Serie "Füssen und seine Historie":

"Ein einmaliges Zeugnis für den frühen Wasserbau"

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Zwei steinerne Brücken überqueren bis heute den Königsgraben, der im Sommer dicht mit Schilf bewachsen ist.

Heute blickt der Füssener Architekt und Historiker Magnus Peresson in die Nachbargemeinde Schwangau und erzählt   über den Schwangauer Wassertalgraben.

Im Jahre 1537 starb mit Georg von Schwangau der letzte eines uralten, einst bedeutenden Geschlechtes. Sein Besitz, die Herrschaft Schwangau, ging nun an den Augsburger Patrizier Hans Paumgartner, der die alte Burg Schwanstein mit Hilfe von Spezialisten aus dem oberitalienischen Val d’ Intelvi zu einem prachtvollen Schloss ausbauen ließ. 

Der Mann, der vor Ort die Bauarbeiten zu überwachen hatte, der Pfleger Sigmund Rothut, versuchte auch, die kleine, bisher wenig ertragreiche Herrschaft auf einen gesunden Wirtschaftsbetrieb umzustellen. Rothut hatte mit gutem Blick erkannt, dass das von Schwarzenberg, Kienberg und Berzenkopf eingeschlossene, versumpfte Gelände außer der Gewinnung von Torf keinerlei Nutzen abwarf. Der Schwansee besaß zwar mehrere kleine Zuflüsse, von denen der Kalte Bach der wasserreichste war, er hatte jedoch keinen Abfluss, so dass die Umgebung das ganze zuströmende Wasser aufnehmen musste. 

Sigmund Rothut wollte nun den See mit Hilfe eines Grabens entwässern und damit den gesamten Bereich trocken legen. Rothut hatte auch erkannt, dass zwischen dem Fuß des Tegelberges und Schwangau eine flache Senke lag, die vom See weg nach Nordosten führte. Dass diese Senke einmal nichts anderes gewesen war als der nacheiszeitliche Verlauf des Lechs, konnte damals keiner wissen. Der Lech hatte nämlich einmal, als der Felsriegel des Lusaltens zwischen Kalvarienberg und Vilserberg noch sehr hoch war, die Einsattelung zwischen Kalvarienberg und Schwarzenberg überströmt und dann den Weg über Schwansee und Bannwaldsee genommen. Von dort war er durch das breite Tal unter dem Illasberg abgeflossen.

Arbeiten beginnen 1572

Die geplanten Ausschachtungs- oder Grabungsarbeiten sollten also nur dem Hauptstrich des vorgeschichtlichen Lechgerinnes folgen. Die Arbeiten setzten 1572 ein. Diese leisteten vermutlich allein die Schwangauer Bauern im Frondienst. Die Stelle, an der der Graben am See ansetzte, ist heute noch erkennbar. Von hier aus verlief er zum Fuß des Kienberges und schlängelte sich dann bis zum Bullachberg, an dessen südlichem Hangfuß er entlang führte. Von dort setzte er sich, immer ein wenig mäandernd, in nordöstlicher Richtung fort und überquerte südlich von St. Coloman die spätere Fürstenstraße bis er auf den Lußbach traf. Der war nichts weiter als ein zum Regime der Bellat gehörendes, meist aber trockenes Gerinne. 

Der Lußbach vereinigte sich schließlich mit der Bellat, nahm wenig später den Abfluss des Bannwaldsees, die Ach, auf, um dann, vorbei an Brunnen und Forggen, dem Lech zuzuströmen. Das Projekt wies eine Länge von annähernd vier Kilometer auf und obwohl das ursprüngliche Profil, seine Breite und Tiefe nicht mehr bekannt ist, mussten wohl an die 30.000 oder mehr Kubikmeter Erdreich ausgegraben und bewegt werden. Eine ungeheuere Leistung, von der nicht bekannt ist, wie lange sie dauerte. 

Der vollendete Graben aber entwässerte – wie geplant – den gesamten Kessel des Schwansees. Noch im Jahre 1784 wurde errechnet, dass sich der Ertrag aus dieser Maßnahme auf 100 Gulden pro Jahr belief. Als Kronprinzen Maximilian das gesamte 144 Tagwerk umfassende Gelände am Schwansee erworben hatte und er hier ab 1838 einen Garten nach englischem Vorbild angelegen ließ, verlegte man den Ablauf am See etwa 50 Meter nach Osten und gab dem neuen, etwas breiteren Graben einen weiten, S-förmigen Verlauf.

Obwohl auch er später überflüssig wurde, zeigt er sich noch immer während der Schneeschmelze. Auch nach heftigen Regenfällen ist er mit Wasser gefüllt und im Sommer mit einem dichten Schilfwald bestanden. Den Königsgraben überqueren bis heute zwei steinerne Brücken. Vor der Querung der Parkstraße lag noch vor gut 50 Jahren ein Sperrwerk mit Zahnrädern und geschmiedeter Falle in diesem Graben. 

