Serie "Füssen und seine Historie"

Die vergessenen Türme

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Diese Aufnahme ist vermutlich 1867 entstanden. Der Fotograf stand dabei an der Ruine Hinterhohenschwangau. Rechts von der Marienbrücke scheinen auf dem höchsten Punkt die Mauerreste des „Sylphenturms“ wie eine natürliche Fortsetzung des kahlen Felsens zu sein.

Heute erzählt der Architekt und Historiker Magnus Peresson über die vergessenen Wachtürme im Füssener Land.

Im Füssener Land, das bis zum Katzenberg im Außerfern reichte, gab es einst mehr als zwanzig kleine und große Burgen, Wallanlagen und feste Häuser. Mauerwerk zeigen bis auf den heutigen Tag Hohenfreyberg und Eisenberg, die Nesselburg und die Burg von Hopfen, Falkenstein, Vilsegg und Loch bei Pinswang. Ehrenberg, die größte Festungsanlage Nordtirols, lag zwar an der Peripherie und gehörte zur Grafschaft Tirol, war aber Teil eines mittelalterlichen Frühwarnsystems, das ganz Tirol umfasste. 

Die „Kreidefeuer-Verordnung“ stützte sich auf paarweise angeordnete, riesige Holzstöße, die im Kriegsfall schnell entzündet werden konnten. Von der ersten Feuerstelle des Kreidefeuers oberhalb des späteren Forts Claudia liefen im Falle einer Bedrohung des Landes Feuerzeichen durch alle Täler Tirols und sie endeten erst mit der Burg von Arco am Gardasee. 

Möglicherweise war der von Graf Meinhard II. von Tirol auf Augsburger Grund und Boden erbaute Falkenstein bei Pfronten nicht mehr als eine Ergänzung des Tiroler Warnsystems bis zu einem Punkt, von dem aus über Auerberg, Tannen- und Peißenberg nicht nur Augsburg, sondern auch der östliche Bereich des Hochstiftes bis hin zu Ammer- und Starnberger See erreicht werden konnte. 

Ähnliche Funktion hatten auch die Sarazenentürme entlang der italienischen Küsten, die es angeblich möglich machten, innerhalb eines halben Tages die Bewohner der gesamten Küstenlinie an der Adria vor Piraten zu warnen. Bei den vergessenen Türmen des Füssener Landes handelte es sich um Signaltürme mit weiter Fernsicht, die dem Schutzbedürfnis der Bevölkerung gerecht werden sollten. Sie waren aus Stein gebaut und dienten allein der Überwachung der vorbeiführenden Straßen. Derartige Bauten erhielten mitunter aus Gründen der Ersparnis einen kreisförmigen Grundriss von kleiner Grundfläche bei beachtlicher Turmhöhe. Die Rundform wurde im Mittelalter als „symwel“ bezeichnet. 

Daraus entstand der Name „Symwel Turm“, der sich im Lauf der Zeit zu Symweller, Symbel und Simpl verwandelte und schließlich in seiner jüngsten Form zu Siebeler. In der bayerischen Sprachlandschaft ergaben sich dabei die Varianten „gscheibter Turm“ oder „Scheibling“. 

Kempten greift ein

Der erste der Türme ist durch eine Reihe von Urkunden belegbar. Es handelt sich dabei um den zum Burgenensemble von Hohenschwangau gehörenden „Sinwellen Turen“. 

Dieser erhob sich auf einer der Südabdachung des Schwarzenberges vorgeschobenen und von ihr durch einen Sattel getrennten Kuppe oberhalb des Gasthofs Schluxen. Von hier aus besteht Sichtverbindung mit der Ehrenberger Klause und Neuschwanstein. In die Spannungen zwischen dem deutschen Kaiser und der Republik Venedig verstrickt, missbrauchten die reichsfreien Herren von Schwangau immer wieder das ihnen übertragene Geleitrecht zwischen dem Fernpass und der Illach.

Im Jahr 1441 hoben sie den Zug zweier italienischer Kaufleute aus, schafften die Güter in den Symwellen Turm und setzten dort die Fuhrleute gefangen. Auf eine Beschwerde Venedigs hin setzte die Stadt Kempten, stellvertretend für die 22 oberschwäbische Reichsstädte, einen Trupp von Söldnern in Marsch, die den Turm eroberten, die Gefangenen befreiten und das Raubgut zurück gaben. 

Gleichzeitig wurde der Turm zum „offenen Haus“ erklärt, was ihn dem Zugriff der Herren von Schwangau entzog und ihn für sie wertlos machte. Mangelnde Pflege begünstigte seinen Zerfall und verwandelte ihn bald in einen heute überwachsenen Steinhaufen. Der Turm wurde vergessen und allein der Flurname „Siebeler“ erinnert noch an seine Existenz. 

