später stand er schon auf dem Gerüst in der erst halb fertigen Kirche. Dort malte er mit grenzenlosem Selbstbewusstsein in eine der mit rund zwanzig Quadratmetern größten Bildflächen über dem Mittelschiff den „Tod des heiligen Magnus“. 

Es war ein fulminantes Gemälde, in dem er voll Stolz präsentierte, welches Können er sich in seinen römischen Jahren angeeignet hatte. Er fügte in dieses Bild ein Selbstportrait ein, das ihn in der Kleidung eines Handwerkes zeigt, wie er mit einer Pelzkappe auf dem Kopf, mit Weste, Schurz und Gamaschen gekleidet, den Malstock in der Hand, die Treppe zu einer Gruppe von Bettlern hinunter steigt. 

Auf der Stufe unter seinen Füßen hat er seine Signatur und die Jahreszahl 1720 hinterlassen. 

Drache von Roßhaupten

Dem Konvent kam es nun vor allem darauf an, eine der spektakulärsten Episoden der Magnuslegende, den Kampf des Heiligen mit dem Drachen von Roßhaupten, ins rechte Bild zu rücken. 

Wie bei allen anderen Szenen auch, die sich in der Umgebung des Klosters ereignet haben sollen, sollte Hermann den Schauplatz so genau und so erkennenswert wie nur möglich darstellen. Aus diesem Grund durchstreifte Hermann die Umgebung Füssens und fertigte Skizzen, die er in Entwurf und Ausführung aufnahm. So war Hermann in Waltenhofen, an Lusalten und „Mangesessele“. Er stieg außerdem auf den Älpeleskopf, um den Fresken mit den Bären am Säuling die rechte Kulisse zu verleihen. 

Feuer wird zum Verhängnis

Bei der Darstellung des Drachenkampfes sollte Hermann den Schauplatz, der ja am Wege von Roßhaupten nach Füssen lag und den Einheimischen vom Augenschein her bekannt war, so genau wie möglich erfassen. Hermann erkundete deswegen nicht nur das Tiefe Tal mit der alten Brücke, er stieg auch in das enge, felsige Bachtal hinab und suchte weiter einen Ort, von dem aus das Umfeld überschaubar und geeignet war, neben dem Drachenkampf auch eine große Anzahl von Menschen darzustellen. 

Er sollte in dem Fresko die Unerschrockenheit, den Mut und das Gottvertrauen des Heiligen im Kontrast zu Angst, Feigheit oder Ohnmacht der Einheimischen setzen. Jeder mutlose oder verzagte Betrachter konnte hier ein leuchtendes Beispiel für den eigenen Lebensweg finden. Den rechten Standpunkt für seine Überlegungen fand Hermann schließlich auf der rechten Lechseite, gegenüber der Einmündung des Tiefentalbaches in den Lech, wenig flussaufwärts jener Stelle, wo sich der Lech in die Illasbergschlucht ergoss. 

Wenn die Kunstgeschichte Franz Georg Hermanns Drachenkampf auch nicht allzu viel Lob abgewinnen konnte, so ist das Bild von allen seinen Fresken doch das volkstümlichste geblieben. Hermann schuf einen Bildaufbau, bei dem eine dunkel gehaltene Felsszenerie aus dem unteren Stuckrahmen herauswächst, während knorrige Bäume die seitliche Begrenzung bilden. 

Der Hintergrund hellt sich so weit auf, dass Landschaft und Wolkengebilde sanft in einander übergehen. In der Bildmitte erscheint die Steinbrücke, die im Forggensee immer noch erhalten ist, mit ihrem schmalen, hohen Bogen und einem Strebepfeiler. Ein gekalkter Bildstock und ein dunkles Wegkreuz, ein Reiter und ein Wanderer auf der Brücke vermitteln ein authentisches Bild der Örtlichkeit um 1720. 

Zwischen den Felsen am unteren Bildrand liegt der Kadaver eines Schimmels mit abgerissenem Kopf. Der Schädel eines Pferdes, ein Totenkopf und verstreute, bleiche Knochen zeugen vom Unwesen des Drachens. Der bildet mit dem heiligen Magnus den dramatischen Mittelpunkt. Vor hellem Hintergrund schreitet der Heilige, in der linken Hand den Magnusstab, auf den Drachen zu. 

Das Untier peitscht mit dem Schweif, es schlägt mit den Flügeln, richtet sich auf die Hinterbeine auf und streckt die Krallen der Vorderpranken dem Heiligen entgegen. Der weit geöffnete Rachen speit Feuer. Doch das wird dem Tier zum Verhängnis. Denn Magnus hat mit der rechten Hand schon eine Pechkugel geworfen, die sich entzünden und im Rachen des Tieres explodieren wird. 

Auf die Felsen zu beiden Seiten des nur wenig Wasser führenden Tiefentalbaches haben sich verängstigte Menschen geflüchtet, die nun aus sicherer Warte das dramatische Geschehen beobachten. Männer mit Dreschflegel, Heugabel und Lanze, stehen da und gestikulieren. Einer versucht gar auf einen Baum zu steigen. Die schönste Szene spielt sich am linken Bildrand im Schutz eines vorspringenden Felsblocks ab: Ein Mann liegt bäuchlings am Abgrund und versucht einen Blick auf den Drachen zu werfen. 

Ein Mädchen im blauen Rock wendet sich ab, dreht aber doch den Kopf zurück. Hinter ihr richtet sich eine mit einem Mieder bekleidete Frau mit Knoten im Haar auf und hebt erschrocken beide Hände. 

Ein Symbol für die Natur

Der Drache der Sagen und Legenden war ein Symbol, dessen Bild allein der Phantasie der Künstler entsprungen war. Denn kein Mensch hatte je ein Geschöpf gesehen, das man als Drache hätte bezeichnen können. Im Drachen jedoch ein Symbol des Heidentums sehen zu wollen, wie dies gerne geschieht, widerspricht den Fakten. Das von der Kirche sogenannte Heidentum war zu der Zeit, da der heilige Magnus nach Füssen kam, längst untergegangen. 

Da die Christianisierung Bayerns schon ein halbes Jahrhundert vor dem Wirken des heiligen Magnus abgeschlossen war, ist der Drache als Symbol für das Heidentum nicht mehr legitim. In Wahrheit stehen sowohl der Drache von Roßhaupten als auch die wilden Tiere am Lusalten in Füssen für die unbezähmbaren Kräfte der Natur, konkret für die zerstörerische Gewalt des Wassers, des Lechs. 

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte bedarf auch der Auftrag, den der Bischof von Augsburg an Magnus erteilt hat, einer neuen Interpretation. Seine Leistungen für die Menschen in Füssen und seine Verdienste um die hoch stehende Kultur im Füssener Land werden dadurch nicht geschmälert. Wer 1250 Jahre nach seinem Tod noch immer im Gedächtnis der Menschen lebt, muss Großes geleistet haben.

Magnus Peresson

Auch interessant

Meistgelesen

Ein "Ort mit Wohlfühl-Atmosphäre"
Ein "Ort mit Wohlfühl-Atmosphäre"
Taucher verunglückt tödlich
Taucher verunglückt tödlich
"Der Sommer war sehr gut"
"Der Sommer war sehr gut"
Unbeständige Sicherheitslage
Unbeständige Sicherheitslage

Kommentare