Hier war es möglich, die Menge des abfließenden Wassers zu regulieren bzw. den Wasserspiegel des Schwansees in konstanter Höhe zu halten. 

Sekretär ertrinkt

Damit schien der Graben eine natürliche Fortsetzung des Schwansees zu sein und mit Sicherheit konnte er, ähnlich wie der Kalte Bach auch, mit dem Kahn befahren werden. 

Das Wasser am Wehr war immerhin so tief, dass am 6. September 1882 der Sekretär der Königinmutter Marie an dieser Stelle ertrank. Nachdem sich weder König Ludwig II noch Prinzregent Luitpold für den Englischen Garten, dem heutigen Schwanseepark, interessierten, kam es zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu der Überlegung, dieses Gelände nur noch wirtschaftlich zu nutzen. 

Man beschloss, den Graben, dessen Wasserfracht weniger als einen Kubikmeter pro Sekunde betrug, durch ein unterirdisches Gerinne zum Lech hin zu ersetzen. 1915 ging man ans Werk und setzte dazu einen Trupp russischer Krieggefangener ein. 

Ein Teil der Arbeiten erfolgte im Tagebau und mit in Ortbeton gegossenen Rohren. Im Bereich von Alterschrofen wurde dann unterirdisch weitergebaut und zwar auf eine Länge von genau 546 Metern. Da der Untergrund hier aus lockerem, glazialen Schotter besteht, kann die Leistung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Am Lechrain hinter dem Hof Landhannes war ein Sturzgefälle nötig. Von dessen Fußpunkt zog der Kanal quer durch die damals noch regelmäßig von Lech überfluteten Auen.

Zum Schutz vor dem reißenden Hochwasser entstand vor dem Hauptgerinne des Flusses ein mächtiges Einlaufbauwerk aus Beton, dessen dunkel verwitterte Oberfläche lange Zeit wie der Rücken eines Sauriers aus dem verwachsenen Gelände ragte. Graben wird zur Müllhalde Seit etlichen Jahren wird das Schwanseewasser nicht mehr direkt in den hier bereits aufgestauten Forggensee eingeleitet sondern in die Lechauen. 

Das Einlaufbauwerk am Schwansee, heute von dichtem Buschwerk umgeben, erfüllt wie der gesamte Kanal noch immer seinen Zweck. Mit der Inbetriebnahme des neuen Kanals war der alte Graben überflüssig geworden und den Anrainern nun eher ein Dorn im Auge. Hierher wurde anschließend Abfälle aller Art entsorgt. Noch immer herrscht das Gerücht, dass auch manches Schrottfahrzeug im Graben ruhe. 

Der heute restlos verfüllte Graben zeigt sich vom Tegelberg aus immer noch durch die feine Verfärbung des Bewuchses. Im Gelände markiert vereinzeltes Strauchwerk und der eine oder andere Baum den einstigen Verlauf. Von den beiden alten Steinbrücken über den Graben, eine nordöstlich des Bullachberges und eine südwestlich der Colomanskirche, die beide noch bis vor 50 Jahren erhalten waren, findet sich heute nicht eine Spur.

In allen Hochkulturen der Menschheitsgeschichte regelten Gesetze, dass die Anlieger an öffentlichen Kanälen ihren Anteil des Grabens sauber zu halten hatten. Dokumentiert ist dies schon für das Zweistromland vor mehr als 4000 Jahren. Mit der Fertigstellung des Grabens um 1575 waren nun auch die Schwangauer Anlieger verpflichtet, ihren Anteil am Graben, den „Wasserteil“ sauber zu halten. Sie standen damit in einer Jahrtausende alten Tradition. Sie taten nichts anderes als die Menschen in biblischer Zeit an Euphrat und Tigris lange vor ihnen. 

Falsche Niederschrift 

Als das Füssener Land ab 1816 kartographiert wurde, schickte das Königreich Bayern sogenannte Topographen, ortsfremde, angeblich aus Sachsen stammende Vermesser nach Schwangau. Die heimische Mundart war für sie eine Fremdsprache. 

Deshalb verstanden sie nicht einen der Flurnamen, die ihnen die Einheimischen mitteilten. So machten sie aus „Wassertoal“ (Wasserteil) Wasserthal. Weil der so verfälschte Name Eingang nicht nur in amtliche Karten sondern auch den Weg in das Grundbuch fand und sich in Verträgen und in der Amtssprache verfestigte, wurde die ursprüngliche Form bald auch den Einheimischen fremd. 

Der Name in der richtigen Form „Wasserteil – Graben“ findet sich heute nur noch auf einem Bauplan für das Gut Bullachberg, handschriftlich eingetragen von Raphael, Prinz von Turn und Taxis, 1928. Der Wasserteilgraben in Schwangau ist jedenfalls ein einmaliges Zeugnis für den frühen Wasserbau im Füssener Land und ein kulturgeschichtliches Zeugnis von hohem Rang, würdig genug im Gedächtnis der Menschen bewahrt zu werden, vor allem aber in dem der Schwangauer.

Magnus Peresson

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