Hoch in der Luft

Der zweite Turm gehörte wie der Sinwellen Turm zum Ensemble der beiden Hohenschwangauer Burgen, deren Platz heute Schloss Neuschwanstein einnimmt. Bei der Ruine Hinterhohenschwangau stehend, sah der Schongauer Landrichter Lorenz Boxler noch im Jahre 1837 am höchsten Punkt westlich der Bellatschlucht „mit Grauen“ die Reste einer „römischen Thurmwarte“, Mauerwerk, das wie ein riesiger Zapfen über den dort senkrecht abfallenden Fels hinaus ragte. Im Hinblick auf den Bau von Neuschwanstein zeichnete im Sommer 1868 der Obergeometer Bumiller einen „Situationsplan des Burgberges mit der Jugend und der zur Ruine Hohenschwangau führenden Straße“.

Der Plan umfasste das Gebiet zwischen Alpsee, Gipsmühle und der Marienbrücke und er enthält neben dem festen Turm von Hinterhohenschwangau einen weiteren Turm mit quadratischem Grundriss westlich der Marienbrücke. Daneben steht der Name „Sylphenturm“. Als Sylphe hatte 300 Jahre vorher der große Arzt Theophrastus Paracelsus Geister bezeichnet, deren Heimat die Lüfte waren. Der Name Sylphenturm beschreibt somit ein Bauwerk, das von unten betrachtet in der Luft zu schweben schien. 

Noch heute sichtbar

Carl Berchtold, Pfarrer in Waltenhofen von 1861 bis 1883, befreite die Mauerreste von Moos und Lauberde und stellte ein Geviert von sechs mal sechs Metern bei einer Mauerdicke von einem Meter fest. 

Das auch heute noch sichtbare Mauerwerk aus sauber zugehauenen Quadern ist schwindelerregend an die senkrecht abfallende Felswand zur Bellatschlucht hinaus gerückt. Dabei ist es von dermaßen hoher Qualität, dass es selbst die im Oktober 2016 in unmittelbarer Nähe vorgenommenen Sprengungen schadlos überstand. 

Wahrscheinlich hatte der Turm, der vielleicht die erste Burgstelle in Hohenschwangau war, ursprünglich die Aufgabe, das Tal der Bleckenau, den Übergang in den Ammerwald und den Weg nach Ettal zu schützen. Gleichwertig stand neben dieser unterstellten Schutzfunktion aber auch der Blick von dort in die Weite. Sichtverbindung bestand über den Alpsee hinweg zum Symwellen Turm und die Möglichkeit, von dort Signale aufzunehmen oder aber welche dorthin zu senden. In Sichtweite des Sylphenturms liegen auch der Falkenstein und der Auerberg. 

Kaum Belege

Der dritte der vergessenen Türme ist der Burgenliteratur unbekannt. Es sind bisher auch nur zwei bescheidene, schwer zugängliche Texte, die einen sicheren Beleg für seine Existenz enthalten: Im Jahre 1837 erschien aus der Feder des Tiroler Historikers und Benediktiners Beda Weber ein umfangreiches Werk mit dem Titel „Das Land Tirol“. 

Darin verwies er nicht nur auf die Höhlenburg „Loch“ bei Pinswang, sondern auch auf eine Ruine, die er auf dem darüber liegenden „Burgschroffen“ gesehen hatte. Nur fünf Jahre später erwähnte auch Theodor Hartwig in einem Reisebericht die Mauern des „Lochs“ und auf der Felswand darüber die Reste einer Burg. Vor Ort sind keinerlei Spuren mehr vorhanden. Der Bau eines Turmes auf einem dermaßen ausgesetzten, wasserlosen und nur kletternd erreichbaren Felskopf kann nur aus einem Grund erfolgt sein.

Da es hier oben weder etwas zu beschützen, noch etwas zu verteidigen gab, bleibt allein der Blick auf den Verlauf der Straßen. Die Sicht reicht bis nach Ehrenberg im Osten, Vilsegg im Südwesten und im Norden bis zum Gefängnisturm am Hohen Schloss in Füssen. Damit erweist sich dieser Turm ohne Zweifel als Teil des Wehrsystems. Die Grenze des Stadtgebietes lag ja noch in der Zeit um 1500 auf der Passhöhe des Kratzers, städtischer Grundbesitz reicht dorthin bis auf den heutigen Tag. 

Die drei hier beschriebenen Türme gehörten einst zu einem ausgeklügelten Warn- und Signalsystem des Füssener Landes. Seine Einrichtung verdankte es der Sorge des Landesherrn um die Sicherheit seiner Untertanen und auch dem guten Einvernehmen zwischen den Bischöfen von Augsburg und den Grafen von Tirol.

Magnus Peresson

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